Rufen wir das Lexikon auf, so finden wir zu Dieter Leisegang folgenden Eintrag:
«Leisegang (*25. November 1942 in Wiesbaden) war ein deutscher Autor, Philosoph und Übersetzer. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie u.a. bei Adorno und Julius Jakob Schaaf. 1963 schwere Lungenerkrankung. 1968-1970 Lehrbeauftragter für Ästhetik an der Werkkunstschule für Gestaltung Offenbach; bis 1971 auch Dozent für Text und Rhetorik an der Fachschule für Industriewerbung und Absatzförderung in Kassel. 1969 Promotion mit der Arbeit Die drei Potenzen der Relation. 1971-1973 Philosophische Analysen der Werke von Franz Kafka und Karl May. Intensive Auseinandersetzung mit Grundlagenfragen des Grafikdesigns. 1972 Gastdozentur an der University of Witwatersrand in Johannesburg, Südafrika. 1972/73 Seminar Philosophische Aspekte der Literatur in Frankfurt. 21. März 1973 Freitod.»
Suchen wir im Netz nach Bildern, so finden wir wenige. Das Wenige vermittelt uns eine Variante eines «Portraits des Künstlers als junger Mann». Leisegang, fast immer in Anzug, Hemd und Kravatte, das Haar streng linksgescheitelt, mit runder Brille und der obligaten Zigarette.
Dichtung und Philosophie
Dem Ganzen haftet etwas Strenges, fast klischeehaft eine Aura des Philosophischen an. Der Dichter, der sich hinter diesem Bild verbirgt, bleibt verborgen. Es ist kaum möglich, Dieter Leisegang als Zeitgenossen der Literatur um 1968 zu begreifen. Er setzte bis zum Ende auf Innerlichkeit, versteckte sich hinter einer Maske des Bürgerlichen und blieb – bis heute – ein Dichter ohne Resonanzraum.
Kahlschlag I
Vor meinem Fenster fallen Die letzten Paar Bäume
(Das hat Vorteile, sicher Wegen der Weite des Blicks)
Die Stirn an der Scheibe Fällt es mir Wieder ein: Ich wollte
Förster werden
1964 veröffentlicht Leisegang nach zwei Privatdrucken seinen ersten, schmalen Gedichtband Brüche. Bezeichnenderweise werden seine folgenden Bände auch einfachste Titel tragen: Überschreitungen, Interieurs. Der engen Bindung an seinen Freund und Verleger Horst Heiderhoff wird er zeitlebens treu bleiben. Mit ihm begründet er die Reihe Das neueste Gedicht, in der auch seine Übersetzungen von W.H. Audens The Common Life (Das gemeinsame Leben), The Cave of Making (Die Höhle des Schaffens) und der Moment Fugue (Moment Fuge) von Hart Crane erscheinen.
«Ein geschlossenes philosophisches Werk»
Heiderhoff publiziert in der Folge alle seine Gedichtebände, Aphorismen und Essays, darunter seine Schrift Dimension und Totalität, eine Weiterführung aus seiner Dissertation Drei Potenzen der Relation. In seinem Entwurf einer Philosophie der Beziehung hinterlässt er, nach Julius Schaaf, «ein geschlossenes philosophisches Werk, in welchem sich profunde historische Kenntnisse der gesamten Philosophiegeschichte mit einer fast bestürzenden Kraft auf höchstem Reflexions- und Argumentationsniveau bruchlos vereinigen.»
«Die Kunst interpretiert die Welt nicht und kann sie auch nicht verändern. Sie ist für manche allenfalls eine Art und Weise, die Welt bzw. sich selbst zu ertragen.»
Bestürzend ist auch die Kraft der Verknappung, der Engführungen in seinen Gedichten: Im begleitenden Nachwort des Gedichtbandes Interieurs (1966), der erstmals die Arbeiten Leisegang der Jahre 1959-1966 versammelt, wird die Sparsamkeit der Ausdehnung und der Kunstverstand gelobt, die Gedichte zu kleinen, schwebenden Gebilden zu gestalten. Im Veröffentlichten heisst das: 35 Gedichte in 8 Jahren.
Am Ende wird das dichterische Werk acht schmale Bände umfassen, davon zwei Privatdrucke. Die Auflagenzahl schwankt zwischen 180 und 1500 Exemplaren. Mit Vorliebe liess sich Leisegang seine Bändchen von seinem Bruder Joachim (Jolei) illustrieren.
Lücken im Publikum
Einige dieser Trouvaillen werden noch bis in die 80er-Jahre lieferbar bleiben, vor allem posthum Erschienenes. Eine Wegmarke setzte Karl Corino 1980 mit der bei Suhrkamp erschienenen Publikation Lauter letzte Worte, einem Band, der Gedichte und Miniaturen aus dem gesamten dichterischen Schaffen Leisegangs versammelt. 1986 folgte eine weitere Publikation von teils unveröffentlichten Gedichten, herausgegeben von Horst Heiderhoff und Joachim Leisegang. Auch diese Ausgaben, wie die gesamten Erstausgaben sind heute längst vergriffen, die Spuren verödet.
Höchste Zeit also, nach dreissig Jahren Stille, das solitäre Werk Dieter Leisegangs wieder wachzurufen.
Im Schatten der Gruppe 47: Claire Plassard, Daniel Fuchs, Clemens Umbricht und Florian Vetsch präsentieren Inge Müller, Dieter Leisegang, Rolf Haufs & Rolf Dieter Brinkmann: 23. Februar, 20 Uhr, Noisma im Kult-Bau, St.Gallen
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.