, 18. Mai 2014
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Um den Schlaf gebracht

In der Gemeinde Thal lehnte eine knappe Mehrheit die Umzonung im Fuchsloch zu einem Durchgangsplatze für Schweizer Fahrende ab. Dani Fels über die Abstimmung und fehlende gesellschaftliche Solidarität.

Meine Urgrossmutter, die Romni aus Serbien, die 1915 in Rorschach sesshaft wurde, hätte wohl schlaflose Nächte, wenn sie mitansehen müsste, dass fast hundert Jahre später die Feindseligkeit gegen Fahrende in demokratisch veredeltem Antiziganismus eine Fortsetzung findet. Diesmal trifft es die Jenischen, die seit 1998 eine anerkannte nationale Minderheit bilden und die trotz eines Bundesgerichtsurteils vom 28. März 2003 (BGE 129 II 321 ff. ) noch immer auf eine ausreichende Zahl an Stand- und Durchgangsplätzen warten.

Heute hätte es die Gemeinde Thal, unweit von Rorschach – das meiner Grossmutter erst reserviert, später mit zunehmender Anerkennung und Solidarität begegnete – in der Hand gehabt, ein Signal gegen die tief in unserer Gesellschaft verankerte Feindseligkeit gegenüber Fahrenden zu setzen. 1056 Bürger und Bürgerinnen von Thal wollten dieses Zeichen der Anerkennung einer fahrenden Lebensweise setzen, 1183 hielten dagegen und lehnten die Umzonung eines Areals für einen Durchgangsplatz ab. Der Gemeindepräsident Raths meint dazu, die Gegner hätten mit allen Mitteln versucht, gegen das Vorhaben Stimmung zu machen.

Einen Eindruck, was er damit gemeint haben könnte, liefern zum Beispiel Facebook-Postings von politischen Amtsträgern der Gemeinde Thal. Einem Schulrat der CVP ist es nicht peinlich, dort in bester Stammtischmanier zu verkünden, dass «jeder für seinen Lebensstil selber verantwortlich» sei und dass es «in der Eigenverantwortung der Fahrenden liegt, solche Plätze zu erstellen und zu unterhalten». Den Höhepunkt setzt er mit dem Satz: «Mir baut auch nicht der Staat mein Haus!». Wenn der Diskurs um unseren Umgang mit Minderheiten und deren Rechte nicht über ein solches Niveau herauskommt, werden weiterhin Stereotype und diffuse Zuschreibungen Entscheide beeinflussen, wie sie die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen von Thal heute zu fällen hatten.

Haben die Gegner und Gegnerinnen des Durchgangsplatzes im Fuchsloch je den direkten Austausch mit Vertretern der Jenischen gesucht? Haben sie sich aus erster Hand über deren Anliegen und die Form der Beteiligung am Betrieb und Unterhalt von Stand- und Durchgangsplätzen erkundigt? Der genannte Schulrat wohl eher nicht, ihm gefällt es besser, mit klischierten Behauptungen Fahrende als Schmarotzer zu verunglimpfen. Seine Rechnung ist in Thal aufgegangen, doch was bleibt und wer hat nach diesem Entscheid etwas gewonnen? Wohl niemand.

Als erstes bleibt die gesellschaftliche Solidarität auf der Strecke, die einer Politik des Egoismus und der Feindseligkeit gegen alles Fremde geopfert wird. Die Jenischen sehen weiterhin ihren vom Bundesgericht bestätigten Anspruch auf Stand- und Durchgangsplätze missachtet, und dies ohne jede rationale Begründung. Schliesslich Thal selber, das sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen muss, in den anschwellenden Kanon der Verunglimpfung von Fahrenden eingestimmt, statt Menschlichkeit gezeigt zu haben.

Mein Dank geht an die 1056 Bürger und Bürgerinnen von Thal, die sich für die Umzonung ausgesprochen haben. Vielleicht setzt sich ihre offene und solidarische Grundhaltung bei einer nächsten Vorlage durch, bei der es wieder darum geht, wie wir uns denn das Zusammenleben in diesem Land künftig vorstellen.

Dani Fels, 1961, ist Dozent an der FHS St.Gallen und Fotograf.

Links zum Thema:
Handlungsmöglichkeiten des Bundes zur Schaffung von Stand- und Durchgangsplätzen für Fahrende (EDI/BAK): Bak_Bericht Fahrende

3 Kommentare zu Um den Schlaf gebracht

  • moser sagt:

    Der direkte Austausch wurde verunglimpft. Im Vorfeld suchten wir das Gespräch resp. wollten am Orientierungsabend teilnehmen, als Herr Haag als Referent aufgetreten ist. Es ist nach wie vor unglaublich, dass man im Zeitalter des Millenniums noch Fragen beantworten muss, die stark an die Zeit erinnert, als Jeremias Gotthelf noch tätig war als Schreiberling. Etwas nicht kennen, bedeutet in unserem Land noch immer, dies auch gleich massiv zu verurteilen! Eigentlich schade, dass nicht alle Schweizer eine reisenden Lebensweise führen, so müssten sich die Gegner des normalen, reisenden Lebens stark wehren , indem sie Ansprüche auf einen festen Wohnsitz stellen müssten, was ihnen schlussendlich nicht zugesprochen wird. Immer dieselben Antworten geben zu müssen ist ermüdend! Bis anhin habe ich wirklich gedacht, dass ich ein redlicher Schweizer bin, der regulären Pflichten hier nachgeht, jedoch werde ich mir je länger, je mehr bewusst, dass dies ein Trugschluss war. Es grüsst ein Jenischer der reist, und jetzt im Büro sitzt, um seinen Unterhalt zu verdienen, um schlussendlich seine Pflichten adäquat nachgehen zu können, ausgenommen natürlich die Begebenheit eine reisende Lebensweise, nicht als normal zu betrachten.

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