, 12. Februar 2019
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Zwischen Rottannen und Dattelpalmen

Am Mittwoch liest Usama Al Shahmani in St.Gallen aus seinem Buch «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch». Peter Müller hat den Roman gelesen.

Usama Al Shahmani hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. (Bild: pd)

Usama Al Shahmani – In der Fremde sprechen die Bäume arabisch – Roman. Ich habe das Buch ein paar Mal im Laden gesehen und jedes Mal gedacht: Das ist sicher einer dieser überpoetischen Titel. Da wird es um alles Mögliche gehen – nur nicht um konkrete Bäume.

Der Lesetipp einer Arbeitskollegin klärte mich dann auf. In diesem Buch spielen Bäume tatsächlich eine Hauptrolle: Rottannen, Birken und Kirschbäume, aber auch Palmen, Dattel- oder Granatapfelbäume. Der Autor, 1971 geboren, ist Iraker und hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. 2002 musste er wegen einem regimekritischen Theaterstück aus seiner Heimat fliegen und kam als Flüchtling in die Schweiz, wo er sich eine neue Existenz aufbauen konnte. Er lebt heute mit seiner Familie in Frauenfeld und arbeitet als Dolmetscher, Kulturvermittler und Übersetzer.

Der Wald als «Labor»

In der Fremde sprechen die Bäume arabisch, sein erster Roman, ist eine Art Collage aus verschiedenen Themen. Al Shahmani erzählt von seinem Vorleben im Irak und seinem schwierigen Neuanfang in der Schweiz, von seiner Herkunftsfamilie, von den Golfkriegen und der Situation im Irak heute. Es ist eine bunte Mischung: Poetisches wechselt mit Brutalem, Ethnologisches mit Autobiographischem. Das ist spannend, verlangt aber eine gewisse Aufmerksamkeit – sonst verliert man den Faden.

Lesungen:
13. Februar, 20 Uhr, Evangelisch-methodistische Kirche St.Gallen
27. Februar, 19 Uhr, Eiszueis Event-Raum, Weinfelden

Und bei alledem spielen – eben – die Bäume eine Hauptrolle. Usama Al Shahmani hat sie in der Schweiz für sich entdeckt, die Einzelbäume und vor allem den Wald, der in der irakischen Kultur ein schlechtes Image hat: ein Unort voll Ungewissheit, Chaos und bösen Geistern. Für den Geflüchteten werden die Bäume zu Gefährten und Gesprächspartnern, die Trost, Kraft und Hoffnung spenden. Da geht es um Poesie und Spiritualität, Heimweh und Heimatsuche, aber auch Psychologie oder Wellness.

Das genau aufdröseln zu wollen, bringt wenig. Besser, man hört dem Autor einfach zu. «Der Wald ist und bleibt mein einziges Labor, in dem all meine Experimente gelingen», heisst es zum Beispiel auf Seite 80. «Ich streue meine Buchstaben, meine Worte, meine Sprache über die Blätter und zwischen die Äste. Im Wald schaffe ich es, mir selbst zuzuhören. Der Wald ist mein einziger Tempel, in dem ich mich leichter fühle. Ich spüre, wie meine Seele sich reinigt und wie ich ein neues Herz erhalte.»

Ein Baumbuch besonderer Art

Diese Baum- und Waldbegegnungen haben auch ihre komischen Seiten: Die schweizerische Wanderkultur wirkt auf Usama Al Shahmani zunächst skurril. Er muss sie erst für sich entdecken, betreibt sie dann aber umso leidenschaftlicher. Und bald gerät dabei auch die Baum- und Waldwelt der alten Heimat in seinen Blick – von der Palme bis zum Zitronenbaum.

In seinen Roman lässt er allerlei davon einfliessen: Bäume im Alltag und im Volksglauben, Bäume als Brennholz, Bäume als Opfer des Krieges. Man stösst bei der Lektüre immer wieder darauf. Es sind spannende Passagen, eindrückliche, berührende. Sie verknüpfen die Welt der Bäume mit Autobiographischem und einem Brennpunkt der Weltpolitik.

Usama Al Shamani: In der Fremde sprechen die Bäume arabisch. Limmat Verlag, 2. Auflage 2019.

Das ist nicht einfach ein «Baumbuch», in dem unterschiedlichste Fakten auf uninspirierte Weise aneinandergereiht sind, von Botanik bis Medizin, von Kulturgeschichte bis Literatur. Solche Bücher gibt es – leider – mehr als genug. Al Shahmanis Buch ist selber eine Art Wald, in dem man viele Entdeckungen machen kann.

Auch hier wieder ein Zitat, es spielt 1991, kurz vor dem Ende des Zweiten Golfkrieges, in Al Nassirija, der Heimstadt des Autors: «Manchmal half ich meiner Mutter, Holz zu sammeln, das halbe Quartier machte sich auf den Weg zum Stadtrand auf der Suche nach etwas Brennbarem. Oft gab es Streit, wer ein Stück Holz zuerst gesehen hatte. Die Bauern mussten ihre Bäume bewachen, damit sie nicht abgeholzt wurden, in der Nacht wurden viele Bäume gestohlen. In einem nahegelegenen Park blieb nur der grosse Sidarbaum stehen. Niemand wagte es, ihn anzurühren.» (S.136)

Was passierte mit Bruder Ali?

All diese Bäume und Wälder bilden auch ein Gegengewicht zum Schwierigen und Brutalen, Trostlosen und Niederschmetternden, an dem es diesem Buch nicht mangelt – vor allem in den Passagen, die im Irak spielen.

Zum Schlimmsten gehört das plötzliche Verschwinden von Al Shahmanis Bruder Ali, einem Studenten. Die Familie unternimmt alles Mögliche und Unmögliche, um ihn oder zumindest seine Leiche zu finden. Vergeblich. Al Shahmani sitzt derweil in der Schweiz fest, blockiert von seinem Asylverfahren. Die einzige Verbindung zum Geschehen bilden Natel und E-Mail – sofern die Verbindung funktioniert.

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