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Ein Stück über Probleme, die uns alle betreffen

Das Aktionstheater Ensemble gastiert mit seinem neuen Stück Speed (kills content) diese Woche noch dreimal in Dornbirn. (Bild: Stefan Grdic)

Das Aktionstheater Ensemble gastiert mit seinem neuen Stück Speed (kills content) diese Woche noch dreimal in Dornbirn. (Bild: Stefan Grdic)

Das österreichische Aktionstheater Ensemble präsentiert mit Speed (kills content) am Spielboden Dornbirn sein nächstes Stück. In einer Mischung aus Theater, Musik und Choreografie inszeniert Regisseur Martin Gruber mit seinem Team den alltäglichen Kampf ums Überleben in kapitalistischen Zeiten.

Die Cho­reo­gra­fie ver­än­dert sich nicht. Es ver­än­dert sich nur das Tem­po, in dem die Dar­stel­ler:in­nen Zeynep Alan, Isa­bel­la Jesch­ke, Tho­mas Kol­le, Kirs­tin Schwab, Ta­ma­ra Stern und Ben­ja­min Vany­ek über die Büh­ne ir­ren und da­bei mit­zäh­len, wenn sie im Takt der me­lan­cho­li­schen Mu­sik zwei Schrit­te nach vor­ne und drei wie­der zu­rück has­ten, nur um dann doch wie­der am glei­chen Ort fest­zu­hän­gen. Was die Fi­gu­ren des Ak­ti­ons­thea­ters En­sem­ble im Stück Speed (kills con­tent) auf­zei­gen, ist, dass man sich selbst nicht ent­kom­men kann und die klei­nen Pro­ble­me über­all dar­auf war­ten, auf ei­nen her­ein­zu­bre­chen. 

Bei Isa­bel­la ist es ei­ne Tren­nung, we­gen der sie nun zum vier­zehn­ten Mal ei­ne neue Woh­nung fin­den muss, und ob­wohl sie ar­bei­tet, ver­dient sie kein Geld. Kirs­tin üb­ri­gens auch nicht, aber das braucht sie nicht, weil der Mann das Geld, den Gar­ten und das Haus hat, das Kirs­tin ganz al­lein putzt. Tho­mas schimpft und wird ag­gres­siv, weil sein Freund Ben­ja­min al­les falsch macht und wie­der zu viel ge­ges­sen hat. Zeynep re­det über­dreht über ih­re Ge­nos­sen­schafts­woh­nung und be­spricht mit Isa­bel­la, wer am meis­ten ge­ar­bei­tet hat, und Ta­ma­ra ver­liert sich in theo­re­ti­schen Er­klä­run­gen.

Wenn Tho­mas an­fangs be­haup­tet, al­le sei­ne Freun­din­nen wä­ren de­pres­siv, dann hat er nicht un­recht, denn tat­säch­lich wir­ken die Fi­gu­ren dies­mal noch trau­ri­ger und ver­lo­re­ner als in den ver­gan­ge­nen Pro­duk­tio­nen. Am En­de «ha­ben al­le lee­re Au­gen», Kirs­tin fühlt gar nichts mehr und wenn sie Zeit da­für hät­te, wä­re Zeynep auch de­pres­siv, «aber wer ist schon glück­lich?», fragt sie. Die Schein­wer­fer leuch­ten auf und zum dra­ma­ti­schen Sound der Gei­ge tan­zen die Fi­gu­ren wie­der zur Cho­reo­gra­fie: Zwei Schrit­te vor, Takt­wech­sel, drei Schrit­te zu­rück. 

Ge­fühls­aus­brü­che im Rhyth­mus der Mu­sik

Wie auch in den vor­he­ri­gen Stü­cken spie­len sich die Schau­spie­ler:in­nen des Ak­ti­ons­thea­ters En­sem­ble im­mer selbst – auf über­höht iro­ni­sche Wei­se. Was sie da­bei in den we­ni­gen Sze­nen an Klei­nig­kei­ten von sich preis­ge­ben, reicht schon aus, um ei­nen blei­ben­den Ein­druck zu ver­mit­teln und sie auf emo­tio­na­le Wei­se zu ent­hül­len. Da wä­re auch Ta­ma­ras durch­sich­ti­ger Re­gen­man­tel gar nicht not­wen­dig ge­we­sen. Die Fi­gu­ren er­zäh­len am Punkt vor­bei, weil es die­se ba­na­len Ne­ben­säch­lich­kei­ten sind, die ih­re Ge­fühls­aus­brü­che so au­then­tisch ma­chen. Das ge­lingt al­lein schon durch die ver­zwei­fel­te Art und Wei­se, sich in der Grup­pe mit­tei­len zu müs­sen, ob­wohl es ei­gent­lich schon lan­ge nicht mehr um den Text geht. 

