Ein juristischer Dschungel

Bild: DOME

Seit 2017 ist das Planungs- und Baugesetz des Kantons St.Gallen in Kraft. In dieser Zeit gab es bereits drei Nachträge, um baujuristische Lücken zu schliessen. Nun kommt, nach einigem Hin und Her, der vierte – mit einer Übergangsregelung, die vor zehn Jahren als unnötig gestrichen wurde.

Das Pla­nungs- und Bau­ge­setz (PBG) des Kan­tons St.Gal­len ist noch kei­ne zehn Jah­re alt und ein dich­ter Vor­schrif­ten­dschun­gel, auch wenn es im Ver­gleich zum vor­an­ge­hen­den Bau­ge­setz auf zahl­rei­che De­tail­vor­schrif­ten ver­zich­tet. Die ak­tu­el­le Ver­si­on um­fasst 167 Ar­ti­kel auf 60 A4-Sei­ten. Da­zu kom­men Ver­ord­nun­gen und An­pas­sun­gen in zahl­rei­chen wei­te­ren Er­las­sen, vom Stras­sen­bau-, über das Um­welt­schutz- und En­er­gie­ge­setz bis zum Steu­er- und Fi­sche­rei­ge­setz.

Re­gie­rung und Par­la­ment woll­ten da­mals das Pla­nungs- und Bau­recht von Grund auf neu re­geln und sich nicht, wie die Nach­bar­kan­to­ne, auf ei­ne Teil­re­vi­si­on ein­zel­ner Be­stim­mun­gen be­schrän­ken. Doch auch solch um­fas­sen­de neue Re­ge­lun­gen ha­ben Lü­cken. In der Pra­xis tau­chen im­mer wie­der Si­tua­tio­nen auf, an die der Ge­setz­ge­ber nicht ge­dacht hat­te. Der Ge­setz­ge­ber: Das wa­ren 2016 vor al­lem Ju­rist:in­nen. Die Tat­sa­che, dass der St.Gal­ler Kan­tons­rat an der Früh­jahrs­ses­si­on in der ers­ten März­wo­che be­reits den vier­ten Nach­trag zu die­sem Pla­nungs- und Bau­ge­setz zu be­han­deln hat­te, zeigt, dass auch die Fach­ju­rist:in­nen nicht al­le De­tails über­bli­cken.

Er­neu­te Blo­cka­de ver­hin­dern

2020, nur drei Jah­re nach­dem das neue Ge­setz in Kraft ge­setzt wur­de, ging es in ei­nem ers­ten Nach­trag dar­um, dass kom­mu­na­le Pla­nun­gen wie Über­bau­ungs- und Ge­stal­tungs­plä­ne, die noch nach al­tem Recht er­ar­bei­tet wur­den, wei­ter­hin gel­ten. So wur­de ei­ne nach­träg­lich ent­deck­te, ers­te Pla­nungs­blo­cka­de ge­löst. Im zwei­ten Nach­trag von 2022 ging es un­ter an­de­rem um ei­ne An­pas­sung bei den Schwer­punkt­zo­nen, das Er­mög­li­chen von Son­der­nut­zungs­plä­nen, die ei­ne ma­te­ri­el­le Zo­nen­plan­än­de­rung be­wir­ken, so­wie um un­ter­ir­di­sche Bau­ten und die Grün­flä­chen­zif­fer. In ei­nem drit­ten Nach­trag wur­de den Ge­mein­den mehr Kom­pe­ten­zen beim Denk­mal­schutz ein­ge­räumt.

Nun hat der Kan­tons­rat den vier­ten Nach­trag be­han­delt, um ei­ne er­neu­te Pla­nungs­blo­cka­de zu be­sei­ti­gen. Seit über ei­nem Jahr wie­sen Städ­te und Ge­mein­den dar­auf hin, kei­ne rechts­gül­ti­gen Son­der­nut­zungs­plä­ne für grös­se­re Pro­jek­te be­wil­li­gen zu kön­nen, be­vor sie nicht die ei­ge­nen Zo­nen­plä­ne und Bau­re­gle­men­te durch al­le In­stan­zen ge­bracht ha­ben, denn im PBG fehlt in die­sem Punkt ei­ne Über­gangs­re­ge­lung.

