Kategorie
Autor:innen
Jahr

Die Moderne im Kleinen (IV): Die Brückenwaage und die Krise

Nina Keel führt in ihrer Serie zur Baukultur der Dreissigerjahre zurück ins Zentrum – zum Blumenbergplatz, wo 1929 die St.Galler City begann. Und Bauen vor allem einem Zweck diente: der Arbeitsbeschaffung.
Von  Gastbeitrag
Schnittig an der Brückenwaage vorbei, Aufnahme aus den 1930er Jahren. (Bild: Baudokumentation St.Gallen)

Dem Bau und seinem Zeitgeist am nächsten ist frau, wenn sie im geschwungenen Schaufenster des Cafés Barista sitzt, was jetzt wieder möglich und doppelt geschätzt ist. Obschon im Innern, überwiegt das Gefühl, Teil des Stadtraumes zu sein. Die Busse und Autos sind nah, noch näher die Passantinnen, und ab und zu betritt jemand hinter dem Rücken die Obergeschosse der sogenannten Brückenwaage.

Spannungsreich gegen den Blumenbergplatz

Das Wohn- und Geschäftshaus wurde 1933 vom Architekten Anton Aberle erstellt, es war der erste Stahlskelettbau der Stadt St.Gallen, sechsstöckig, mit Hauptfassade zur Bahnhofstrasse hin. Eine Steinverkleidung prägt das geschäftlich genutzte Sockelgeschoss, darauf folgen vier Wohngeschosse und ein zurückversetztes Dachgeschoss. Lochfenster sind paarweise angeordnet, Balkone abgerundet und vollbrüstig, der Verputz glatt.

Interessanter und dynamischer ist die Ostfassade, wo sich heute das Café Barista befindet: Hier hat der Bau eine konvexe Krümmung und geht mit abnehmenden Schaufensterhöhen auf die Topografie ein. Mit ihrer geschwungenen Form nimmt die Ostfassade die Dynamik des motorisierten Verkehrs auf.

Samuel Teitler, SP-Gemeinderat, war die treibende Kraft hinter dem Bau an städtebaulich markanter Lage. Er überzeugte den Stadtrat, die Parzelle zu verkaufen und neu zu überbauen. Teitler führte mehrere Gründe an: eine Strassenverbreiterung zum Blumenbergplatz und die Verbesserung der Verkehrssituation sowie die Modernisierung des Stadtbildes. Überdies würde ein Neubau Arbeit schaffen. Teitler und die Stadt einigten sich im Januar 1932 auf den Kaufpreis von 175’000 Fr., wobei die Politische Gemeinde eine Hypothek über 150’000 Fr. übernahm. Für den Ankauf der Liegenschaft gründete Teitler die Baugenossenschaft Brückenwaage. Er stand ihr als Präsident vor und lancierte unter fünf St.Galler Architekturbüros einen Wettbewerb für den Neubau, der nicht überliefert ist.[1]

Im Mai sollte sie im Linsebühl-Bau eröffnet werden: die Ausstellung «Die Moderne im Kleinen», eine Zeitreise zu den Anfängen moderner Architektur in St.Gallen. Wegen Corona musste der Termin verschoben werden – die Eröffnung findet jetzt am 20. Juni statt, Dauer der Ausstellung: bis 18. Juli.

Nina Keel ist Kunsthistorikerin und Kuratorin in St.Gallen.

Optimismus und «geistige Misere»

Im krisengeplagten St.Gallen sorgte die Vergabe der Abbrucharbeiten an eine Zürcher Firma für Aufruhr. In der «Ostschweiz» findet sich ein Artikel, worin sich Teitler verteidigt: «Dem Konsortium [Baugenossenschaft Brückenwaage] gehört eine Zürcher und eine Basler Firma an. Sie glauben nicht an das Märchen von der ‘sterbenden Stadt St.Gallen’. Sie setzen Hoffnung und Optimismus in unsere Stadt und verwirklichen durch diese die Tat, voller Risiken. Wir sollten uns hüten, durch kleine und kleinliche Argumente und Stimmungsmachereien solchen Optimismus zu lähmen und zu unterbinden, sonst tragen wir selbst die Schuld, wenn sich dieses Märchen verwirklicht. Und das ist doch, was wir alle vermeiden wollen!»[2]

Die Krise der 1930er Jahre in St.Gallen begann finanzieller Art, doch verschärfte sich zunehmend auch zu einer geistigen Misere, welche die Tatkräftigkeit und das Selbstbewusstsein der Städterinnen und Städter trübte.

Schibenertor heute, mit Brückenwaage (links) und Palace (hinten). (Bild: Nina Keel)

Vor Baubeginn hatten die Genossenschaft und der Bauvorstand über den Einbau einer Wohnung – neben dem bereits erlaubten Fotografen-Atelier – im Dachgeschoss gerungen. Aufgrund der Krise erklärte sich die Baupolizeisektion schliesslich zum Einbau der Dachwohnung bereit. Teitler gelang es somit, die Bauordnung unter Erwähnung der Depression zu seinen Gunsten auszuweiten. Es ging ihm nicht um gestalterische Gesichtspunkte, sondern um die Erhöhung der Rentabilität der Brückenwaage. Die moderne Formensprache scheint im krisengeplagten St.Gallen nebensächlich gewesen zu sein; was zählte, war jede Gelegenheit zu Arbeit.

Flirrendes Nachtleben
Wer in den 1930er Jahren am Blumenbergplatz einen Kaffee wollte, der ging auf die andere Strassenseite, ins Café Biland. Das gerundete Fenster der Brückenwaage gehörte damals zu einem Fotofachgeschäft. 1929 machte Anton Aberle – der übrigens 1930 auch die erste Villa mit Flachdach in St.Gallen erbaute – mit dem Café Biland einen ersten Schritt zur Modernisierung des Zentrums. Er baute ein Altstadthaus (Unterer Graben 7) um und ergänzte es um einen schlichten, eingeschossigen Anbau.

Café Biland & Restaurant Blumenberg von Anton Aberle, Unterer Graben 7, 1929. (Bild: Ausschnitt einer Aufnahme von Foto Gross, 1932, Stadtarchive St.Gallen)

Moderne, sachliche Typografie prägte die Fassade – Café Biland & Restaurant Blumenberg. Grossflächige Schaufenster luden ein ins Café, auf der Dachterrasse weckten Palmen das Fernweh. Und nachts verströmte der Bau moderne Urbanität: Beim Vordach leuchtete ein Lichttransparent. Vermutlich in Rot machte es die vorbeirauschenden Autofahrer auf sich aufmerksam.

Wenige Meter weiter oben leuchtete es noch heller: Ein Leuchtschriftzug auf dem Dach bewarb das Cinema Palace, 1924 von Moritz Hauser erbaut – das Nachtleben von St.Gallen erhellt es bis heute.

[1]Auszug aus dem Kaufbriefprotokoll, 20. Mai 1932 (Baudokumentation St.Gallen, Dossier Bahnhofstrasse 2).

[2] Samuel Teitler: Zum Neubau ‘Brückenwaage’, in: Die Ostschweiz, 7. November 1932, Abendblatt.

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze