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Die Bombe und die «Friedensbewegler»

Im Dunant-Dorf Heiden lancierten Jugendliche gestern und heute die Kampagne "Swiss Youth Bans the Bomb". An der Schlussveranstaltung sprach unter anderen der Historiker, Polit-Aktivist und Kantonsschullehrer Hans Fässler. Hier leicht gekürzt Fässlers Rede mit dem  Titel "Betrachtungen über drei Fichen-Einträge".

Von  Hans Fässler , 

Ich will ihnen nicht erzählen, wie ich lernte, die Bombe zu lieben. Ich will ihnen auch nicht erzählen, wie ich lernte, die Bombe zu hassen. Ich will versuchen, Ihnen näherzubringen, wie es einem geht, der in den 1980-Jahren Teil der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung war, der nach dem Ende des Kalten Krieges die Bombe etwas aus dem Augen verlor, der im Mai 1998 durch jenen kurzen Film über die erste pakistanische Nuklearexplosion aufgeschreckt wurde, in dem ein ganzer Berg seine Farbe ändert, und der sich heute einfach freut, dass es wieder eine radikale Anti-Atom-Initiative gibt, in der viele junge Menschen dabei sind.

Die Fiche zu den Friedenstagen

Mein erster Fichen-Eintrag, also meine erste politische Aktivität, welche offenbar gemäss einem Beamten der politischen Polizei des Kantons St.Gallen der Registrierung bedurfte, war eine Redebewilligung, die ich 1980 für den PLO-Vertreter in Wien, Ghazi Hussein, bei der Fremdenpolizei eingeholt hatte. Dieser Eintrag hatte eine gewisse staatsschützerische Logik, war doch Hussein Teil jener zerstrittenen palästinensischen Befreiungsbewegung, zu deren politischen Instrumenten auch immer wieder Anschläge und Attentate gehörten.

Wo aber ist die staatsschützerische Logik im zweiten Eintrag, aus dem Jahre 1983: „Von Nachrichtendienst SG: Notiz zu bevorstehenden Friedensaktionen in St.Gallen.  F. ist Mitglied des ‚Koordinationsausschusses der Friedenstage“? Wer war dieser Koordinationsausschuss? Das waren Leute, die der Meinung waren, das atomare Wettrüsten zwischen West und Ost (Bild unten:  Szene aus dem Film „Dr Strangelove“ von Stanley Kubrick) sei ein Wahnsinn, sei gefährlich, sei militärisch sinnlos, ökonomisch unvernünftig und müsse gestoppt werden. Leute wie zum Beispiel mein alter Zeichenlehrer Fridolin Trüb, der sich in der religiös-sozialen Tradition von Hermann Kutter, Karl Barth und Leonhard Ragaz seit 1945 durch Friedens- und Zivildienst für Versöhnung, Abrüstung und soziale Gerechtigkeit eingesetzt hatte.

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Ein Flugblatt, das wir damals produzierten und verteilten, zeigt eine Karte von Mitteleuropa, auf welcher ganz Deutschland, das heisst BRD und DDR, mit dunklen Punkten übersäht war . Jeder der über hundert Punkte bedeutete einen Atomwaffenstandort, der im Kontext der immer genaueren Raketen ein potentielles Ziel für einen atomaren Erstschlag sein konnte. Die nächsten dieser Punkte lagen gleich hinter dem Bodensee: Memmingen, Bremgarten bei Freiburg, Immendingen, Pullendorf, Füssen. Kempten, Landsberg, Neu-Ulm. Eine zweite Karte zeigte, dass im Falle einer nuklearen Explosion je nach Windrichtung die ganze Schweiz oder Teile von ihr in der Zone der tödlichen Strahlendosis liegen würden.

Just auf diese Bedrohung wollte etwa zur gleichen Zeit eine Schulklasse in St.Gallen mit einem Räbeliechtli-Umzug aufmerksam machen. Stadtrat Urs Flückiger verbot diesen kurzerhand, was mich zu einer wütenden Protestaktion bewegte: Ich zog mit einer Laterne durch die Gassen der Stadt, auf der das Bild jenes Stadtrates zu sehen war, zusammen mit dem Text: „Denn Dein ist das Reich / Und die Schulverwaltung / In Ewigkeit / Atom.“

Heute ist es, um auf das Flugblatt mit den Punkten zurückzukommen, gerade noch ein einziger deutscher Stützpunkt, der US-Atomwaffen lagert: der Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz. Und auch dieser Fliegerhorst wurde im August dieses Jahres von 700 Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt während 24 Stunden als Protestaktion blockiert.

