, 28. September 2011
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Von unten nach oben

Wie wichtig ist die Türkei für Europa? Wie gross das Risiko für ein Theater, ein Stück über den Genozid an den Armeniern zu zeigen? Nicht so gross, wie manche befürchten oder einige sich vielleicht gar wünschten. Keine Reaktionen von welchen das Theater St.Gallen wüsste: «Beast on the moon» ist kein Skandal. «Beast on the moon» […]

Wie wichtig ist die Türkei für Europa? Wie gross das Risiko für ein Theater, ein Stück über den Genozid an den Armeniern zu zeigen? Nicht so gross, wie manche befürchten oder einige sich vielleicht gar wünschten. Keine Reaktionen von welchen das Theater St.Gallen wüsste: «Beast on the moon» ist kein Skandal.

«Beast on the moon» ist ein Stück über zwei erwachsene Waisenkinder – die ihre Familien sterben sahen. Wie lebt es sich weiter mit Erinnerungen an den Genozid? Aram Tomasian (gespielt von Marcus Schäfer) möchte die abgeschnittenen Köpfe seiner Eltern und Geschwister, durch eine eigene Familie wieder ganz werden lassen, heilen lassen. Seine Frau, Seta Tomasian (Tinke Fürst), ist aber unfruchtbar. Sie kämpft gegen die Enge daheim und gegen diejenige im Kopf ihres Mannes, und wendet ihr Gesicht nach jedem Anfall immer wieder der Sonne zu.

Das Stück zeigt das Schicksal von zwei Menschen, die Schreckliches gesehen haben. Es stellt keine Schuldfrage und verfolgt kein politisches Ziel, sondern ist schlicht und nah erzählt. Eine Besucherin freut sich, dass Rache keine Verarbeitungsstrategie der Geschundenen in diesem Fall ist. Sie sagt es nach der Aufführung in der Lokremise, als am Sonntag ein Podiumsgespräch geführt wird.

Der Regisseur Artak Grigorjan wollte das Stück schon lange aufführen. Aber in Deutschland wurden Versprechen nicht eingehalten, das Burgtheater und das Theater in der Josefstadt in Wien haben es abgelehnt. Das Risiko sei ihnen zu gross gewesen, vermutet er. Österreich nennt Christoph Frei (HSG Professor für Internationale Beziehungen) aber bald als eines der Länder, das den Beitritt der Türkei in die EU noch lange ablehnen wird. Warum Österreich Angst davor haben könnte, das Stück auf die Bühne zu bringen, wird nicht gefragt.

Es gibt auf dem Podium viele Themen zu bereden. Milo Rau erzählt vom Genozid in Ruanda, wo die Erinnerungen noch frisch sind und die Geschichte kräftig aufgearbeitet wird. Im Gegenzug zur Türkei, die den Völkermord an den Armeniern immer noch nicht anerkennt. Milo Raus Stück «Hate Radio» wird im November in Bregenz zu sehen sein. Es wird am Podium auch über den Hundwiler Jakob Künzler gesprochen, den Schweizer Missionar, der den Genozid erlebt hat und darüber 1919/20 ein Buch schrieb. Seine Enkelin und Urenkelin sitzen berührt im Publikum.

Künzlers Buch «Im Lande des Blutes und der Tränen» wurde von Hans-Lukas Kieser, Professor an der Universität Zürich, vor über zehn Jahren herausgegeben und wird zurzeit neben Armenisch auch ins Türkische übersetzt. Eine wichtige und gute Aufgabe, findet Artak Grigorjan. Denn Künzler schreibt auch davon, wie Türken den Armeniern halfen – sie versteckten, sie beschützten. Das hilft, nicht alle in den gleichen Topf zu werfen.

Grigorjan schliesst das Podium mit einer Geschichte: «Mich hat mal einer gefragt, ob ich Perser sei. Nein, ich bin kein Perser, sondern Armenier, habe ich geantwortet und zurückgefragt, ob er denn Perser sei. Nein, er sei kein Perser, sondern Türke und wenn er einen Armenier träfe, dann schäme er sich.» Es war ein junger Mann, der nichts mit dem Genozid zu tun hatte, aber bereit war die Last der Verbrechen seiner Vorväter zu tragen. «Das macht ihn gross», schliesst Grigorjan.

Die Hoffnung liege im Einzelnen der Gesellschaft, sind sich die Podiumsteilnehmer einig. Der Druck zur Anerkennung des Völkermordes muss von der türkischen Gesellschaft selber kommen. Von aussen kann sie niemand zwingen. Das Aufarbeiten von Traumas geht von innen nach aussen, von unten nach oben; ob für das Ehepaar Tomasian oder für die türkische Gesellschaft. Ein so überlegtes Stück kann gar kein Skandal werden – zum Glück.

 

Lokremise St.Gallen
Mittwoch, 28. September, 20 Uhr
Samstag, 1. Oktober, 20 Uhr

 

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