In der Nacht auf den 9. September 2020 brannte das Lager Moria auf der Ägäis-Insel Lesbos komplett nieder. Zehntausende Menschen auf der Flucht verloren dadurch alles, was sie noch hatten. Nun, etwas mehr als ein Jahr nach der Katastrophe, befinde ich mich auf Lesbos und arbeite für drei Monate im Community Center von One Happy Family.
Das neue Camp, umgangssprachlich Moria 2 genannt, wurde von der EU als «temporäre» Lösung errichtet. Ein Jahr nach dem Brand leben aber weiterhin mehrere tausend schutzbedürftige Menschen im Camp – unter Bedingungen, die für das ach so humanitäre Gedankengut Europas nicht menschenwürdig sind.
In Mytilini habe ich Fabian Bracher, Vorstandsmitglied bei One Happy Family, für ein Interview getroffen und mit ihm über die aktuelle Lage und die Veränderungen im letzten Jahr gesprochen.
Arno Tanner: Als erstes kurz zu dir als Person. Wer bist du, was machst du auf Lesbos und wie lange bist du schon auf der Insel aktiv?
Fabian Bracher: Ich begann in der Schweiz als Bankangestellter in der Kundenberatung, studierte dann Soziale Arbeit und habe mich auf Soziokulturelle Animation festgelegt. Dadurch habe ich viel mit unbegleiteten Minderjährigen gearbeitet und auch in Zentren für abgewiesene Asylsuchende in der Schweiz. 2015 war ich das erste Mal auf Lesbos. Zu einer Zeit, in der täglich hunderte von Booten mit Menschen auf der Flucht ankamen, die nach wenigen Tagen bereits weiter Richtung Festland und Balkanroute reisen konnten. 2016 war ich eineinhalb Monate in Thessaloniki, und 2017 kam ich für ein Jahr zurück nach Lesbos. In diesem Jahr haben wir gemeinsam das Community Center von One Happy Family aufgebaut. Seither komme ich regelmässig zurück nach Lesbos und bin nun auch bereits wieder seit einem Jahr und einem Monat hier.
Wie erinnerst du dich zurück an den Brand in Moria?
Ich war in der Schweiz. Im Frühling 2020 haben wir die Kampagne «Evakuieren jetzt!» gestartet, damals war die Kampagne gerade etwas am Auslaufen. Der Brand im Camp Moria war für uns alle und auch für unsere Mitarbeiter:innen im Community Center ein riesiger Schock. Leider war uns bewusst, dass diese Gefahr schon seit Langem bestand. Im Lager lebten 20’000 Menschen bei einer Kapazität für 3500 Menschen. Das Camp war also massiv überfüllt und es gab keine Präventionsmassnahmen für genau solche Fälle. Als dann die Pandemie dazukam, löste dies bei vielen Menschen im Camp grosse Angst aus, da sie keinen Zugang zu Schutzmassnahmen oder Hygienestandards hatten. Anstelle einer Evakuierung der Menschen in den Lagern auf die vier griechischen Inseln hat man die Menschen bewusst der Gefahr ausgesetzt.
Was danach passierte, ist noch fast schlimmer. Man hat die Menschen, die im Feuer alles verloren, was sie noch hatten, zwei Wochen auf der Strasse ausharren lassen, statt als Europäische Union einen Schritt auf sie zuzugehen, zu helfen – und vor allem: auch ihnen Zugang zum europäischen Asylsystem zu gewähren. Die Menschen hatten keinen Zugang zu irgendwelcher Unterstützung, oft auch keinen Zugang zu Essen oder Wasser. Humanitäre Organisationen, die Hilfe leisten wollten, wurden durch die Polizei blockiert, und die Menschen wurden in einer Zone durch Militär und Polizei eingekesselt.
Unser Community Center war durch Corona und die Auswirkungen des Brandanschlags auf unser Center im Frühling 2020 zu dieser Zeit geschlossen. Das Team rund um unsere Volunteers, die zu dieser Zeit hier waren, hat trotzdem versucht, so gut wie möglich Unterstützung zu leisten.
