, 16. August 2016
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Das Geschäft mit dem Krieg

War die Schweiz im Ersten Weltkrieg wegen ihrer Neutralität eine Insel des Friedens? – «Nein», sagt der Historiker Heinrich Speich. Davon hat nicht nur die Uhrenindustrie profitiert.

Simplicissimus, das Münchner Satireblatt, erschienen von 1896 bis 1944.

Der Historiker Heinrich Speich sprach am Samstag im Rahmenprogramm zur Sonderausstellung 14/18 – Die Schweiz und der Grosse Krieg des Historischen Museums Thurgau im Alten Zeughaus in Frauenfeld über die Fronten, die sich während der grossen Völkerschlacht in der Schweiz aufgetan hatten – aus rein opptunistischen Gründen, wie er sagt.

Ein drastisches Ereignis in dieser Zeit war die sogenannte Obersten-Affäre: Die Schweizer Generalstabsobersten Friedrich Moritz von Wattenwyl und Karl Egli belieferten seit dem Ausbruch des Krieges sowohl den deutschen wie auch den österreichisch-ungarischen Militärattaché mit dem Tagesbulletin des Generalstabs. Die Aktion war heimlich zwischen den Generalstäben der Schweiz und der Zentralmächte abgesprochen worden. Zudem wurden auch russische Depeschen, die der schweizerische Nachrichtendienst entschlüsselt hatte, den beiden miteinander verbündeten Kriegsmächten zur Verfügung gestellt.

Milde Strafe für die Obersten

Im Dezember 1915 erfuhr der Bundesrat davon. In der Absicht, die Affäre diskret beizulegen, liess General Ulrich Wille die beiden Offiziere versetzen. Erst auf Druck von Parlamentariern, Presse und Öffentlichkeit wurde eine Administrativuntersuchung angeordnet. «Der deuschfreundliche Wille hatte widerwillig zugestimmt», sagt Speich. «Die Generalstabsobersten sind von der Militärjustiz sehr milde bestraft worden. Zwischen der Westschweiz und der Deutschschweiz kam es wegen der Affäre aber zu grossen Spannungen. In der Erwartung von Unruhen im Land ist die Westschweiz von der Armee entsprechend überwacht worden.»

Während des ganzen Krieges war wegen der unterschiedlichen Sympathien für die Kriegsgegner das Verhältnis zwischen den sprachgetrennten Landesteilen angespannt. 1916 sind mit Frankreich Verhandlungen geführt worden, weil vor allem in der Deutschschweiz befürchtet worden war, dass diese Kriegspartei Deutschland über das Territorium der Schweiz angreifen würde.

Speich charakterisiert die Schweizer Armee während des Ersten Weltkrieges als «Abbild der Gesellschaft». «Wer in der Armee etwas zu sagen hatte, hatte auch in der Gesellschaft etwas zu sagen», sagt der Historiker. «Wer aber keinen hohen Rang im Militär bekleidete, spielte auch in der Gesellschaft eine untergeordnete Rolle.»

Im Gegensatz zu heute war während des Ersten Weltkrieges das schweizerische Armeewesen weitgehend kantonal organisiert. Die Bewohner der Kantone leisteten zusammen in den gleichen Einheiten Dienst. «Damit konnte eine sozial Kontrolle ausgeübt werden», erklärt Speich. Das Offizierskorps stellte im Land eine eigene Elite dar und wollte mit der Mannschaft nichts zu tun haben. In der Schweizer Armee dienten während des Ersten Weltkrieges rund 220’000 Mann. Es herrschte ein strenges disziplinarisches Regime, das von der Armeeführung bestimmt wurde.

Abhängigkeiten relativierten die Neutralität

Für die Schweizer Neutralität war der Grosse Krieg laut Speich eine enorme Herausforderung. Das Land sei zu dieser Zeit bereits hochindustrialisiert gewesen, dadurch hätten sich Abhängigkeiten von ausländischen Arbeitskräften, Rohstoffen und vom Goodwill der kriegführenden Länder ergeben. Im Thurgau seien vor allem der Lastwagenhersteller Saurer, aber auch die Textilindustrie in diesen Clinch geraten. Weil LKWs im Krieg von grosser Bedeutung gewesen seien, hätte es in den meisten der kriegführenden Ländern Saurer-Konzessionsbetriebe gegeben, so Speich.

Bei der Beschaffung von Rohstoffen für die Produktion ist es immer wieder zu Engpässen gekommen. Ein anderes Problem war der Absatz von Produkten, die für den Krieg unwichtig waren. So brach beispielsweise die Nachfrage nach Schweizer Uhren völlig zusammen. Auf diese Entwicklung reagierte die Uhrenindustrie umgehend mit der Herstellung und mit dem Export von Zündern für Kriegswaffen.

