, 30. Mai 2019
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Der Knebel allen Übels

Es gibt Eltern, die ihre Kinder lieben. Unser Kolumnist Jan Rutishauser musste Blockflöte spielen. «Ein Instrument, dessen optische Nähe zu einem Schlagstock kein Zufall sein kann», wie er sagt. Und er fragt sich heute noch: Warum?!

Warum die Blockflöte?! Meine Blockflötenlehrerin pflegte zu sagen: «Du musst Düüüü denken, wenn Du bläst. Denk Düüüüüü! Dü Dü Dü!» Und ich schaute sie an und dachte darüber nach, was in ihrem Leben wohl falsch gelaufen war.

Mein bester Freund Julian nahm auch Blockflötenunterricht. Naja, vielmehr sass er im Blockflötenunterricht. Seine Blockflöte war nach dem ersten Unterrichtstag unter mysteriösen Umständen zerbrochen. Er hat aber keine neue Blockflöte gekriegt. Als «Strafe». In den Unterricht musste er trotzdem, seine Eltern meinten nämlich: «Zahlt isch zahlt!»

Und so verliefen die Leben von mir und Julian ganz unterschiedlich. Meine Hobbies im Laufe meines Lebens waren, in dieser Reihenfolge: Blockflöte, Pokemonsammelkarten und Tai Chi. Julians Hobbies im Laufe seines Lebens waren, in dieser Reihenfolge: Keine Blockflöte. Frauen.

Julian hatte sein erstes Mal mit 14. Ich hatte mein erstes Mal mit… Nun, das geht niemanden etwas an. Ich sage nur so viel: Wie oft hat schon jemand gesagt: «Eyyy, isch kann mich vor Bitches kaum retten, denn isch bin Blockflötenplaya!»? Genau so oft wie schon jemand gesagt hat: «Yeah, megacool äs Blockflötäsolo!» Richtig: Das hat noch nie jemand gesagt. Man kann die Blockflöte deswegen auch getrost als Feierabendsirene der Lust bezeichnen.

Jan Rutishauser, 1987, ist Kabarettist, Kolumnist und Koach für Rechtschreibung und Comedy Writing. (Illustration: Lukas Schneeberger)

Aber das ist noch nicht alles: Mit Dudelsäcken wurden früher die Feinde der Schotten vor einem Angriff akustisch eingeschüchtert. Ein Dudelsack ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kriegsinstrument. Und was ist ein Dudelsack anderes als die Möglichkeit, mehrere Blockflöten gleichzeitig zu spielen?

Unsere Blockflötenlehrerin hiess Frau Ingeborg, sah aus wie ein Dudelsack und war taub. Die Qualität des Unterrichts litt darunter nicht, denn wir lernten Blockflöte. Und Beethoven war ja schliesslich auch taub gewesen, das dachten sich auf jeden Fall die Eltern und schickten uns Kinder weiterhin zu ihr.

Zwanzig Jahre später segelt Julian mit Frau und Kind auf einem Schiff um die Welt, instagrammt darüber und kriegt dafür alles gesponsert. Zwanzig Jahre später verarbeite ich mein BFT (fachchinesisch für Blockflötentrauma), indem ich darüber schreibe und kriege dafür nichts gesponsert.

Hat das wirklich was mit der Blockflöte zu tun? Der Zusammenhang konnte bis jetzt nicht nachgewiesen werden, aber wer will dieses Risiko schon eingehen? Darum: Rette Leben, zerbrich eine Blockflöte!

Hier die Kolumne zum Nachhören:

 

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

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