Wie hat sich die Situation seither verändert?
Diese Frage ist immer schwer zu beantworten als Person, die nicht im Camp lebt. Was ich aber immer wieder von den Betroffenen höre, ist, dass im neuen Camp die Bewegungsfreiheit der Menschen noch viel stärker eingeschränkt ist als im alten Moria. Grösstenteils sind die Menschen eingesperrt und dürfen das Camp nur ein- bis zweimal die Woche für vier Stunden verlassen. Bis in die Stadt ist es ein Fussmarsch von 40 bis 60 Minuten, je nach Gesundheit.
In der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen ist das Camp geschlossen. Es hat massiv viel mehr Polizeipräsenz, die Menschen fühlen sich beobachtet und wie Kriminelle behandelt, Moria 2 fühle sich an wie ein Open-Air-Gefängnis, sagen sie. Es ist umgeben von Mauern und Stacheldraht, Ein- und Ausgänge werden ständig bewacht, die Menschen werden kontrolliert – was auch einen massiven Einfluss auf die psychische Gesundheit der Menschen hat.
Hat sich auch etwas verbessert?
Die grundsätzlichen Lebensbedingungen sind im Vergleich zum alten Camp etwas besser geworden. Die Menschen leben zwar weiterhin in Zelten, Containern und Grossraumzelten mit Platz für 150 Personen, doch im Vergleich zum alten Moria ist der Schutz vor Witterung und Wetter ein bisschen besser. Das ändert aber nichts daran, dass die Menschen weiterhin eingesperrt sind und unter unmenschlichen Bedingungen leben müssen.
Die Zahl der Menschen auf den Inseln sinkt zurzeit stetig. Grund dafür sind die vermehrten illegalen Pushbacks der Grenzschutzorganisationen und die Tatsache, dass viele Menschen im Camp ihre Papiere zur Weiterreise bekommen. Trotzdem ist ein neues Hochsicherheitscamp, wie jenes auf der Insel Samos, in Planung. Weshalb?
Ganz plakativ gesagt: Weil die EU das Geld gesprochen hat, um dieses neue Camp zu bauen. Das passt gut in den Plan der griechischen Regierung, denn sie will die sichtbare Situation der Camps vor den Tourist:innen und Einheimischen verstecken.
Man möchte das neue Camp mitten auf der Insel bauen, weit weg von einer Stadt oder Einkaufsmöglichkeiten. Somit werden die Situation und auch die ganzen Menschenrechtsverletzungen versteckt und der Zugang für solidarische und humanitäre Organisationen eingeschränkt. Projekte ausserhalb der Camp-Strukturen hätten somit grosse Probleme, und die Organisationen im Innern des neuen Camps wären noch mehr unter behördlicher Beobachtung, als das bisher bereits der Fall ist. Die kritische humanitäre Arbeit wäre somit fast unmöglich. Wenn Organisationen mit Zutritt zum Camp sich kritisch äussern, kann ihnen einfach der Zugang verweigert werden.
Wenn du die Chance hättest, etwas strukturell an der Situation zu ändern: Was wäre das und weshalb?
Die Aufhebung des Dublin-Abkommens, die Einführung des Botschaftsasyls und eine massive Aufstockung des Resettlement-Programms. Das Problem ist aber auch ein strukturelles, nicht nur ein migrationspolitisches: Durch die Ungleichheit und die Ausbeutung in unserer Welt schaffen die wirtschaftlich privilegierten Länder mit ihrem Drang nach Profit und Macht grosse Ungleichheiten, die letztlich Auslöser für Krieg, Armut und Flucht sind. In unserer Welt muss sich strukturell etwas ändern.
Durch die Pandemie gerät die Situation für Menschen auf der Flucht immer mehr in Vergessenheit, viele verschliessen ihre Augen vor den Problemen ausserhalb ihrer Komfortzone. Was würdest du dir von Menschen in privilegierten Ländern wünschen?