In ers­ten Stel­lung­nah­men ver­wies das Bau­de­par­te­ment auf den Kan­tons­rat: Die da­ma­li­ge Kom­mis­si­on ha­be 2016 ei­ne im Ent­wurf vor­ge­schla­ge­ne Über­gangs­re­ge­lung als un­nö­tig ge­stri­chen. Nach ei­ni­gem Hin und Her zwi­schen den Ju­rist:in­nen und nach po­li­ti­schen Vor­stös­sen teil­te die Re­gie­rung im ver­gan­ge­nen De­zem­ber mit, sie wol­le «ver­hin­dern, dass wäh­rend den lau­fen­den Orts­pla­nungs­re­vi­sio­nen wich­ti­ge Pro­jek­te blo­ckiert wer­den» und die Pla­nungs­si­cher­heit von Ge­mein­den, In­ves­tor:in­nen und Pro­jekt­trä­ger:in­nen stär­ken. Von frü­he­ren recht­li­chen Be­den­ken, man kön­ne sol­che Über­gangs­fris­ten nach­träg­lich nicht mehr ins Ge­setz auf­neh­men, war nicht mehr die Re­de.

Mehr Zeit für auf­wän­di­ge An­pas­sun­gen

Gleich­zei­tig be­kom­men mit dem ak­tu­el­len Nach­trag die Ge­mein­den mehr als die ur­sprüng­lich fest­ge­schrie­be­nen zehn Jah­re Zeit, um ih­re Grund­la­gen dem PBG an­zu­pas­sen. Die Re­gie­rung war be­reit, drei Jah­re mehr ein­zu­räu­men. Die Kom­mis­si­on, die das Ge­schäft vor­be­rei­tet, fand, zwei Jah­re sei­en ge­nug, und es brau­che ein gut be­grün­de­tes Ge­such, um noch ein Jahr mehr zu be­kom­men.

Das to­tal­re­vi­dier­te PBG bringt den Ge­mein­den näm­lich ei­nen er­heb­li­chen Pla­nungs­auf­wand. Sie müs­sen ih­re Zo­nen­plä­ne und Bau­re­gle­men­te ei­ner To­tal­re­vi­si­on un­ter­zie­hen. Da­zu brau­chen sie fach­li­che Un­ter­stüt­zung und Zeit. Die Pro­zes­se kos­ten auch viel: rasch ein­mal mehr als 100’000 Fran­ken für klei­ne­re Ge­mein­den und Mil­lio­nen in der Stadt St.Gal­len. Ar­chi­tekt:in­nen und Raum­pla­ner:in­nen kri­ti­sie­ren denn auch, dass die mit dem PBG an­ge- streb­te Ver­ein­fa­chung der Bau­vor­schrif­ten mas­si­ve volks­wirt­schaft­li­che Kos­ten zur Fol­ge hat.

Ob nach al­len Re­vi­sio­nen dann ra­scher und mit we­ni­ger Vor­schrif­ten ge­baut wer­den kann, ist of­fen. Denn an­ge­sichts zu­neh­men­der An­sprü­che ver­su­chen Bau­wil­li­ge und In­ves­tor:in­nen ih­re Pro­jek­te bis an die Gren­zen aus­zu­rei­zen. Als Fol­ge schal­ten sich Schutz­ver­bän­de ein, oder Nach­barn be­auf­tra­gen ei­ne:n Bau­ju­rist:in mit Ein­spra­chen – mit­un­ter auch je­ne Ju­rist:in­nen, die als Po­li­ti­ker:in­nen die Ge­set­ze mit­ge­stal­tet ha­ben. Aus Ar­chi­tek­tur­krei­sen kommt des­halb auch Kri­tik an sol­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen: Sie führ­ten im Re­sul­tat zu ba­na­le­ren Pro­jek­ten, weil Ar­chi­tek­tur kei­ne Rol­le mehr spie­le.

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