, 19. Februar 2018
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«Ein massvolles Haus»

Am 4. März wird abgestimmt: Nach 50 Jahren soll im Theater St.Gallen für gut 48 Millionen das Dringendste saniert werden, auf einige Zusatzwünsche muss der Betrieb aber verzichten. «Massvoll» lautete das Stichwort schon bei der Eröffnung 1968.

Bild: Débutdébut

Er habe nicht einfach alle Renovationswünsche des Theaters St.Gallen durchgewunken, erklärte Regierungsrat und Bauchef Marc Mächler dieser Tage an einem Podium im Palace St.Gallen. Dies als Antwort auf die Kritik von SVP-Seite, es lohne sich nicht, in einen Bau zu investieren, der aktuellen Raumansprüchen nicht genüge.

Das lohne sich sehr wohl, konterte Mächler und betonte einmal mehr, die Architektur-Ikone der 1960er-Jahre könne massvoll saniert werden und man verzichte ganz bewusst auf gewisse technische Verbesserungen.

Paillards «Dosierung der Ansprüche»

Fast die gleichen Sätze findet man schon in 50 Jahre alten Berichten. Architekt Claude Paillard schrieb im Heft Nr. 12 der Zeitschrift «Bauen und Wohnen» von 1968: «Als wichtigstes Merkmal des Neubaus kann die Tatsache gelten, dass es ein massvolles Haus ist. Ein Theater, bei dem Mass gehalten wurde: bei der Aufstellung des Raumprogrammes, bei der Bestimmung der Raumabmessungen, bei der Dosierung der Ansprüche – und daher auch bei den Kosten. Diesem Umstand ist es sicher zu verdanken, dass das neue Stadttheater in St.Gallen gebaut werden konnte.»

Verschiedene Publikationen liessen damals Architekt Claude Paillard zu Wort kommen, darunter auch das Schweizer Theaterjahrbuch Nr.34 von 1968, das ganz den St.Galler Theaterbauten «Von den alten Theatergebäuden am Karlstor und am Bohl zum neuen Haus im Grossmannpark» gewidmet war. Paillard äusserte sich dabei auch zum «Architekturempfinden» der 1960er-Jahre. Gefragt sei «nicht mehr die prunkvolle Gestaltung, die Theaterfassade als grossartige Geste, sondern weit mehr die sinngemäss differenzierte Formung der einzelnen Bauteile zum ganzen Bauwerk».

«Eine Tugend, die aus der Not erwachsen ist»

Der St.Galler Theaterbau war das Resultat eines Architekturwettbewerbs. Schon bei der Eröffnung war die Rede von einer Ikone der Schweizer Nachkriegsarchitektur. Die NZZ schrieb im März 1968, es sei hier ein Gebäude entstanden, «das der Stadt zu Ruhm und Ehre gereicht». Heute ist es im Inventar der schützenswerten Bauten aufgeführt.

Von Anfang an wurde das im konsequenten Sechseck geplante Haus mit seiner skulpturalen Prägnanz gelobt. Innen werden die Besucher in einem spiralförmigen Weg zu den vier Saaleingängen treppaufwärts geführt und umrunden dabei die Unterbühne. Für den NZZ-Berichterstatter war dies vor 50 Jahren «das Erlebnis eines organisch sich vollziehenden räumlichen Zusammenhangs». Paillard – so die NZZ weiter – setze Materialien ein, die den Kontrast verstärken. Holzdecken aus kalifornischem Redwood, lederbezogene Handläufe und glitzernden Beleuchtung neben rauen Betonwänden. Teurer Theaterglanz sei gar nicht nötig: «Diese Innenlandschaft ist eine Tugend, die aus der Not erwachsen ist: dem Platzmangel.» Man habe sich auf einen relativ kleinen Bauplatz beschränkt und die finanziellen Möglichkeiten einer mittelgrossen Stadt berücksichtigt.

Das Massvolle prägt nun auch die Renovationsvorlage. So wie vor 50 Jahren auf den damals neusten technischen Schnickschnack eines Lochkarten-gesteuerten Beleuchtungspults verzichtet wurde, muss das Theater bei der aktuellen Sanierung auf eine Drehbühne verzichten, die dem Betrieb manche Erleichterung bringen würde.

Ein Déja-vu – denn schon damals hatte der zum Bau beigezogene deutsche Theaterbaufachmann Adolf Zotzmann festgehalten, das Haus sei «bühnentechnisch noch nicht voll ausgerüstet»; insbesondere fehlten Versenkungen und eine Drehbühne. «Spielfähig jedoch ist es mit seinen Möglichkeiten auf jeden Fall.» Der gesamte Betrieb sei «geplant mit einfachsten Mitteln, aber auch nach modernsten Gesichtspunkten».

Masshalten gilt auch heute noch – aber nicht nur darum hat die Theatervorlage ein Ja verdient.

Das alte Haus am Bohl (im Bild rechts) übrigens schloss am 31. Januar 1968 seine Tore mit Millöckers Bettelstudent.

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