Ein Bewusstsein dafür, wie dramatisch die politische Situation, aber auch die Situation für Geflüchtete ist. Wenn man es von aussen betrachtet, leben wir in einer faschistischen Utopie. Vor 20 Jahren hätte sich niemand vorstellen können, dass die Grenzen Europas so massiv ausgebaut werden. Dass es Abkommen mit Drittstaaten ausserhalb der EU gibt, die den Grenzschutz für uns übernehmen und die wir schlussendlich dafür bezahlen, Menschenrechtsverletzungen zu begehen, um andere davon abzuhalten, nach Europa zu flüchten.
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen im Mittelmeer ertrinken, nur weil sich die Behörden weigern, diese Menschen zu retten. Gleichzeitig werden solidarische und humanitäre Menschen für ihre Hilfe und für das Retten von Menschenleben kriminalisiert und vor Gericht gestellt, weil sie die Aufgaben übernehmen, die eigentlich den europäischen Staaten zufallen. Wenn man sich dieser Situation bewusst wird, merkt man, dass hier massiv mehr gemacht werden muss, als nur Geld zu spenden und kleine Hilfsleistungen zu stellen. Es benötigt strukturelle Änderungen, damit wir diese Situation verbessern können.
Stichwort Finanzen: Was sagst du zum kürzlichen Nationalratsentscheid, Frontex mit dreimal mehr finanziellen Mitteln als bisher zu unterstützen? Neu wurden 61 Millionen Franken jährlich bis 2027 budgetiert.
Wir müssen sofort aufhören, Frontex zu finanzieren! Es kann doch nicht sein, dass wir eine Organisation, die in den letzten Jahren einfach ohne Kontrolle arbeiten konnte, so massiv unterstützen. Frontex kann Deals aushandeln mit anderen Staaten und Behörden und Operationen an den Grenzen durchführen, über die schlussendlich niemand mehr eine Übersicht hat. Es gibt etliche dokumentierte Menschenrechtsverletzungen durch Gewalt und Pushbacks. Frontex hätte dies untersuchen sollen und es ist einfach nichts passiert. Noch schlimmer: Man weiss davon und lässt es einfach weiterlaufen. Statt zu sagen: Okay, wir ziehen daraus jetzt unsere Konsequenzen und gehen diesen Anschuldigungen nach. Dies zeigt, wie unfähig und wie stark ausser Kontrolle diese Agentur ist. Da als Schweiz mehr Geld zu investieren, ist eindeutig der falsche Weg. Wir müssen ein klares Zeichen setzen, aus der Schweiz und aus allen anderen Ländern, dass es so nicht weitergehen kann!
Die Situation auf den griechischen Inseln ist also weiterhin prekär. In diesem Jahr wurden bis Ende Oktober in der Ägäis bereits 465 Pushbacks dokumentiert. 88 davon allein im Oktober. Menschen werden teilweise sogar nach ihrer Ankunft auf den Inseln von den Grenzschutzbehörden verhaftet, kontrolliert und danach wieder zurück aufs Meer gebracht. Diese Menschenrechtsverletzungen müssen sofort gestoppt werden.
Ein griechischer Gesetzesartikel untersagt es, die Lebensbedingungen innerhalb der Camps zu dokumentieren und nach aussen zu tragen. Darum habe ich – zur Sicherheit meiner Bekannten im Camp – auf ein Interview mit einer Person auf der Flucht verzichtet. Das Interesse wäre zwar da gewesen, doch die Angst vor Repression genauso.
Ein Freund, der im Camp lebt, erzählte mir kurz nach meiner Ankunft auf Lesbos seine Geschichte. Er sagte ganz klar: «Wir leben hier eingesperrt wie Tiere. Viele Menschen im Camp haben Talente und Begabungen, die unserer Gesellschaft nützen könnten. Stattdessen leben wir hier wie Vögel mit gebrochenen Flügeln und warten darauf, dass wir endlich unser neues, sicheres Leben beginnen können…»
Arno Tanner, 1995, ist pädagogischer Mitarbeiter an der HPS Flawil und arbeitete von Anfang Oktober bis Mitte Dezember im Community Center von One Happy Family auf Lesbos. Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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