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Henry Dunants apokalyptische Comics

«Das ist doch utopisch...!» Einer, der sich von solchen Bedenken nicht beirren liess, war Henry Dunant. Dunants Lebensweg, seine hellen und düsteren Visionen sind Thema einer Ausstellung in Heiden und eines Referats im Solihaus.
Von  Peter Surber

Das Dunant-Museum liegt, passend, an der Asylstrasse in Heiden. Hier in Ausserrhoden hatte Henry Dunant seit 1887 seinerseits eine Art Asyl gefunden, nach einer rastlosen Reiserei kreuz und quer durch Europa auf der Suche nach Rehabilitation nach seinem Bankrott und dem Ausschluss aus der Rotkreuz-Gesellschaft. Hier in Heiden ist, neben der Dauerausstellung, seit September eine Sonderausstellung zu Dunants (aber auch heutigen) Visionen zu sehen.

Welt-Bibliothek, Welt-Schiedsgericht…

Was man von Dunant kennt, kommt in der Schau im Schnelldurchgang zwar auch vor: das frühe Engagement für die christliche Jugendarbeit, die «Initiation» bei der Schlacht von Solférino, die Rotkreuz-Gründung. Andere Visionen des unermüdlichen Netzwerkers sind weniger bekannt: die «Internationale Universalbibliothek», die er schon 1867 propagierte und die 130 Jahre später mit der World Digital Library Realität geworden ist; das Internationale Schiedsgericht, Vorläufer-Idee des Tribunals von Den Haag; eine feministische Allianz oder das «Grüne Kreuz», das sich für die Wohlfahrt der Arbeiterinnen einsetzen sollte. Auf seinem Utopie-Programm, das immer aufs globale Ganze ging, stand aber auch eine Schweizer Liga der Menschenrechte.

Hinter all den Visionen steht Dunants Überzeugung: «Der Feind, unser wirklicher Feind, ist nicht die Nachbarnation, sondern der Hunger, die Kälte, die Armut, die Unwissenheit, die Gewohnheit, der Aberglaube und die Vorurteile.» Die Ausstellung dokumentiert aber auch Dunants im Alter immer stärker werdende Zweifel an der Lernfähigkeit und Friedenstauglichkeit der Menschen und der Staaten: Die «blutige Zukunft», die er in seiner Schrift «L’avenir sanglant»beschwor, wurde im 20. Jahrhundert grauenhafte Tatsache.

Gezeichnete Apokalypse

Kaum bekannt dürfte hingegen der andere Schwerpunkt der Ausstellung sein: drei Tafelbilder, die sich in Dunants Nachlass befanden und erst in den Sechzigerjahren bei einem Genfer Antiquar entdeckt wurden. Zusammen mit einer vierten Tafel befinden sie sich heute im Museum des Roten Kreuzes in Genf und sind in Heiden in Kopie zu besichtigen. Ob Dunant der Schöpfer der Bilder war, ist unklar; gesichert ist, dass es  sich um Beispiele jener «prophetischen Karten» handelt, die in den erweckungsbewegten pietistischen Kreisen kursierten, in denen auch Dunant, insbesondere in Süddeutschland, regelmässig verkehrte.

Ausstellung «Visionen. Henry Dunant. Und wir?»
Henry-Dunant-Museum Heiden, bis April 2019
dunant-museum.ch

Referat «Das andere Gesicht des Henry Dunant» von Andreas Ennulat:
3. November 19.30 Uhr Solihaus St.Gallen

Die vier Tafeln beschreiben die Schöpfung der Welt und die Menschheitsgeschichte von Adam beziehungsweise von Noah bis zum «Tausendjährigen Reich» und dem «Neuen Himmel», der frühestens ab dem Jahr 2900 n. Chr. erreicht werden soll. Sie wollten eine «Zusammenschau biblischer Weissagungen und Prophezeiungen der Weltzeit vom Anfang bis zu Ende» sein, eine «apokalyptische Schau», wie die Autoren der Begleitpublikation zur Ausstellung, Heidi Eisenhut und Andreas Ennulat, erklären.

Die Tafeln sind dicht beschriftet, fantastisch ausgemalt, eine Art religiöser Comic-Strip vom Anfang (oben) bis zum «Ciel Nouveau», dem «Jugement Dernier» oder der «Eternité» zuunterst auf dem Bild. Gemäss der Prädestinationslehre illustrieren sie, wie der Gang der Menschheit vorbestimmt ist und alles auf den künftigen grossen «vorgesehenen Weltuntergang» zuläuft.

Ein Visionär des Untergangs also? Die Autoren der Begleitpublikation sehen durchaus einen Zusammenhang zwischen Dunants lebenslangem missionarischen Eifer und den religiösen Untergangsszenarien: «Sie passen zum getriebenen Leben Dunants, der seine von Gott auferlegte Rolle im Endzeitkampf um jeden Preis wahrnehmen wollte. Angesichts seiner Getriebenheit, seiner Rast- und Ruhelosigkeit, seiner Wahnvorstellungen, der Angst, verfolgt, vergiftet, gemartert zu werden konnte die Zukunft nur ‚blutig’ sein.»

Über dieses Leben, Dunants Kampf und seine Verbitterung, ist am Freitagabend, 3. November im Solihaus St.Gallen mehr zu erfahren: Andreas Ennulat, Dunant-Kenner und Pfarrer in Wolfhalden, spricht über «Das andere Gesicht des Henry Dunant».

 

 

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