, 11. Januar 2017
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«Das Schlimmste sind Gemeinplätze»

Joachim Rittmeyer tritt mit seinem 20. Programm «Bleibsel» auf. Er ist einer der klügsten und lustigsten Kabarettisten im Land. Im Interview spricht er über sein aktuelles Programm, Denkprozesse beim Publikum und Harry Hasler. Und er erklärt, was sein Publikum mit Risotto zu tun hat.

Verschiedene Ebenen: Joachim Rittmeyers Programme und Figuren sind eine vielschichtige Antithese zum Populismus (Bild: fz)

Saiten: Joachim Rittmeyer, wie läuft es mit dem aktuellen Programm?

Joachim Rittmeyer: Meinen Sie in einem kommerziellen Sinn oder wie ich mich damit fühle?

Zuerst wie Sie sich damit fühlen.

Immer besser. Zuerst bin ich bei Progammen ja der Autor. Dann werde ich zum Interpreten, der die Arbeit des Autors umsetzen muss. Es ist wie mit einem Haus, das man zuerst baut und das man dann bewohnen muss. Das Haus stand schon an der Premiere im April 2016. Jetzt wohne ich komfortabler darin. Langsam verstehe ich als Interpret den Autor besser (lacht).

Hat sich die Interpretation stark verändert seit der Premiere?

Nein, eigentlich ist es im Grossen und Ganzen dasselbe geblieben. Die Figuren sind noch etwas mehr gegeneinander abgehoben, ich habe Feinheiten angepasst. Die Publikumsführung funktioniert jetzt sicher besser. Für das Publikum ist es wichtig, dass es eine gewisse Struktur gibt, damit es dem ganzen Programm aufmerksam folgen kann. Wo lässt man Raum für Applaus, wo stellt man dem Publikum ein Bänklein hin, wo es sich kurz ausruhen kann, bevor es weitergeht? Das sind Fragen, die sich erst mit der Bühnenerfahrung beantworten lassen.

Und wie läuft es kommerziell?

Sehr gut. Was mich ein wenig erstaunt hat.

Wieso erstaunt?

Weil ich das Gefühl habe, die Figuren in meinem Programm haben sich verändert. Sie sind nicht mehr so deutlich abgegrenzt und erkennbar wie früher. Bei den bisherigen Programmen bin ich jeweils von der Bühne abgegangen und habe mich für die nächste Figur umgezogen. Jetzt sind es nur kleine Accessoires, welche die einzelnen Figuren sichtbar voneinander abgrenzen. Accessoires sowie Mimik, Gestik und Duktus. Die Figuren sind eher Zitate denn reale Figuren. Es ist ähnlich wie bei einem Cartoonisten, der Figuren mit einer klaren äusseren Linie umzeichnet hat und der neuerdings offener zeichnet, Figuren weniger voneinander abgrenzt. Ich dachte, das könnte weniger Anklang finden. Das ist aber erfreulicherweise nicht so. Vielleicht könnte man sagen, jetzt steht die Architektur des Hauses im Vordergrund, nicht die Möbel, welche die einzelnen Charaktere darstellen würden.

Joachim Rittmeyer, Bleibsel.

Noch bis Samstag 14. Januar täglich auf der Kellerbühne St.Gallen
kellerbuehne.ch

15. bis 18. Februar, Casinotheater, Winterthur
casinotheater.ch

Hat sich auch Ihr Publikum verändert?

Auch. Es gibt immer wieder neue Leute, die Vorstellungen besuchen. Ich habe aber auch ein Stammpublikum, das immer kommt. Sie nimmt es wunder, wie sich meine Figuren entwickeln. Was sie ja durchaus tun, da ich mich auch entwickle. Ich habe mir kürzlich alte Aufnahmen angeschaut und war erstaunt, wie anders als heute die Figuren früher waren. Tendenziell plakativer. Und jetzt schauen das Publikum und die Figuren, wie es mit ihnen weitergeht. Ich gebe meinen Protagonisten ja immer wieder neue Aufträge, bin eigentlich ihr Arbeitgeber. Ich übertrage ihnen auch immer mehr und immer neue Verantwortung. Auch Brauchle, meinem Hilflosesten. Und die erfüllt er immer mehr oder weniger (lacht).

Zu Ihrer Zufriedenheit?

Jaja, eigentlich schon, ja!

Immer mehr Populismus, Populäres, Oberflächlichkeit. Sie sagen, Ihre Figuren seien jetzt weniger plakativ. Verstehen Sie sich als Antithese zu einer bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklung?

Es ist nicht so, dass ich das als Auftrag verstehe. Auch hier muss man vielleicht vom Einfluss des Interpreten auf das Werk des Autors reden. Ich möchte differenzierter spielen. Früher habe ich Figuren mehr ausgestanzt, wie man das aus Kabarett und Satire kennt. Teilweise waren das ganz ätzende Typen, die ihren Machtbereich voll ausnutzten. Irgendwann wollte ich sie dann nicht mehr in meinem Figurenkabinett haben. Ich finde es spannender, komplexere Figuren zu spielen. Das macht mir mehr Spass. Die Leute haben immer Freude an ganz eindeutig bösen Figuren, weil diese so weit weg sind von ihnen. Sie müssen sie nicht an sich heranlassen. Differenzierung bedeutet, dass man Figuren ernster nehmen muss.