Das Stück the­ma­ti­siert die Schwie­rig­kei­ten un­se­rer ak­tu­el­len Zeit und be­schreibt Pro­ble­me, die uns al­le ir­gend­wie be­tref­fen und die Fi­gu­ren ganz be­son­ders. Be­ein­flusst von po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Be­dro­hun­gen, sind es die pri­va­ten Er­in­ne­run­gen und Er­leb­nis­se, die nach­ein­an­der oh­ne Hand­lung, aber mit Live-Mu­sik (An­dre­as Dau­böck, Pe­te Simpson und Jean Phil­ipp Oli­ver Vi­ol) vor dem Pu­bli­kum aus­ge­brei­tet wer­den. 

Wie man das vom Ak­ti­ons­thea­ter En­sem­ble kennt, wer­den auch in Speed (kills con­tent) Men­schen in ih­ren all­täg­li­chen Grenz­si­tua­tio­nen ge­zeigt und da­bei die Feh­ler und Schwä­chen be­tont, die vor al­lem dann auf­tre­ten, wenn die Leu­te un­ter Druck ge­ra­ten. Im Lau­fe der Per­for­mance wer­den die Be­we­gun­gen schnel­ler und gleich­zei­tig ver­fal­len man­che der Fi­gu­ren in ei­ne völ­li­ge Teil­nahms­lo­sig­keit. Tat­säch­lich hat das Stück ei­nen be­un­ru­hi­gen­den Ef­fekt, der sich noch ver­stärkt, je in­ten­si­ver sich die Fi­gu­ren in ih­re Not­la­gen hin­ein­stei­gern. 

Un­an­ge­nehm ge­rührt

Von der je­wei­li­gen Si­tua­ti­on un­an­ge­nehm ge­rührt, ste­hen auch die Ak­teur:in­nen manch­mal ein­fach da und war­ten ner­vös, bis der Re­de­schwall von Isa­bel­la oder Ta­ma­ra in not­wen­di­gen Ab­stän­den vom zu­fäl­li­gen The­men­wech­sel durch­bro­chen wird, und nie­mand schrei­tet ein, wenn Tho­mas wie ein Schön­heits­chir­urg ag­gres­siv auf Ben­ja­mins Kör­per her­um­zeich­net und Ben­ja­min da­nach über sei­ne Ge­füh­le re­det. Kirs­tin wird mit Isa­bel­las Pro­ble­men be­drängt und flüch­tet sich mit ei­ner Pe­rü­cke aus ih­rer (un­be­deu­ten­den) Rol­le hin­aus in die Sail­or-Moon-Fi­gur hin­ein, die sich so un­be­merkt ver­wan­deln kann, wie es auch Ta­ma­ra gern ge­konnt hät­te.

Aus den an­fäng­li­chen Sil­hou­et­ten im pro­ji­zier­ten Hin­ter­grund for­men sich spä­ter die nack­ten Kör­per der Schau­spie­ler:in­nen. (Vi­de­os von Re­sa Lut). In re­gel­mäs­si­gen Ab­stän­den wer­den die Sze­nen un­ter­bro­chen, Licht leuch­tet auf und die Band auf der Büh­ne gleicht die Un­ru­he in den Fi­gu­ren wie­der aus. Durch­ge­tak­tet wie der All­tag sind die Schrit­te der Per­for­mance, die von den Schau­spie­ler:inn­nen auch kör­per­lich ei­ni­ges ab­ver­langt. 


Speed (kills con­tent): 4., 5. und 6. De­zem­ber, je­weils 20 Uhr, Spiel­bo­den, Dorn­birn. 
ak­ti­ons­thea­ter.at 

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