Die Moderne im Kleinen (III) – Senns Musterhaus

Teil 3 der Baukultur-Rundgänge zu den 1930er Jahren führt an den St.Galler Stadtrand, unweit von Wittenbach. Hier stehen zwei Musterhäuser einer Holzhaussiedlung – ein Pionierbau, der in anderen Schweizer Städten nicht realisiert werden durfte. von Nina Keel
Von  Gastbeitrag

Es wendet sich von der Strasse ab und dem Grün zu, das Doppeleinfamilienhaus an der Bruggwaldstrasse 29. Unscheinbar wirkt es und mit den farbig gestrichenen Fensterläden fast etwas bieder. Heute weiss verputzt, vermutet man darunter auf Anhieb keinen Holzbau von 1937. Und noch weniger, dass es von einem Exponenten der Schweizer Moderne erbaut wurde. Otto Senn hiess der Architekt, in Basel errichtete er mit dem Parkhaus Zossen (1934/1935) eine Ikone der Schweizer Moderne. Mit chicen Maisonettewohnungen war es für eine gehobene Klientel bestimmt.

Das Doppeleinfamilienhaus Bruggwaldstrasse 29/29a von Otto Senn heute, Westfassade mit Garagen-Anbau. (Bild: Stefan Indlekofer)

Viel Holz und Hühner

An eine ganz andere Bevölkerungsschicht richtete sich sein Doppeleinfamilienhaus in St.Gallen: Es waren kostengünstige Kleinhäuser – oder Wohnhäuser für das Existenzminimum, um mit CIAM zu sprechen. Die 1928 gegründeten Congrès Internationaux d’Architeture Moderne (Internationale Kongresse Moderner Architektur) waren ein Zusammentreffen der internationalen Avantgarde zur Diskussion von funktional bestimmtem Städtebau und Architektur. Daran teil nahmen u.a. Le Corbusier, der Holländer Gerrit Rietveld, der Schwede Josef Frank, die Schweizer Architekten Hans Schmidt und Paul Artaria – und auch Otto Senn. Soziale Anliegen hatten innerhalb der CIAM einen hohen Stellenwert, der Kongress von 1929 lief unter dem Titel «Die Wohnung für das Existenzminimum».

Senns Kleinhäuser liegt eine Holzkonstruktion zugrunde und auch der Innenausbau erfolgte mit Holz. Im Erdgeschoss waren ein Ess-/Wohnraum mit grossem Fenster gegen Süden, ein kombiniertes Bad mit Waschküche sowie eine Küche untergebracht, im Obergeschoss drei Schlafzimmer. Aus Kostengründen war das Haus nicht unterkellert. Ein zentraler Kachelofen mit Koch- und Wärmerohr regelte den Wärmebedarf der Häuser. Äusserlich wiesen sie eine horizontale Bretterverschalung auf und ein Flachdach. Seitlich bildete ein eingeschossiger Schopf für Kaninchen und Hühner den Übergang in den Garten.[1]

Otto Senns Doppeleinfamilienhaus Bruggwaldstrasse 29/29a, Südfassade, 1937. (Bild: gta Archiv / ETH Zürich, Otto Heinrich Senn)

Senn ist für seine Wohnhäuser für vermögende Auftraggeber bekannt, doch zwischen 1934-1939 entwarf er mehrere Projekte für Kleinhäuser in Holzbauweise. Er wollte sie als Alternative zum Reihenbau des massiven Kleinhauses etablieren, der den Schweizer Siedlungsbau der 1930er Jahre dominierte.[2] Die ersten beiden Siedlungsprojekte für Kleinhäuser entstanden auf eigene Initiative hin und waren angedacht für Parzellen in Zürich-Schwamendingen (1934) und Zürich-Affoltern (1935).[3]

Baumaterial der Kriegszeit

Das Doppeleinfamilienhaus an der Bruggwaldstrasse ist das einzig ausgeführte Musterhaus von Senns Projekten für Holzhaussiedlungen. Wieder einmal mischte Stadtbaumeister Paul Trüdinger mit, umgesetzt werden konnte das Musterhaus nur dank seiner Unterstützung. Die Holzsiedlungsprojekte an anderen Orten waren am Widerstand der jeweiligen Baubehörden gescheitert.[4]

Im Mai sollte sie im Linsebühl-Bau eröffnet werden: die Ausstellung «Die Moderne im Kleinen», eine Zeitreise zu den Anfängen moderner Architektur in St.Gallen. Wegen Corona musste der Termin verschoben werden – die Eröffnung ist jetzt für den 20. Juni geplant, Dauer der Ausstellung: bis 18. Juli.

Nina Keel ist Kunsthistorikerin und Kuratorin in St.Gallen.

Die Kleinhäuser boten einkommensschwachen Familien die Möglichkeit, ein Haus mit Garten am Stadtrand zu besitzen. Die entscheidende Rolle spielte ein einheimisches Baumaterial: Holz erlebte durch kriegsbedingte Importbeschränkungen in den 1930er Jahren ein Revival und erlaubte die kostengünstige Erstellung.[5] Senns Musterhäuser waren die einzige St.Galler Verwirklichung der «Wohnung für das Existenzminimum»: standardisiert hergestellte Baumaterialien, ein funktionaler Grundriss mit grossem, freien Wohnraum, zudem die Möglichkeit der Kleintierhaltung und der teilweisen Selbstversorgung über die grosse Gartenfläche. CIAM-Überlegungen fanden in den Musterhäusern auch durch die Abkehr von der Strasse und die Ausrichtung auf Licht, Luft und Öffnung Anwendung.[6]

Senn hatte bei diesem Projekt eine Doppelrolle als Architekt und Bauherr inne. Zwei Jahre später wohnte im einen Haus ein Bahnkondukteur, im anderen der St.Galler Architekt Georg Rauh, ein Bauhaus-Abgänger. Auch ihm war die Schaffung kostengünstiger (Holz-)Häuser ein grosses Anliegen.[7] Ob er auch Kleintiere hielt, das ist eine andere Geschichte.

Otto Senns Doppeleinfamilienhaus heute, Nordfassade. (Bild: Stefan Indlekofer)

[1] Werk 25 (1938), Heft 2: Holzhaustypen für Siedlungen von Otto Senn

[2] Schweizerische Bauzeitung 109/110 (1937), Heft 13 (Sonderheft für Holzverwertung): Vorschlag für ein Kleinhaus in Holzbauweise

[3] Schweizerische Bauzeitung 105/106 (1935), Heft 3: Wettbewerbe – Ganz billige Einfamilienhäuser

[4] Werk 25 (1938), Heft 2

[5] Claudia Cattaneo in: Dreissiger Jahre Schweiz, Ausstellungskatalog Kunsthaus Zürich 1981

[6] Martin Steinmann: CIAM Internationale Kongresse für Neues Bauen – Dokumente 1928-1939, Basel 1979, S. 39.

[7] Adressbuch Stadt St.Gallen 1939, Stadtarchive St.Gallen.

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