Die Choreografie verändert sich nicht. Es verändert sich nur das Tempo, in dem die Darsteller:innen Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern und Benjamin Vanyek über die Bühne irren und dabei mitzählen, wenn sie im Takt der melancholischen Musik zwei Schritte nach vorne und drei wieder zurück hasten, nur um dann doch wieder am gleichen Ort festzuhängen. Was die Figuren des Aktionstheaters Ensemble im Stück Speed (kills content) aufzeigen, ist, dass man sich selbst nicht entkommen kann und die kleinen Probleme überall darauf warten, auf einen hereinzubrechen.
Bei Isabella ist es eine Trennung, wegen der sie nun zum vierzehnten Mal eine neue Wohnung finden muss, und obwohl sie arbeitet, verdient sie kein Geld. Kirstin übrigens auch nicht, aber das braucht sie nicht, weil der Mann das Geld, den Garten und das Haus hat, das Kirstin ganz allein putzt. Thomas schimpft und wird aggressiv, weil sein Freund Benjamin alles falsch macht und wieder zu viel gegessen hat. Zeynep redet überdreht über ihre Genossenschaftswohnung und bespricht mit Isabella, wer am meisten gearbeitet hat, und Tamara verliert sich in theoretischen Erklärungen.
Wenn Thomas anfangs behauptet, alle seine Freundinnen wären depressiv, dann hat er nicht unrecht, denn tatsächlich wirken die Figuren diesmal noch trauriger und verlorener als in den vergangenen Produktionen. Am Ende «haben alle leere Augen», Kirstin fühlt gar nichts mehr und wenn sie Zeit dafür hätte, wäre Zeynep auch depressiv, «aber wer ist schon glücklich?», fragt sie. Die Scheinwerfer leuchten auf und zum dramatischen Sound der Geige tanzen die Figuren wieder zur Choreografie: Zwei Schritte vor, Taktwechsel, drei Schritte zurück.
Gefühlsausbrüche im Rhythmus der Musik
Wie auch in den vorherigen Stücken spielen sich die Schauspieler:innen des Aktionstheaters Ensemble immer selbst – auf überhöht ironische Weise. Was sie dabei in den wenigen Szenen an Kleinigkeiten von sich preisgeben, reicht schon aus, um einen bleibenden Eindruck zu vermitteln und sie auf emotionale Weise zu enthüllen. Da wäre auch Tamaras durchsichtiger Regenmantel gar nicht notwendig gewesen. Die Figuren erzählen am Punkt vorbei, weil es diese banalen Nebensächlichkeiten sind, die ihre Gefühlsausbrüche so authentisch machen. Das gelingt allein schon durch die verzweifelte Art und Weise, sich in der Gruppe mitteilen zu müssen, obwohl es eigentlich schon lange nicht mehr um den Text geht.
Das Stück thematisiert die Schwierigkeiten unserer aktuellen Zeit und beschreibt Probleme, die uns alle irgendwie betreffen und die Figuren ganz besonders. Beeinflusst von politischen und wirtschaftlichen Bedrohungen, sind es die privaten Erinnerungen und Erlebnisse, die nacheinander ohne Handlung, aber mit Live-Musik (Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol) vor dem Publikum ausgebreitet werden.
Wie man das vom Aktionstheater Ensemble kennt, werden auch in Speed (kills content) Menschen in ihren alltäglichen Grenzsituationen gezeigt und dabei die Fehler und Schwächen betont, die vor allem dann auftreten, wenn die Leute unter Druck geraten. Im Laufe der Performance werden die Bewegungen schneller und gleichzeitig verfallen manche der Figuren in eine völlige Teilnahmslosigkeit. Tatsächlich hat das Stück einen beunruhigenden Effekt, der sich noch verstärkt, je intensiver sich die Figuren in ihre Notlagen hineinsteigern.
Unangenehm gerührt
Von der jeweiligen Situation unangenehm gerührt, stehen auch die Akteur:innen manchmal einfach da und warten nervös, bis der Redeschwall von Isabella oder Tamara in notwendigen Abständen vom zufälligen Themenwechsel durchbrochen wird, und niemand schreitet ein, wenn Thomas wie ein Schönheitschirurg aggressiv auf Benjamins Körper herumzeichnet und Benjamin danach über seine Gefühle redet. Kirstin wird mit Isabellas Problemen bedrängt und flüchtet sich mit einer Perücke aus ihrer (unbedeutenden) Rolle hinaus in die Sailor-Moon-Figur hinein, die sich so unbemerkt verwandeln kann, wie es auch Tamara gern gekonnt hätte.
Aus den anfänglichen Silhouetten im projizierten Hintergrund formen sich später die nackten Körper der Schauspieler:innen. (Videos von Resa Lut). In regelmässigen Abständen werden die Szenen unterbrochen, Licht leuchtet auf und die Band auf der Bühne gleicht die Unruhe in den Figuren wieder aus. Durchgetaktet wie der Alltag sind die Schritte der Performance, die von den Schauspieler:innnen auch körperlich einiges abverlangt.
Speed (kills content): 4., 5. und 6. Dezember, jeweils 20 Uhr, Spielboden, Dornbirn.
aktionstheater.at