Ein Festival als subkulturelles Scharnier
Am Dienstag hat das das Musikfestival Close Encounters in Zürich begonnen. Es verbindet experimentelle und klassische Avantgard-Musik zwischen Georgien und der Schweiz. Ende Woche macht das Festival einen Abstecher nach Chur, im Mai gasteriert es in Winterthur.
Festiivalleiterin und Pianistin Tamriko Kordzaia. (Bilder: pd)
Als Tamriko Kordzaia in den 1990er-Jahren von Georgien in die Schweiz übersiedelte, war das mehr als ein Ortswechsel. «Es war eine Spaltung in meinem Leben», sagt die Musikerin und Kuratorin rückblickend. Es war eine Zäsur, nicht nur für ihr Leben, sondern auch musikalisch. In Tiflis bildete sich Kordzaia in der klassischen Musik zwischen Haydn und Mozart aus. In der Schweiz – obwohl sie am Konservatorium Winterthur weiterhin der Klassik treu blieb – entdeckte sie schnell die lebendige experimentelle Szene: Live-Elektronik, Improvisation, ästhetische Radikalität.
Die Welt der elektronisch-experimentellen Musik war neu für Kordzaia. In Tiflis existierte in den 90er- und frühen 2000er-Jahren eine solche Szene kaum. Das Land war geprägt von post-sowjetischen Umbrüchen, Wirtschaftskrisen und den Nachwirkungen des Bürgerkrieges; kulturelle Strukturen mussten sich erst neu formieren. Gerade in dieser Leerstelle entstand die Idee zu einem Festival, das nicht trennt, sondern verbindet. Eine Veranstaltung, die Künstler:innen aus Georgien und der Schweiz zusammenbringt und neue Formate aus Klassik, Avantgarde, Elektronik und Underground zulässt.
Die jüngsten politischen Entwicklungen in Georgien verleihen diesem Austausch zusätzliche Dringlichkeit. Seit 2023 steht die Regierungspartei Georgischer Traum wegen umstrittener anti-demokratischer Gesetzesinitiativen und wachsender Kontrolle über Zivilgesellschaft und Medien international in der Kritik. Massenproteste in Tiflis und anderen Städten, insbesondere nach der Parlamentswahl 2024, zeugen von einer tiefen gesellschaftlichen Polarisierung.
Während grosse Teile der Bevölkerung weiterhin einen pro-europäischen Kurs unterstützen, erleben viele Kulturschaffende die politische Lage als zunehmend angespannt.
Ein Schwerpunkt von Close Encounters war von Anfang an die Verbindung mit der Schweizer Musikszene. Seit über 20 Jahren entwickelt sich daraus ein kontinuierlicher Dialog. In Georgien hat das Festival, das letztmals im Februar 2025 in Tiflis stattfand, eine besondere Dynamik ausgelöst. «Die Menschen dort warten jedes Mal gespannt darauf», erklärt Kordzaia, die an der ZHdK Klavier unterrichtet. In Tiflis gebe es sehr viele kunstaffine Menschen und es passiere in der georgischen Hauptstadt derzeit sehr viel Neues. «Politische Unruhen haben manchmal auch etwas Positives und geben der Kunst neue Impulse.»
Im Gegensatz zur Schweiz ist in Georgien die Underground-Kultur stark ausgeprägt – mit Clubs, Off-Spaces und Bars, in denen fast täglich live gespielt wird. «Dadurch erhalten Musiker:innen die Möglichkeit, Live-Erfahrung zu sammeln und Kollaborationen einzugehen.» In der Schweiz hingegen fehle es oft an niederschwelligen Spielorten, in denen vor allem auch unter der Woche gejammt und experimentiert werden könne, so die georgische Künstlerin und Festivalleiterin. Kordzaia verbringt jedes Jahr mehrere Wochen in ihrer Heimat, um dort die Szene zu verfolgen und neue Künstler:innen zu entdecken.
Close Encounters ist weniger ein Genre-Festival als vielmehr eines, das die Radikalität als Mittelpunkt hat. Neben elektroakustischen Experimenten oder performativen Formaten der Gegenwart haben auch klassische Werke des 19. Jahrhunderts Platz, die ihrer Zeit schon damals weit voraus waren. Auch Komponist:innen des 20. Jahrhunderts stehen dabei immer wieder im Zentrum.
