, 21. Juli 2015
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Exodus in der Scheune

Kühlere Luft und erst noch Kultur: Also ab in die Berge! Das Festival Origen im bündnerischen Riom hat im zehnten Jahr neben der gewaltigen Burg eine neue Spielstätte erhalten. In einer umgebauten Scheune wird «Benjamin» gespielt, mit phänomenalen Sängern und in St.Galler Kostümen.

Origen hat es seit seiner Gründung 2006 fast immer mit biblischen Stoffen. Die Sintflut war schon Thema, der Turmbau zu Babel, das Paradies, die Königin von Saba oder Samson. Vor Jahresfrist wurde zum Karlsjahr ausnahmsweise ein weltlicher Held, Karl der Grosse auf den Theaterthron gehievt – seine goldenglänzende Statue begrüsst das Publikum jetzt im Innenhof vor der umgebauten Scheune. Diese «Clavadeira» soll künftig als Wintertheater dem Festival dienen und beherbergt dieses Jahr zur Einweihung auch die sömmerliche Hauptproduktion: «Benjamin».

IMG_4156Gegenüber der gewaltigen Burg von Riom, dem traditionellen Origen-Spielort, die das Surses rund um Savognin überragt, ist die Scheune bescheidener und intimer. Das Publikum sitzt reihum auf goldgelben Bänken, gespielt wird im Quadrat in der Mitte, ohne Bühnenbild und Requisiten.

Das in Graubünden vielfach aktive Architektenduo Gasser Derungs hat die Bruchsteinwände wo immer möglich roh belassen, die geschnitzten offenen Holzladen dazwischen hinter Scheiben sichtbar gelassen und dem Theaterraum so sein bäuerliches Ambiente bewahrt. Die Einbauten in Eingang und Foyer sind lakonisch einfach in Beton und Holz – Architektur ohne Schnörkel, abgesehen vom Hang zum goldenen Schein mit den Sitzen fürs Publikum.

Achtstimmig im siebten Himmel

Beschränkung auf das Wesentliche: Das gilt weithin auch für die Inszenierung von Origen-Intendant Giovanni Netzer. Und das Wesentliche ist hier die menschliche Stimme. Ein achtköpfiges Ensemble von phänomenalen Sängerinnen und Sängern, dirigiert von Clau Scherrer, trägt das Stück. Instrumente sieht die Partitur des Bündner Altmeisters Gion Antoni Derungs nicht vor – die Stimme ist Melodie- und Begleitinstrument in einem. Teils solo, im Duett und Trio oder in komplexer Vielstimmigkeit, meist ernst und dazwischen auch mal mit frechem musikalischem Witz spielt sich die Geschichte um Joseph und Benjamin ab, die beiden jüngsten und meistgeliebten Söhne des biblischen Stammvaters Jakob.

Der Erzählstrang ist rätoromanisch; der wunderbare Erzähler Valentin Johannes Gloor erklärt jeweils auf Deutsch den Inhalt. Daneben zitiert und verfremdet Komponist Derungs Motive aus der lateinischen Requiemtradition. Trauergesänge begleiten Rahels Tod, das «Dies irae» und «Libera me» erklingen bei der Verbannung Josephs in die ägyptische Sklaverei, sein triumphaler Aufstieg vom Sklaven zum ersten Minister des Pharao und die schliessliche Versöhnung mit den Brüdern münden in ein Finale «in paradisum».

IMG_7282Glamouröse Stoffe zum harten Thema

So bestechend zeitgenössisch trotz Rückgriffen auf Gregorianik und frühe Mehrstimmigkeit der Gesang ist, so altbacken muten die tänzerischen Einsprengsel ein. Alle drei getanzten Figuren – der Tod, schwarz und mit starrem Blick, die junge Traumtänzerin und der ebenso junge Benjamin – stecken in einem starren, pantomimisch beschränkten Bewegungskorsett, das mit dem grandiosen Niveau des Gesangs nicht mithalten kann.

Dabei versteht sich das Origen-Festival ausdrücklich auch als Experimentierort für den zeitgenössischen Tanz. Neben «Benjamin» oder der mobilen Commedia-Produktion «Arca» stehen in den kommenden Wochen gleich mehrere Tanzproduktionen in der Burg und in der Scheune auf dem Programm, von teils renommierten Choreographen wie dem Albaner Eno Peci oder der Japanerin Yuka Oishi.

Sie alle thematisieren das diesjährige Über-Thema des «Exodus» auf je eigene Weise. In der «Benjamin»-Oper bleibt das Thema eher unpolitisch, im Vordergrund stehen der Bruderkonflikt und die Bruderliebe, die im berührenden Liebeslied ihren Höhepunkt findet, mit dem Joseph Benjamin in Schlaf singt.

Der St.Galler Designer Martin Leuthold hat Sängerinnen, Sänger und Tänzer in kostbare Kostüme eingekleidet: prachtvoll und eine Augenweide, aber auch zwiespältig. Eine solche bloss ästhetische «Feier des schönen Stoffs» passt wie die Faust aufs Auge zum harten Flüchtlingsthema, das sich Origen 2015 inhaltlich vorgenommen hat.

Weitere Spieldaten «Benjamin»: 21., 23., 25. und 29. Juli, 4. August. Infos und alle anderen Termine hier.

Bilder: Bowie Verschuuren

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