Pablo Walser, Jahrgang 1989, aufgewachsen in Kreuzlingen, wohnhaft in Dresden, mischt Sparten und Medien, kombiniert und collagiert Zeichnung, Installation, Filme, «fatale News» und vieles mehr in seinem Schaffen und auch in seiner Ausstellung zum Förderpreis im Kunstraum Kreuzlingen. Sein Werk zu verstehen ist angesichts des dichten Gewirrs aus Versatzstücken und Andeutungen fast unmöglich. Trotzdem ein Versuch, in mehreren Anläufen.
Von den Quellen und dem Umgang damit
Die Referenzen von Pablos Welt, seine Zitate und Bilder haben ganz unterschiedliche Quellen. Sie stammen zum einen aus Mythologien und Märchen, zum andern aus den Naturwissenschaften, aus Biologie, Zoologie, Physik, Mathematik, aus geisteswissenschaftlichen Feldern, der Psychologie, aus religiösen Kontexten und vielem mehr.
Als Quellen dienen Bücher, Filme, das Internet; es gibt öffentlich zugängliche Quellen, die nachzuvollziehen sind, aber auch persönliche Funde und Zeugnisse aus seinem privaten Familien- und Freundeskreis. Die genaue Herkunft der Informationen wird manchmal genannt, oft auch nicht.
Zu dem, was man die «Flughöhe» nennen könnte, fehlen Angaben. Oft wirkt sein Zugriff witzig und lustig, aber es wird auch immer wieder klar, dass es hier auch ganz ernsthaft zugeht. Oft wirkt die so entstandene Welt sehr verträumt, man wähnt sich in einer kindlichen Traumwelt, es tauchen aber auch kluge und abgründige, daneben mindestens so oft auch hohle Zitate und Phrasen auf. Alles ist möglich, alles kann gleichzeitig nebeneinander stehen.
Gehalten im Gespinst
Aus all diesen Ingredienzen entwickelt Pablo Walser, oft zusammen mit Freunden und Kollaborateuren, aber auch mit uns, den Betrachtenden, ein dichtes Gespinst aus Bezügen. Er selber hat das schon als 3D-Mind-Map bezeichnet. Es entsteht eine Wolke mit unklaren Rändern. Oft fehlt die Deklaration einer klaren Absicht, sie entsteht aus sich selber heraus und will nichts weniger, als die Welt abbilden.
Aus widersprüchlichen Haltungen heraus komponiert Pablo (s)eine Welt. Zum Beispiel aus Witz und Ernst. Oder aus Perfektion und Gelassenheit: Bloss weil das Kamerabild verwackelt ist, heisst das nicht, dass die Szene ganz leichtfüssig entstanden ist. Diese Ausgangslage könnte verunsichern, soll verunsichern, denn oft ist unklar, wie ernst alles gemeint ist. Was etwa soll man mit unlustigen oder unverständlichen Witzen anfangen? Was ist bewusst entstanden und was dem Zufall überlassen? Bei Objekten von Pablo Walser ist auch unklar, wie nahe man der Sache kommen darf und soll. Wann ist Mitmachen und Spielen gefordert, wann blosses Anschauen und Reflektieren?
Wer hingegen die Anforderungen an das Verstehen aufgibt, kann sich frei bewegen. Das entspricht im übrigen dem Zustand einer Welt, in der Nichtverstehen viel normaler ist als Verstehen. Wer weiss denn schon, wie ein Computer funktioniert? Wie sollen wir einen Motor verstehen und wieso sollen wir denn Kunst verstehen müssen? Wie sollen wir das Schauspiel, an dem wir eine Lebensspanne lang teilhaben, verstehen?
Pablo Walser – Adolf Dietrich Preis 2019, Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen: bis 19. Januar 2020
kunstraum-kreuzlingen.ch
Da wir in Pablo Walsers Welt von einem Gespinst aus Gedanken, Tatsachen, Zitaten, Bildern und vielem mehr umgeben sind, können wir uns getrost hineinfallen lassen. Wir stürzen ins Gespinst und nicht ab. Wir finden Halt in der Wirrnis seiner Welt und entdecken darin reichhaltige Plattformen. Wer keine Erwartungen hat, sondern Neugierde und Gelassenheit, und wer sich einlassen kann auf das, was angeboten wird, findet eine Vielfalt an Zugängen. Widersprüche erhöhen die Vielschichtigkeit, im Falle von Walsers Angeboten als entgegenkommende Gesten.
Vom Gewinn der Freiheit
Widerspruchsfreiheit ist keine Bedingung, um die Welt zu verstehen. Ohne Massstab und Höhenmessgerät, also vorurteilslos und dünkelfrei auf Fragen zuzufliegen, ermöglicht Erkenntnisse. Die eigenen Gedanken haben darin Platz und können sich ungehindert entwickeln. Pablos Welt bildet ein Nest, in das man mit den eigenen Widersprüchen gut hineinpasst. Es ist kein Labyrinth, in dem man verlorengeht, sondern ein Sich-Verlieren, um frei zu werden.
So wie wir die cleveren Vorzüge von Computern nutzen und uns dank kaum verständlicher Motorentechnik fortbewegen, so kann Kunst zum Denken beitragen. Dass wir uns wundern, lässt uns nicht als Unwissende stehen, sondern hilft, uns im Unwissen geborgen zu fühlen. Im Windschatten des Wissens geht es uns gut.
Was wie Hippie-Allüren aussieht, ist dabei ganz tüchtig erarbeitete Freiheit. Da wundert es nicht, dass sich Pablo Walser in seinem Film Die Abwesenheit der Liebe auf Charles Fourier beruft, der im 18./19. Jahrhundert Ideen entwickelt hat, die später den 68ern als Vorbild dienten. Auch aktuelle Diskussionsthemen wie das bedingungslose Grundeinkommen wurden von Fourier schon formuliert.
So ist Pablo Walsers Kunst eine wunderbare Einladung, sich frei zu fühlen. Viele Gedanken sind darin geronnen und dargestellt, in der Ausstellung in Kreuzlingen und in Pablos Welt.
Ueli Vogt, Kurator am Zeughaus Teufen, sprach seine «Annäherungen an Pablo Walsers Welt» an der Ausstellungsvernissage Anfang Dezember. Mehr zur Ausstellung zum Beispiel hier.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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