2016 sorgten Tamriko Kordzaia, Tamara Chitadze und Nutsa Kasradze mit einer monumentalen und bis dahin unveröffentlichten Partitur des Komponisten Mikheil Shugliashvili aus den Siebzigerjahren für Aufsehen. «Sogar der britische ‹Guardian› wurde auf unsere Entdeckung und Aufführung aufmerksam und berichtete darüber», erzählt Kordzaia. Tatsächlich, so schrieb der «Guardian» damals begeistert über die Entdeckung, hätten sich die drei Pianistinnen «kopfüber in die dunkelsten Ecken» des mysteriösen Komponisten, über den nicht viel bekannt sei, gestürzt.
Trotz der Begeisterung für neue und zeitgenössische Musik stand Close Encounters mehrfach vor dem Aus. «Wir dachten schon einige Male: Jetzt ist genug.» Doch immer wieder überwog die Neugier: neue Künstler:innen zu entdecken und neue Impulse zu setzen.
Das Festival hat seinen Namen von Steven Spielbergs Film Unheimliche Begegnung der dritten Art (englischer Titel: Close Encounters of the Third Kind) entlehnt, der von weltweiten Begegnungen von Menschen mit ausserirdischen Raumschiffen handelt. Genauso ist auch das Festival immer wieder eine Begegnung mit dem Unbekannten und Neuen.
Es ist ein Resonanzraum zwischen Tiflis und der Schweiz, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen politischer Spannung und künstlerischer Freiheit. Das Festival findet abwechselnd in der Schweiz und in Georgien statt; jetzt ist wieder die Schweiz an der Reihe mit Spielorten in Zürich, Winterthur und Chur.
Ein zentrales Projekt der diesjährigen Ausgabe ist Homo Freq, eine «Experimental Electroacoustic Opera» der georgischen Musikerin Tiko Gogoberidze, gemeinsam mit Nasi Chavchavadze und Lisa Kereselidze entwickelt, die im Moods in Zürich aufgeführt wird. Alle drei haben eine klassische Ausbildung – und genau darin liegt der Ausgangspunkt ihres radikalen Ansatzes. Homo Freq versteht sich nicht als Mini-Oper, sondern als offene Plattform. Ein Versuch, das «alte, unbewegliche Monster Oper» zu übersetzen und neu zu denken. Die Mittel reichen von klassischem Gesang über Live-Elektronik und freie Improvisation bis hin zu experimentellen Spielformen.
Ausschnitte aus Homo Freq, der «Experimental Electroacoustic Opera», die am Freitag in Chur aufgeführt wird.
Am Freitag gastiert das Festival für einen Abend in Chur. In der Postremise treffen gleich mehrere Projekte aufeinander. MurMur ist eine Klanginstallation und Performance von Giorgi Koberidze. Der Künstler hat dafür eine elektroakustische Komposition geschrieben – ein Stück über Verlust: von Gegenständen, Räumen, Städten. Über das, was verschwindet und dennoch nachhallt. Ebenfalls an diesem Abend spielt das Ensemble Kiosk, bei dem auch Tamriko Kordzaia am Klavier sitzt. Der Experimental-Künstler Alexandre Kordzaia führt mit Speedrun ausserdem eine Videogame-Performance auf.
Was 2005 aus einer persönlichen biografischen Spaltung entstand, ist heute zu einer stabilen kulturellen Verbindung geworden. Close Encounters schafft Räume, in denen sich Szenen begegnen, die sonst kaum Berührungspunkte hätten. Und geht bewusst weg von institutionellen Kategorien, hin zu freien experimentellen Formen. Gerade in politisch und gesellschaftlich angespannten Zeiten zeigt sich, wie wertvoll solche Orte des Austauschs sind.
Close Encounters: Samstag, 7. März, 18.30 Uhr, Postremise, Chur; Samstag, 30. Mai, Kulturfeilerei, Winterthur. closeencounters-festival.ch
In Trogen hat der bekannte indische Friedensaktivist Rajagopal während der Peace Summer School Methoden gewaltfreier Protestformen sowie Ideen für ein verstärktes Engagement der Schweiz in der globalen Friedensbewegung vermittelt.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.