«Wir haben es geschafft! Hoffe euch alle gesund! Und alles in Ordnung. Nun mein Bericht!», schreibt Willy Geber nach seiner Flucht in die Schweiz in einem Brief nach Wien, August 1938. Seine Geschichte ist eine von 52, die auf dem neuen Stationenweg zu hören sind. Das Jüdische Museum Hohenems eröffnet ihn am 3. Juli gemeinsam mit der Vorarlberger Landesregierung, 22 Städten und Gemeinden in Vorarlberg, der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein sowie einem Dutzend weiterer Partner.
Mut, Verfolgung, Behördenwillkür und Widerstand
Initiant und Projektleiter ist der Direktor des Jüdischen Museums, Hanno Loewy. Das Geschichtsprojekt «Über die Grenze» handle «von Odysseen durch ganz Europa, von einheimischen Schmugglern, die zu Fluchthelfern werden, von Liebenden, die aus dem Gefängnis ausbrechen, und Kriegsgefangenen, die sich verirren, von protestierenden Schülerinnen und Verhören durch die Gestapo, von Abenteuern am Geburtstag, von gefährlichen Wegen über den Rhein und die Berge – von menschlichem Mut, Verfolgung, Behördenwillkür und Widerstand», sagt Loewy.
Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. (Bild: Urs Oskar Keller)
«Auf hundert Kilometern erzählen wir die Geschichte von Menschen, die erfolgreich oder auch vergebens versuchten, über die Grenze die rettende Schweiz zu erreichen». Es sind Menschen wie die Widerstandskämpferin Hilda Monte oder der Schriftsteller Carl Zuckmayer, von der Vernichtung bedrohte Juden aus Wien oder Berlin, aber auch Fluchthelfer auf beiden Seiten, wie Recha Sternbuch und Paul Grüninger, Edmund Fleisch oder Meinrad Juen.
Die Erfahrungen der Flüchtlinge spiegeln sich in persönlichen Briefen, Dokumenten der deutschen und Schweizer Behörden, in Erinnerungen von Zeitzeugen und Fotografien der Schauplätze. Aus ihnen entsteht ein Bild der damaligen Ereignisse aus vielen Perspektiven – zu hören, zu lesen, zu sehen auf beiden Seiten einer Grenze, die heute mehr verbindet als trennt. Am Radweg stolpert man sozusagen über die Grenzsteine mit den Namen der Flüchtlinge und Fluchthelfer. Die Landschaft und die Flüchtlingsschicksale kommen zusammen.
«Mein Glück hatte einen Namen. Paul Grüninger»
Am Grenzübergang Höchst und Diepoldsau sowie an der Vadianstrasse in St. Gallen erfährt man mehr über Recha und Isaac Sternbuch. Recha Sternbuch, 1905 in Galizien geboren, betrieb mit ihrem Mann Isaac Sternbuch in St. Gallen seit 1929 eine Wäsche- und Regenmäntelfabrikation. 1938 begann sie, damit Flüchtlinge zu versorgen. Sie baute ein verzweigtes Fluchthilfenetzwerk auf, organisierte Transitvisa für Flüchtlinge, leitete Informationen über die Massenvernichtung an die Alliierten weiter.
Der Altacher Fluchthelfer Edmund Fleisch brachte eine Jüdin am Alten Rhein bei Hohenems am 28. Oktober 1938 über die Grenze. Sophie Haber (geboren als Susi Mehl) gelingt die Flucht. «Mein Glück hatte einen Namen. Paul Grüninger», sagt sie später. Paul Grüninger sorgt dafür, dass sie in der Schweiz bleiben kann. Ihre Eltern aber enden in Auschwitz.
Der Rhein bei Lustenau vor 1941. (Bild: Josef Nipp, Vorarlberger Landesbibliothek)
An den St.Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger, der 1938 zum Fluchthelfer und 1939 entlassen und verurteilt wurde, erinnert eine weitere Hörstation an der Paul-Grüninger-Brücke am Grenzübergang Hohenems-Diepoldsau sowie am früheren Polizeihauptquartier in St.Gallen. Natürlich fehlen auch die Ostschweizer Diplomaten und Fluchthelfer Ernst Prodolliet aus Amriswil oder Carl Lutz aus Walzenhausen nicht.
Projekt mit 22 Gemeinden in drei Ländern
«Wir setzen», so Hanno Loewy, «am Radweg und weiteren Orten in Vorarlberg, der Schweiz und Liechtenstein symbolische Grenzsteine mit QR-Code.» Eingraviert sind Namen von Flüchtlingen und Fluchthelfern. Der Radweg führt von Bregenz über Lustenau, Hohenems zum Illspitz, dann der Ill entlang über Feldkirch, Bludenz, Schruns bis nach Partenen. Zehn Positionen liegen in der Schweiz und in Liechtenstein, an den Bahnhöfen St.Margrethen und Buchs, und ansonsten immer an der Grenze am Rhein und zwischen Feldkirch und Schaanwald in Liechtenstein.
Eine der Hörstationen am Radweg. (Bild: Dietmar Walser)
Neben dem physischen Weg umfasst das Projekt eine Website, eine interaktive Radkarte, ein Programmheft und ein Buch.
Zur Eröffnung am 3. Juli findet eine Fahrradsternfahrt nach Hohenems statt. Startpunkte sind unter anderem Bregenz, Dornbirn, Lustenau, Hohenems, Altach, Feldkirch und Bludenz. Ein Schweizer Startpunkt ist Marbach; über Heerbrugg und Diepoldsau geht es von dort nach Hohenems. Beim anschliessenden Festakt ab 15 Uhr auf dem Schlossplatz in Hohenems sprechen Nachkommen von Flüchtlingen und Fluchthelfer:innen (Jonathan Kreutner, Gabriel Heim, Simone Prodolliet) sowie der Historiker Stefan Keller und der Migrationsexperte Gerald Knaus.
Den Sommer über gibt es eine Reihe geführter Radtouren, mit Start in Bregenz (16. Juli, 13. August), Lustenau (6. August), Hohenems (9. Juli), Altach (3. September), Mäder (23. Juli), Feldkirch (30. Juli, 27. August), Bludenz (16. Juli, 13. August), Schruns-Tschagguns (10. September) und Dornbirn (20. August).
Das teatro caprile spielt in Gargellen ein interaktives Stück mit dem Titel Auf der Flucht, entlang der Fluchtroute von Österreich über den Sarotlapass in die Schweiz: 15./16./17. Juli, 26./27./28. August, 2./3./4. September. Infos: montafon.at/auf-der-flucht
ueber-die-grenze.at
Dieser Beitrag erscheint in der Sommerausgabe von Saiten. Dort sind auch exemplarisch die Geschichten von Emilie Haas (Hörstation 9) und Arthur Vogt (Hörstation 13) abgedruckt.
Tunneleröffnung
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