Im Zeichen des Kalten Kriegs

Woher rührte denn nun diese häufige Bitterkeit und Aggression auf beiden Seiten? Woher kam diese intensive Auseinandersetzung um etwas, das uns heute selbstverständlich erscheint? Wie war es möglich, dass 1962 (um noch etwas weiter zurückzugehen, in auch für mich bereits historische Zeiten) eine Volksinitiative mit dem simplen Text „Herstellung, Einfuhr, Durchfuhr, Lagerung und Anwendung von Atomwaffen aller Art, wie ihrer integrierenden Bestandteile, sind im Gebiete der Eidgenossenschaft verboten“ in der Schweiz massiv verworfen wurde? 65% stimmten Nein und folgten damit der Argumentation von Bundesrat und führenden Offizierskreisen, man wolle sich „die wirksamste Waffe zum Schutze der Neutralität“ nicht vorenthalten lassen. Ausserrhoden schmetterte die Initiative übrigens mit 77% Nein ab, Innerrhoden mit 92%. Und mit intellektuellem Erröten muss ich anfügen, dass nicht einmal meine SP klar hinter der Initiative stand und dass die Initiative aus Kreisen der Gewerkschaft der Metall- und Uhrenarbeiter (SMUV) sogar massiv bekämpft wurde.

Die Antwort nach dem Ursprung dieser Konfrontation findet sich in meinem dritten Fichen-Eintrag, auch dieser aus dem Jahr 1983: „Im Zuge der Schliessung der Nowosti-Presseagentur in Bern hat BR Friedrich gewisse Friedensbewegler als von Moskau beeinflusst bezeichnet. Daraufhin starteten die Frauen für den Frieden eine Aktion ‚Strafklage gg BR Friedrich‘ wegen Verleumdung und übler Nachrede. 1’300 Personen unterzeichneten diese Klage. F. fig. auf Liste der Unterzeichner.“

Hier wird es deutlich: Die Anti-Atom- und die Friedensbewegung standen im Spannungsfeld des Kalten Krieges, jener epochalen ideologischen Auseinandersetzung zwischen USA und UdSSR, zwischen Kapitalismus und Sowjetkommunismus, zwischen Links und Rechts. Wer über 50 Jahre alt ist, ist in diesem politischen Klima sozialisiert worden. Unseren Studentinnen und Schülern muss man es hingegen zu vermitteln versuchen.

Zivilschutz-Kontroverse

Man muss beispielsweise erklären, wie der Zivilschutz, also jene Organisation, deren Aufgabe es war, die Bevölkerung vor den Auswirkungen eines Atomkriegs zu schützen, ins Spannungsfeld dieses Kalten Krieges geriet. Ich bin selber gewissermassen in einem Zivilschutzhaushalt aufgewachsen. Mein Vater war Materialverwalter des städtischen Amtes für Zivilschutz, und als Bub lernte ich von ihm in der Freizeit nicht nur, wie man ein Napalm-Feuer löscht, sondern auch, wie man die tonnenschweren Panzertüren zu den Schleusen und den Schutzräumen öffnet, welche die ganze Bevölkerung dann vor der radioaktiven Verstrahlung schützen würden.

In der Friedensbewegung sahen wir das anders: Zivilschutz hiess für uns Vorbereitung auf einen Krieg, der nie und nimmer geführt werden darf. Zivilschutz hiess für uns, die tödliche Logik der atomaren Hochrüstung zu akzeptieren. Nicht verwunderlich, dass mein Vater eine Zeitlang nicht gut auf die SP zu sprechen war, als sie mit einem Referendum das projektierte Zivilschutzzentrum im Sittertobel zu Fall brachte. Nicht verwunderlich auch, dass 1986 mein Gesuch an das Amt für Zivilschutz, uns für ein Podium einen Referenten zur Verfügung zu stellen, in den Akten der politischen Polizei landete.

MURUROA NUCLEAR BOMB

Dass der Kalte Krieg vermutlich vorbei war, wurde mir so richtig im September des Jahres 1995 bewusst. Ein weiterer unterirdischer Atomversuch durch die französische Regierung auf dem zu Französisch-Polynesien gehörenden Mururoa-Atoll (Bild) löste weltweite Proteste aus, auch von Schülerinnen und Schülern. Rektor Willi Eugster informierte uns Lehrkräfte, er habe eine Protestaktion mit Trillerpfeifen mittags um 12 Uhr auf dem Dach der „Arche“ (dem Hauptgebäude der Kanti Trogen) bewilligt, und wenn Lernende daran teilnehmen wollten, dürfe man sie nicht daran hindern. Ich muss gestehen, dass ich erst einfach amüsiert war über die höfliche Art, wie Rektor und Protestierende miteinander umgingen. Dass es ein Zeichen für das Ende einer Epoche war, habe ich erst später realisiert.

