, 13. Februar 2014
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Von Mücken und Elefanten

«Von aussen betrachtet, wirkt der angebliche Dichtestress in der Schweiz wie blanker Hohn», findet Tobias Hänni. Er hat die Abstimmung von Mumbai aus mitverfolgt. 

Man kann Mumbai schlecht mit der Schweiz vergleichen. Hier fast 14 Millionen Menschen auf 600 Quadratkilometern – etwa der Fläche des Kantons Glarus – dort knapp 8 Millionen auf rund 40’000 Quadratkilometern.

Hier funkelnde Hochhäuser in einem endlosen, staubigen Meer aus Mietskasernen und Slums, dort Einfamilienwürfel, heckengeschützte Vorgärten, saftige Wiesen und Weiden. Hier stinkende Müllberge, vergiftete Gewässer, ein überlastetes Strassen- und Schienennetz. Dort sterile Sauberkeit, modernste Infrastruktur und glasklare Alpenseen. Die Unterschiede zwischen der grossen Stadt und dem kleinen Land könnten nicht grösser sein.

Dennoch: Wer als Schweizer in den vergangenen Wochen nach Mumbai gekommen ist, das Echo der giftig geführten Einwanderungs-Debatte in den Ohren, der musste unweigerlich an die Heimat denken. Dieser vibrierende Moloch, die pulsierenden Massen aus Menschen und Tieren, das zähfliessende Chaos aus Rikschas, Taxis, Lastwagen und Handkarren – sie bringen Erinnerungen hoch: An die in der Schweiz bemühten Argumente gegen die vermeintliche Masseneinwanderung, an die Furcht vor der Betonwüste im Mittelland und dem Kollaps der Infrastruktur, an Schlagworte wie Dichtestress und Lohndumping. Und es fühlt sich alles noch ein klein wenig hysterischer an als zu Hause.

In Mumbai findet Immigration im Schnelldurchlauf statt. Die Metropole ist in den letzten vierzig Jahren um die aktuelle Schweizer Bevölkerung angewachsen, von 6 auf 14 Millionen Einwohner. Zurzeit liegt die Bevölkerungsdichte bei 23’000 Menschen pro Quadratkilometer, in der Schweiz sind es 196.

Tausende von Frauen und Männern, ganze Familien und Dorfgemeinschaften aus allen Ecken Indiens kommen jede Woche in die reichste Stadt des Landes. Sie suchen hier Arbeit, eine Perspektive, ein besseres Leben. Wie die Schweiz ist Mumbai ein Ort der Hoffnung und der Träume. Und wie in der Alpenburg mit dem längsten Loch der Welt sind es in der Megacity am arabischen Meer nicht die Immigranten, die am meisten Raum beanspruchen, auf den Strassen, in den Zügen, zum Wohnen.

Die grosse Mehrheit der Zugewanderten kann sich keine Fahrt mit dem Zug oder der Rikscha leisten, besitzt keins der Motorräder oder Autos, welche die Strassen verstopfen und die Luft verpesten. Sie können sich keine der Villen leisten, keine der grosszügigen Apartments in den Hochhäusern, keine Wohnung in den Blocksiedlungen. Bei vielen reicht das Geld nicht einmal für eine winzige Hütte in den Slums, in denen zwei Drittel aller Mumbaiker leben. Tausende Immigranten schlafen auf Trottoirs, in Türnischen, unter Brücken. Wer nachts durch diese Stadt spaziert, der fühlt sich, als würde er durch ein fremdes Schlafzimmer schleichen.

Man kann Mumbai schlecht mit der Schweiz vergleichen. Auch nicht im Umgang mit den Immigranten. Es gibt hier mit der regionalen Shiv Sena zwar ebenfalls eine fremdenfeindliche Partei, die Stimmung gegen die Einwanderer macht. Doch die Stadt und die meisten ihrer Einwohner akzeptieren die Immigranten. Sie geben ihnen die Chance auf den Neuanfang, die sie hier selbst einmal erhalten haben, und rücken dafür einfach noch ein bisschen näher zusammen.

«Würden eine Milliarde Franzosen oder Australier auf so engem Raum leben, gäbe es ein Blutbad», schreibt  Gregory David Roberts in seinem autobiografischen Roman Shantaram über Indien. Ähnliches würde sich wohl auch unter einer Milliarde Schweizer zutragen.

Denn es ist nicht der Platz, der in unserem Land knapp ist, es sind nicht die Jobs und die Wohnungen und ganz bestimmt nicht der Wohlstand. Es ist die Bereitschaft, diese Dinge mit anderen zu teilen. In Mumbai verhält es sich genau umgekehrt.

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Tausende kommen hier jede Woche an: Blick von der Haji Ali Moschee auf die Megametropole Mumbai. (Bild: Tobias Hänni)

 

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