Man muss sich als Publikum also stärker mit den Figuren auseinandersetzen?

Ja, genau. Es ist nicht so, dass ich meine Figuren ganz gezielt gegen populistische Tendenzen gestalte. Aber es fliesst doch auch einiges von mir ein. Und es würde mir einfach nicht genügen, Kasperlifiguren auf die Bühne zu bringen. Ein Harry Hasler von Giacobbo kann sehr lustig sein. Aber er hat kein Entwicklungspotential. Ich glaube, eine Mehrheit will auf der Bühne Figuren sehen, denen sie überlegen sind. Aber solche Figuren finde ich persönlich nicht sehr interessant.

Haben Sie einen gesellschaftlichen Anspruch?

Ja, sicher. In meinen Programmen kommen zwar keine Namen und keine Tagespolitik vor. Die gesellschaftliche Relevanz ergibt sich anders. Meine Figuren sind keine Winnertypen, sie sind im Gegenteil Loser. Für mich sind sie aber Gewinner, weil sie sich ihre Eigenheiten bewahrt haben, weil sie sich nicht von einer Gesellschaft haben zuschleifen lassen. Sie bleiben ihrer Skurrilität treu und verlieren sich nicht in Gemeinplätzen. Viele Menschen übernehmen Denk- und Verhaltensweisen, die man haben muss, um nicht negativ aufzufallen. Insofern plädiere ich ganz deutlich für Individualismus, kritisches Denken und Respekt auch vor Minderheiten.

Ein aufklärerischer Ansatz?

Ja, im Effekt schon. Ich will, dass die Leute hinschauen, sich Gedanken machen und Meinungen bilden. Für mich gibt es nichts Schlimmeres als Gemeinplätze. Wenn sich die Menschen aneinander angleichen, haben sie sich nichts Spannendes mehr zu sagen. Was gibt es Interessanteres als ein Individuum, das seinen eigenen Mikrokosmos anbietet? Schon Robert Walser hat, wenn ich mich richtig erinnere, von einer «Maschinerie der Gewöhnlichmachung» geredet. So etwas kann sich auch politisch auswirken. In einer Mehrheitsdemokratie verlieren jene häufig viel, die nicht zur Mehrheit gehören. Sie gehen unter, und dadurch gehen individuelle Lebensformen verloren. Im Prinzip ist jeder Einzelne eine Minderheit. Viele kommen aber gar nicht dazu, das zu zeigen.

Es gibt auch Künstler, die sich einander angleichen.

Ja, das ist wahr. Auch Künstler, die sich auf der Bühne der Fernsehunterhaltung anpassen. Dieses «Gib ihm», diese «Insta-Unterhaltung».

Bei Ihnen ist das ganz anders. Sie verzichten auf Knalleffekte. Man muss sich einlassen und konzentrieren.

Ich vergleiche das mit Risotto-Kochen. Man gibt nicht alle Flüssigkeit von Anfang an dazu. Das Reiskorn muss sich nach einem weiteren Gutsch sehnen, und nach und nach wird es gar. So funktioniert das für mich am besten.

Andere giessen aber wieder und wieder ganze Duschen über den Reis. Und viel Publikum scheint das zu schätzen.

Das stimmt. Sie schätzen es im Moment. Mein Programm braucht Arbeit. Sowohl für mich als auch für das Publikum. Es gibt Phasen mit tiefer Temperatur, in denen das Publikum recht ruhig ist. Und dann folgt eine Reihe von Wortspielen, bei denen es den Saal wieder richtig «dureputzt» und alle lachen. Die Temperatur verändert sich, es herrscht Bewegung. Ich fahre nicht immer Vollgas, es gibt Kurven, vor denen ich abbremse, um danach wieder beschleunigen zu können. Beim Publikum findet so eine innere Entwicklung statt, ein Denkprozess, der nicht ganz anstrengungslos ist. Dafür sind die Erinnerungen dann vielleicht nachhaltiger als bei einem Pointenreigen.

Sie stehen seit Jahrzehnten und mittlerweile mit dem 20. Programm auf der Bühne. Wie geht es weiter?

Das wird sich nächstens entscheiden. Falls bald noch eine ganz zündende Idee für ein neues Programm kommt, dann könnte es durchaus sein, dass ich dann noch eine Abschiedstournee mache. Die verschiedenen Veranstalter waren für mich sehr wichtig. Es wäre auch vorstellbar, dass sie Lieblingsnummern aus meinen Programmen wählen könnten, die ich dann in einem Abschiedsprogramm zusammenstellen würde. Ich habe bis jetzt noch nie eine Best-of-Aufführung gemacht. Es ging immer weiter mit Neuem. Deshalb wäre ein Rückblick schon denkbar. Irgendwann mache ich dann wohl einmal einen Schnitt. Was dann folgt ist unklar. Szenische Lesungen wären möglich. Ich habe verschiedene Ideen. Aber ich merke schon, dass das Auftreten rein körperlich langsam anstrengender wird.

Herzlichen Dank fürs Gespräch!

Das komplette Interview finden Sie in der Druckausgabe im Februar.

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