1998 kam dann für mich, wie ich es eingangs erwähnt habe, die Bewusstwerdung, dass die nukleare Bedrohung durch die Abrüstungsschritte der Supermächte längst nicht vorüber war. Es war nicht nur der Berg, der die Farbe änderte und dann teilweise zusammenbrach, der mich erschreckte. Es war auch das Triumphgeschrei der anwesenden offiziellen Beobachter. Aber ich muss gestehen, dass ich die westliche Empörung über die indische, die pakistanische, die nordkoreanische Bombe nicht zu teilen vermochte. Ich habe es immer als spezifische Arroganz der fünf Grossmächte angesehen, der übrigen Welt die Entwicklung von Atombomben mit hoch erhobenem Mahnfinger zu verbieten, aber keinen ernsthaften Schritt zu unternehmen, die eigenen und damit alle Atomwaffen zu beseitigen.

„Death Valley“ Rheintal

Und auch die Schweiz hatte und hat hier ihren Anteil. Als ich in den 80er-Jahren im St.Galler Kantonsrat darauf hinwies, das sich im St.Galler Rheintal ein Cluster von Firmen bilde, welche Nukleartechnologie ins Ausland exportierten und dabei vom Rheintal als dem „Death Valley“ der Schweiz sprach, drohten empörte Rheintaler Kantonsräte von CVP und FDP, sie würden mich persönlich für jeden einzelnen verlorenen Arbeitsplatz verantwortlich machen. Eine der Firmen, die ich an die Öffentlichkeit gezerrt hatte, war die VAT Vakuumventile AG in Haag. Dort hatte ein gewisser Friedrich Tinner gearbeitet, der den «Vater» der pakistanischen Atombombe, Abdul Qadeer Khan, seit den 1970er Jahren persönlich gekannt hatte. Dass die Schweiz-Pakistan-Libyen-Nordkorea-Connection nie aufgearbeitet werden konnte, weil Bundesrat Blocher auf Druck der USA 2009 die meisten Akten zum Fall Tinner schreddern liess, gehört für die rüstungspolitischen bewussten Menschen der älteren Generation zu den grossen politischen Skandalen.

Umso mehr freue ich mich heute darüber, dass im selben Land, das seine Proliferationsvergangenheit verdrängt, mit „Swiss Youth Bans the Bomb“ eine grosse und wichtige Kampagne zur Beseitigung und Vernichtung aller Atomwaffen lanciert worden ist und dass sie von jungen Menschen getragen wird, welche keine Angst haben müssen, wegen ihrem Engagement einen Fichen-Eintrag der Schnüffelpolizei zu bekommen.

Die Gefahr ist nicht gebannt

Uns Älteren bleibt die Aufgabe, ähnlich wie beim Holocaust, die Erinnerung an die Entstehung des atomaren Schreckens, an seine Opfer von Hiroshima (Bild unten) und Nagasaki bis Tschernobyl und Fukushima und an den Widerstand dagegen wach zu halten. Indem wir zum Beispiel davor warnen, die heutige Situation als viel sicherer und stabiler anzusehen als diejenige der 1980er-Jahre.

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Es braucht wenig politische Fantasie um sich auszumalen, wie sich aus dem immer noch schwelenden Konflikt um den Kaschmir, wo die Atommächte China, Pakistan und Indien Gebietsansprüche haben und den Bill Clinton einmal „the world’s most dangerous place“ genannt hat, ein verheerender Nuklearkrieg entstehen könnte. Oder auch indem wir darauf hinweisen, dass ein Kalter Krieg schnell wieder zurückkommen könnte. Denken wir nur daran, wie rasch sich diesen Sommer durch Edward Snowden und die Syrien-Frage die Beziehung zwischen den USA und Russland abgekühlt hat, oder schauen wir, wie erbittert in diesen Wochen hierzulande die Initiative „1:12“ mit dem Argument bekämpft wird, es handle sich dabei um ein „kommunistisches“ Projekt.

Ich habe meinen Schülerinnen und Schülern letzte Woche gesagt, vielleicht würden sie in 50 Jahren zurückblicken und feststellen, dass die globale Bewegung zur Abschaffung aller Atomwaffen, welche – sagen wir – im Jahre 2025 verwirklicht wurde, just in ihrem letzten Jahr an der Kantonsschule begonnen habe, und dass sie damals, 2013, irgendwie dabei gewesen seien. Hier in Heiden.

Soviel Optimismus und Utopie muss zum Schluss schon sein.

Weitere Infos: swissyouthbansthebomb.ch

 

 

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