Wir sind in der Ostschweiz, da reimt sich «witer» auf «Twitter» und vorher schon auf «Alpebitter». Bei Stahlberger hat sich die Welt seit jeher gut und scheinbar leicht gereimt, so geht es auch hier, im ersten Lied De grööscht Maa, anstandslos weiter: «dehei» reimt auf «frei» und auf «Nomitag am zwei» und weils so schön ist, wird «dehei» wie vorher «Twitter» gleich nochmal wiederholt. Das ist so beruhigend wie alles, was Stahlberger auf dieser Platte sagt und singt.
Beruhigend? Verdächtig beruhigend wie die Musik der Stahlberger-Band. Repetitive Mini-Melodien, zum Verwechseln ähnliche Akkorde, gekleidet in einen verführerischen Synti-Pop-Mantel – aber das Schlagzeug schlägt Haken und die Harmonien entziehen sich dem geläufigen 1-4-5-Schema, sie bleiben in Moll-Lagen hängen und lösen sich nie recht auf am Schluss. Pop? Pop-Fassade. Brüchig.
So brüchig wie die Worte. Stahlbergers Reime halten zusammen, was sonst auseinander fiele. Seine Texte, fast alle jedenfalls auf diesem dritten und bisher ausweglosesten Album, haben keine Pointe und sowieso keine Moral, aber Poesie und einen Himmel von Traurigkeit. Wie in De grööscht Maa. Der grösste Mann hat unsere Stadt besucht, aber er musste gleich weiter. Und angeblich gebe es einen noch grösseren «irgendwo in Tibet / Aber dä bliibt lieber dehei». Alles vergebens also, der rote Teppich, der Stadtpräsident auf Stelzen, die extra herbeigeschafften extragrossen Hotelbetten.
Und so geht es weiter. Im übernächsten Lied verwandelt sich ein Vogelfreund in einen Krähe und pickt am Autobahnrand etwas Essbares vom Asphalt. Das folgende Lied heisst tanze tanze, Musik und Text stolpern sich in eine Verzweiflungsekstase, zwei Lieder weiter liegen zwei im Bett und «wüssed nüme wa gilt». Und dann wird es ganz elend:
Du seisch: wo bisch? Du seisch: wa machsch? Du lüütisch all Tag a Lohsch es hundert mol lüüte Du seisch: goht’s eu guet? Goht’s eu würklich guet?
Und du seisch: die wo liebed hend recht Und die wo liided hend recht Und die wo chrank sind hend recht Die wo schaffed hend recht Die wo ume sind hend recht Und die wo blöd tüend hend recht
Und do bisch du und do isch niemer Wo öppis plant Und do bisch du und do isch niemer Nume rundume Rand
Das startet wieder harmlos, alltäglich, vielleicht mit einer unglücklichen Trennung – wo bisch? wa machsch? gohts guet? Kein Wort zu viel, auch in der zweiten Strophe nicht, wenn die Gemeinplätze einfahren wie oft bei Stahlberger, aber so, dass sie im Kopf zu wirbeln beginnen: Was, wenn alle recht haben? Was überhaupt hat dieses «recht haben» dann noch zu bedeuten? Und überhaupt kommt schon die dritte Strophe und wirft alles über den Haufen. Statt all jener, die «ume sind» und «recht hend», ist niemand da – «nume rundume Rand».
Du allein in der Mitte, rundherum Rand, man wagt sich die Lage gar nicht vorzustellen, eine Endzeit, ein Alleinsein, das als grosses Alleinmaleins durch alle neuen Stahlberger-Lieder durchtönt. Und das beklemmender ist als im letzten Lied der Weltuntergang, dem Stahlberger diesmal eher humoristisch die Stirn bietet:
Wenn d Welt undergoht Und me stoht grad a de Kasse am Warte Und s letscht wo mer ghört: hend sie d Supercharte?
Die Musik dazu klingt so bürokratisch wie die Supercard-Frage angesichts des Weltuntergangs. Nein, wir sind bei dieser grandiosen neuen Stahlberger-CD nicht mehr bi öppis Grossem debii wie ein paar Jahre vorher beim legendären Klimawandel. Wir sind jetzt definitiv bei unserer alltäglichen Bedürftigkeit und Ratlosigkeit angekommen, die sich unpolitischer gibt als frühere Lieder, die aber vielleicht das Allerpolitischste ist in diesen ratlosen Zeiten.
Zeiten, in denen einer Iisfische geht am Arsch der Welt und die Frau zuhause mit dem kalten Wind ein Lied pfeift, das tönt wie Duran Duran oder wie von Peter, Sue und Marc. Zeiten, in denen man laut in die Ostschweiz hinausschreien muss, man sei Flowiler und Uzwiler und Mörschwiler, weil man sonst nichts ist. Und schliesslich: Zeiten, in denen einer, der erfolgreich Musik gemacht hat, plötzlich abtaucht. Sich eine Insel kauft und dort so Gedanken anstellt.
Wie es wäre ohne Strand. Ob er schnorcheln soll oder fischen. Und dass alles ja auch einfach ein Bumerang sein könnte.
Er hät’s nüme pruucht. Er isch abtaucht.
Man müsste sich nicht wundern, wenn auch Stahlberger eines Tages abtauchte. Die Geschichte wäre zwar nicht besser. Sondern jammerschade. Aber logisch.
Stahlberger: Die Gschicht isch besser, CD-Taufe: 11. und 12. April, Palace St.Gallen
Bandbild: Adrian Elsener
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