«Auch andere Industrien setzten sich auf diese Weise über die Neutralität hinweg», sagt Speich. «Die Schweizer Wirtschaft ist im Krieg sehr stark gewachsen. Die Exporte nahmen zu. Der Bund führte gar eine Kriegsgewinnsteuer ein.» Allerdings hätten in der Schweiz nur Industrielle von den enormen Kriegsgewinnen profitiert. Arbeiterschaft und Bauern gingen leer aus.

Der grösste Teil der Bevölkerung litt materiell empfindlich. Die Teuerung zwischen 1914 und der Rationierung ab 1917 betrug 250 Prozent. Es kam zu sozialen Spannungen. Die politischen Beziehungen zu den Kriegführenden sind so gesteuert worden, dass nach wie vor Warenimporte möglich waren. Zu katastrophalen Versorgungsengpässen kam es in der Schweiz deshalb nicht, weil mit den Staaten, die in den Krieg verwickelt waren, ein wirtschaftlicher Ausgleich gepflegt wurde.

Selbst die Tourismusindustrie profitierte

Aus den Kriegsländern sind in der Schweiz zwischen 1914 und 1918 rund 70’000 Menschen interniert worden. Das zahlte sich vor allem für den Tourismus aus. Ab 1915 kam die Branche durch den Krieg praktisch zum Erliegen. Die Touristiker kamen auf die Idee, in die leeren Hotels Internierte, vor allem verwundete Soldaten, einzuquartieren. Die Schweiz hatte sich dafür bei den kriegführenden Ländern angeboten. Dies brachte rund 137 Mio. Franken ein, die von den Ländern bezahlt worden sind, aus denen die Internierten stammten.

Das Geschäft blühte auch für die Orthopädie, denn in der Schweiz boomte die Herstellung von Prothesen für Kriegsinvalide. Zudem sammelten die hiesigen Militärärzte bei der Behandlung von verwundeten Soldaten wichtige Erfahrungen mit der Behandlung von Kriegsverletzungen.

Hinterlassenschaften des Ersten Weltkrieges sind heute noch anzutreffen: die Grenzwache und die Fremdenpolizei. Das 1894 geschaffene bundeseigene Grenzwachtkorps, das vor allem zur Verhinderung des Warenschmuggels zum Einsatz kam, ist in der Folge des Ersten Weltkrieges zwischen 1915 und 1920 massiv ausgebaut und auch für die Personenkontrolle eingesetzt worden. In der Zwischenkriegszeit wurden die Grenzer verschiedentlich gegen demonstrierende und streikende Arbeiter aufgeboten.

Im Rahmen des Schengen-Abkommens hat die Schweiz inzwischen die systematischen Personenkontrollen an den Grenzposten mit den Nachbarländern aufgegeben. Das Grenzwachtkorps agiert nun vermehrt hinter den Grenzen zusammen mit den Kantonspolizeien oder international an den Schengen-Aussengrenzen, im Frontex-Dienst. Flughäfen sind heute die einzigen Grenzposten mit Staaten, die nicht zum Schengen-Raum gehören. An diesen Schengen-Aussengrenzen finden weiterhin Personenkontrollen statt.

Die Grimm-Hoffmann-Affäre

Die Grenzkontrolle, die der Bundesrat 1914 anordnete, sei vor allem als Abwehr ausländischer Propaganda und medialer Stimmungsmache gedacht gewesen, sagt Speich. Besondere Bedeutung habe sie nach der Oktober-Revolution in Russland erhalten. Damals habe der Schweizer Sozialdemokrat und spätere Kopf des Generalstreiks, Robert Grimm, in St.Petersburg vorgeschlagen, dass die Schweiz zwischen Deutschland und Russland einen Separatfrieden vermitteln soll. Aber bereits vor dem Start solcher Verhandlungen sei die Idee bekannt geworden und hätte zum Rücktritt des deutschfreundlichen St.Galler Bundesrates Arthur Hoffmann geführt.

Ihm wurde vorgeworfen, er habe eine Vermittlung durch die Schweiz unterstützt, um Deutschland zu ermöglichen, seine Truppen im Osten abziehen und an die Wesfront verlegen zu können. Bezeichnenderweise ist dann der franzosenfreundliche Genfer Gustave Ador Nachfolger von Hoffmann im Bundesrat geworden.

Der Erste Weltkrieg sei für die Schweiz ein politisch prägendes Ereignis gewesen, sagt Speich. Er sei gewissermassen der Kern der «Geistigen Landesverteidigung», die während des Zweiten Weltkrieges und auch danach eine Rolle im Verhältnis der Schweiz zum Ausland gespielt habe.

Auch die populären Heimatfilme wie Gilberte de Courgenay und Füsilier Wipf seien handlungsmässig im Ersten, geistig aber im Zweiten Weltkrieg angesiedelt.

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