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Im Wald der Künste und Klänge

Im Zeughaus Teufen wächst ein Wald: Der «Klangwald» von Stefan Baumann tönt, rundherum wachsen Bilder und wuseln Ameisen.
Von  Peter Surber
Die Eroberung des Waldes. (Bilder: Martin Benz)

Es war ein imposanter Moment an der Ausstellungseröffnung Anfang Oktober: Die Sängerin Kornelia Bruggmann improvisiert über den wundersamen Tönen und Geräuschen, die Stefan Baumann seiner Installation entlockt. Und dann, auf Kommando, «erobert» das Publikum den Klangwald, tastet sich durch die klingenden «Stämme», hört da hin und bleibt dort stehen. Vogelgezwitscher? Bärenbrummen? Gewitter, Knarren, Melodiöses und Geheimnisvolles dringt mal von hier, mal von dort ans Ohr.

Der «Klangwald» hat sich entwickelt. Vor zwei Jahren 
hat ihn der in Teufen lebende Cellist und Audio-Designer Stefan Baumann für die Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde geschaffen. Er erstaunte damals in der Eingangshalle des Sportzentrums Herisau Kulturpublikum und Sportler. Ein Wald an einem Ort,
wo kein Wald hingehört – Klänge an einem Ort, wo man sie nicht erwartet – ein empfindliches, fast lebendig scheinendes Instrument, das sich bei Berührungen bewegt und mit dem man als Wald-Gänger in eine je nach Stimmung beglückende oder irritierende Interaktion tritt.

Stefan Baumann bringt den Wald zum Klingen.

Jetzt im Zeughaus Teufen ist die Installation gewachsen, sie nimmt den zentralen Ausstellungsraum fast vollständig
 ein, und die schwingenden Holzleisten scheinen an diesen Ort, der unter anderem den Holzbaumeistern Grubenmann gewidmet ist, zu gehören, als wären sie seit jeher da gewesen. 384 fast raumhohe Leisten sind es insgesamt, versehen mit je 
einem Lautsprecher auf unterschiedlichen Höhen, verkabelt und mit dem Computer verbunden durch insgesamt acht Kilometer Kabel. Bei den Klängen aus dem Wald lässt Komponist Baumann den Zufall mitspielen – das garantiert, dass man nicht zweimal durch den selben Wald geht.

Stirnwand und Aquarien

Der «Klangwald» sei zugleich Bühnenbild, Rauminstallation 
und Instrument, sagte Kurator Ueli Vogt bei der Eröffnung. Rund um die waldige Schau organisiert das Zeughaus eine Konzertreihe von Stefan Baumann mit Gastmusikern. Und darum herum hat Vogt in jener assoziativen Art, wie sie für die Programme im Zeughaus typisch sind, weitere künstlerische Interventionen angelegt. Die eine nennt sich «Stirnwand» und ist ein Langzeitprojekt: Der Künstler Alfred Sturzenegger gestaltet, oder wie Vogt sagt: choreografiert über ein Jahr hinweg zwei Wände mit wechselnden Werken. Der St.Galler Künstler mit Jahrgang 1945 ist ein 
Meister des Reduzierten. Nichts zu denken nennt er denn auch seine Arbeit im Zeughaus. An der anderen Wand sind Bilder der jungen Innerrhoder Malerin Fabienne Lussmann zu sehen, die eben einen der IBK-Förderpreise gewonnen hat.

Klangwald, Nichts zu denken, Wenn die Gedanken laut wachsen: Bis 3. März 2019, Zeughaus Teufen

Wer vom Wald noch nicht genug hat, findet oben im Grubenmann-Stockwerk eine ganze Bibliothek: Baum-Fantasien, Baum-Heilkunde, Blätterkunde und vieles mehr. Definitiv urwaldwuchernd wird es dann in den Installationen, die Pablo Walser und Hans Winkler mit dem schönen Titel Wenn die Gedanken laut wachsen versehen haben. Kraut. Röhren. Steine. Muscheln. Haare. Bambus. Irgendwo ein Krebs, der sich gerade versteckt. Kitschfigürchen. Grüsse vom Meer. Reagenzgläser… In den Aquarien, die die beiden mit offensichtlich animalischem Vergnügen überall aufgestellt haben, blubbert und wuchert und gruselt es.

12. Dezember, 18 Uhr: Vortrag von Jürgen Strauss, Elektroakustiker

23. Dezember, 14 Uhr: Konzert mit Stefan Baumann und Goran Kovacevic

zeughausteufen.ch

Auch vor den gepflegten Kabinetten, die den Bildern von Hans Zeller gewidmet sind, macht das Wuchern nicht
halt. Und oben, längs der Grubenmann-Dauerausstellung, ist eine Ameisenzucht am Werden; gesehen hat man vom künftigen Gekrabbel an der Eröffnung allerdings noch nicht viel. Von weitem erinnern die Installationen an die Naturkunstwerke des Duos Steiner-Lenzlinger, sie unterlaufen aber deren perfekte Ästhetik schmuddlig und selbstironisch.

Der Schlitz fällt – und steht

Veränderung ist das A und O – im Wald und im Zeughaus. Stabil steht dagegen der Schlitz: Die Stahlskulptur des dieses Jahr verstorbenen Künstlers Jürg Altherr, fünf Tonnen schwer, mehr als sechs Meter hoch, war 2015 zur damaligen Altherr-Ausstellung temporär auf dem Platz vor dem Zeughaus aufgestellt worden. Und ist seither zum äusseren Wahrzeichen des Hauses geworden. Jetzt konnte die Skulptur definitiv erworben werden, mit Hilfe diverser Stiftungen.

Jürg Altherrs Skulptur vor dem Zeughaus. (Bild: Zeughaus Teufen)

«Optisch fällt es um und physisch bleibt es stehen»,
 hat Altherr einmal zu seinem Werk gesagt. Ein Sturm in den letzten Septembertagen, kurz vor der Einweihung, bewies jedoch das Gegenteil: Der Schlitz stürzte, blieb abgesehen von einer deutlichen Delle aber unversehrt – und stand rechtzeitig zur Feier Anfang Oktober wieder aufrecht da. Damit fand eine Odyssee ein Ende; am ursprünglichen Standort im thurgauischen
Aadorf war die Skulptur 1999 per Volksentscheid weggewiesen worden.

Warum solche Kunst provoziert, erörterte Markus Landert, Direktor des Thurgauer Kunstmuseums, an der Vernissage. Sie sei weder Denkmal noch Brunnen noch Zeichen,
 sie stelle nichts dar und bilde nichts ab und trage nichts zur «Alltagverhübschung» bei. Der Schlitz sei reines Material und
 reine Form, zweckfrei und fremd in dem Sinn, dass er sich mit der Umgebung nicht verbinde oder verbünde. Was er leiste,
 sei, den Raum zu fassen und damit erst wahrnehmbar zu machen.

Der Schlitz steht damit endgültig am richtigen Ort: vor einem Haus, das seinerseits die Wahrnehmung von Raum und Gegenwart zu seiner Daueraufgabe gemacht hat.

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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