, 29. Dezember 2017
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Vom kreativen Impuls

«Dass ein Song dich bewegt, allein darauf kommt es an»: Die Nobelpreis-Vorlesung von Bob Dylan ist auf Deutsch erschienen. von Florian Vetsch

1995, zwei Jahre vor seinem Tod, wurde Allen Ginsberg anlässlich des Katalogs zur bahnbrechenden Ausstellung «Beat Culture and the New America» im Whitney Museum of American Art, NYC, nach den Leitideen der Beat Generation gefragt. Ginsberg nannte Ideen wie die Entwicklung der Spiritualität, die sexuelle Revolution, die Entkriminalisierung von Marihuana und anderen Drogen, die Verbreitung eines ökologischen Bewusstseins, den Kampf gegen die Militärindustrie und die Machenschaften der Regierung etc.; nicht zuletzt wies er auch auf diesen Punkt hin: «die Entwicklung des Rhythm and Blues zum Rock and Roll als hohe Kunstform, welche die Beatles, Bob Dylan und andere populäre Musiker bezeugen, die in den späten 50er Jahren und in den 60er Jahren durch die Dichter und Schriftsteller der Beat Generation beeinflusst worden sind».

Mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Bob Dylan ist diese Idee 2016 Realität geworden: Die stellvertretende Anerkennung seines Schaffens als «hohe Kunstform» ist damit besiegelte Sache. Darüber wurde viel diskutiert, auch über Dylans zögerliche Annahme des Preises. Letztere klärte er selbst in der kurzen Dankesrede, die von der US-Botschafterin Azita Raji am 10. Dezember 2016 beim Bankett nach der Verleihungszeremonie in Stockholm verlesen wurde.

Dylan fehlte an derselben aufgrund längst geschlossener Verträge, die seine «endless tour» betrafen, doch Patti Smith sang an seiner Statt A Hard Rain’s A-Gonna Fall, wobei sie vor lauter Nervosität ob all der Erlauchtheit des anwesenden Publikums prompt einen Blackout hatte und zweimal zu ihrer starken Interpretation des Songs ansetzen musste.

Dylans eigentliche «Nobelpreis-Vorlesung» – die Einreichung derselben binnen eines halben Jahrs war die Bedingung für die Ausschüttung des Preisgeldes in der Höhe von ca. 805‘000 Euro – schickte er als Audiodatei am 4. Juni 2017, praktisch auf den letzten Drücker, an die zuständige Instanz in Schweden, die den Erhalt umgehend bestätigte. Der Text liegt nun in einer schmucken und zugleich wohlfeilen zweisprachigen Ausgabe vor; neben Dylans Vorlesung enthält der schlanke, in schwarzes Leinen gebundene Band aufschlussreiche Anmerkungen sowie die lesenswerte Laudatio, welche Horace Engdahl, Mitglied der Schwedischen Akademie, bei der Verleihungszeremonie vom 10. Dezember gehalten hatte. Dylans «Nobel Lecture» kann, unterlegt mit leisen Pianoklängen, auf Youtube zur Gänze gehört werden.

Darin denkt er über sein Verhältnis zur Literatur nach. Er geht dabei nicht auf die Inspirationsquellen der Beat Generation ein, sondern auf drei grosse Werke der Weltliteratur, welche als Subtext von manchen seiner Lieder durchscheinen: auf Erich Maria Remarques Antikriegsroman Im Westen nichts Neues, auf Hermann Melvilles Opus magnum Moby Dick und auf Homers Epos Die Odyssee.

Dylans Lesart der drei Wälzer ist erfrischend, weil sie vollkommen frei von sekundärem Wust ist. Über die Primärliteratur spricht der Barde aus primärer Sicht, betont das Archetypische ausgewählter Handlungspassagen und verankert es im Existenziellen. So bestätigt er übrigens Ezra Pounds These, dass gute Literatur Neues sei, das neu bleibe.

Bob Dylan: Die Nobelpreis-Vorlesung (aus dem Amerikanischen von Heinrich Detering). Mit Anmerkungen versehen sowie mit der Laudatio von Horace Engdahl, zweisprachige leinengebundene Ausgabe, Hoffmann und Campe, Hamburg 2017, Fr. 18.50

Doch Bob Dylans Vorlesung reduziert sich nicht auf die Wiedergabe dieser prägenden Leseerfahrungen. Gleich zu Beginn geht er auf die künstlerische Erleuchtung ein, die dem 17-Jährigen der Besuch eines Konzerts des frühverstorbenen Rock’n’Roll-Stars Buddy Holly beschert hatte – Buddy Holly war im Alter von nur 22 Jahren zusammen mit Ritchie Valens und The Big Bopper bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, am 3. Februar 1959, dem Tag, den der Folksänger Don McLean in seinem Song American Pie als «the day the music died» beklagt hatte.

Bob Dylan erinnert sich: «Buddy schrieb Songs – Songs mit schönen Melodien und phantasievollen Versen. Und er sang grossartig – sang mit mehr als nur ein paar Stimmen. Er war der Archetyp – alles, was ich nicht war und was ich werden wollte. Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen, das war wenige Tage, bevor er für immer fortging. Ich musste hundert Meilen weit fahren, um ihn zu sehen, und ich wurde nicht enttäuscht. / Er war energiegeladen und elektrisierend und von imponierender Präsenz. Ich stand keine zwei Meter von ihm entfernt. Er war hypnotisch. Ich beobachtete sein Gesicht, seine Hände, wie er mit dem Fuss den Rhythmus klopfte, die grosse schwarze Brille, die Augen hinter der Brille, die Art, wie er die Gitarre hielt, wie er dastand, seinen adretten Anzug. Einfach alles. Er sah älter aus als zweiundzwanzig. Er hatte etwas Zeitloses, und er erfüllte mich mit Überzeugung. Dann, aus heiterem Himmel, geschah etwas Unheimliches. Er sah mir geradewegs in die Augen, und er sendete irgendetwas aus. Irgendwas, ich weiss nicht was. Aber es liess mich erschaudern.»

Gleich danach berichtet Dylan von der illuminierenden Hörerfahrung, die ihm das gefühlte 100-fache Abspielen von Leadbellys Südstaaten-Blues Cotton Fields verschafft hatte. Durch das Einbringen von Buddy Holly und Leadbelly kommt in Dylans Vorlesung eine Orientierung zustande, die sich jenseits der Unterscheidung von Hoch- und Subkultur bewegt. Was für den Singer-Songwriter zählt, ist allein der kreative Impuls, der von einem Werk ausgeht. Und dieser Impuls verwandelt sich bei Dylan in erster Linie in Songs (Dylan malt auch und schreibt Bücher). «Unsere Songs sind lebendig im Land der Lebenden. Aber sie sind etwas anderes als Literatur. Sie sollen gesungen, nicht gelesen werden», schliesst Dylan kurz vor dem Musenanruf seine Vorlesung: «Noch einmal kehre ich zurück zu Homer: ‚Singe in mir, oh Muse, und durch mich erzähl die Geschichte.´»

So versäumt es Dylan nicht, eine Lanze für die naive, sich emotional erschliessende Rezeption eines Werks zu brechen: «Dass ein Song dich bewegt, allein darauf kommt es an. Du musst nicht wissen, was er bedeutet. Ich habe in meine Songs alle möglichen Dinge hineingeschrieben. Und ich mache mir keine Gedanken darüber, was das alles bedeuten könnte.» Ipse dixit.

 

 

 

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