, 20. April 2016
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Musikalische Vogelperspektive

Am Freitag bitten in der Grabenhalle vier Bands der Labels Ikarus Records und Red Brick Chapel zum Rocktanz. Kid Ikarus präsentieren ihr neues Album «Playback Dreams», das gleichentags erscheint. von Frédéric Zwicker

Diesen Freitag zu Gast in St.Gallen: Kid Ikarus (Bild: pd)

Ein halbsekündiges Feedback warnt vor. Dann prügeln Gitarren, Bass und Schlagzeug den Dreivierteltakt. Ein brachialer Einstieg: Drei Schläge Grundton, der erste Schlag des zweiten Takts einen Ganzton höher. Und der darf drei Takte lang, also richtig ausschweifend, wirken und wummern und scheppern. Dann geht es in gleicher Manier nach drei Schlägen auf der kleinen Terz wieder zum Grundton hinunter, dem erneut ganz viel Zeit gelassen wird, sich zuckend und übersteuernd zu entfalten.

Das gemächliche Tempo, die melodiöse und scheinbar auch rhythmische Simplizität lassen den Auftakt noch brachialer wirken. Und so geht das mehr als eineinhalb Minuten, bis das Intro im wilden, verzerrten Cluster mündet, der sich während 20 Sekunden austobt, um sich dann zehn Sekunden lang ausklingend vorläufig zu verabschieden.

Die Zürcher Band Kid Ikarus um den Exilthurgauer Patrik Küng hat in den letzten zwei Jahren an einem neuen Album gearbeitet. Playback Dreams mit sieben Instrumental-Stücken erscheint am 22. April. Am selben Abend spielt die Band in der Grabenhalle.

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Es ist der zweite Tonträger nach fünfjähriger Release-Pause. Und es sollte vieles anders werden als beim ersten. «Wir wollten mit Dogmen brechen und Neues ausprobieren», sagt Küng und spricht damit das Post-Rock-Etikett an, das die Band abstreifen will. «Ich hatte wirklich genug von den immer gleichen Gitarren-Delays.» Die Neuorientierung bringt viel Gutes, aber auch einige Tücken.

Wenig Homogenität

Die angestrebte Entwicklung wird bereits im ersten Stück Master Blaster angedeutet. Nach dem Cluster setzen nämlich die Synthesizer ein, die das Klangbild auf Playback Dreams massgeblich mitprägen.

Die zwei Gitarristen und der Bassist, teilweise sogar der Schlagzeuger, legen im neuen Programm ihre angestammten Instrumente immer wieder zur Seite und hauen und liebkosen Tasten, um elektronischere Klangbilder zu erzeugen.

Im zweiten Stück, Endless Fun, wird dieser Schritt in aller Konsequenz vollzogen. Hier übernehmen die Synthesizer endgültig das Diktat, und anstatt eines Schlagzeugs aus Holz und Fell ist der Drumcomputer für das Perkussive verantwortlich.

Playback Dreams ist kein homogenes Album. Zumindest nicht, was Klangästhetik und Dynamik betrifft. Wenn ein programmierter Drumcomputer als Schlagzeuger wirkt, ist eine spontane, organische Dynamik sowieso nur noch beschränkt möglich. «Wir wollten explizit ein heterogenes Album machen», sagt Küng. Dazu gehören auch unfertige Stücke: The Lizzzard of Ozzz wirkt wie eine Skizze. Auch Easter Eggs.

Zuhören mit dem Joint im Mundwinkel

Allen sieben Stücken ist eines gemeinsam: Es sind atmosphärische Kompositionen, die gut ohne Gesang auskommen. Klangwelten, die vom Urknall bis zum sehnsüchtigen Lockgesang eines einsamen Amselmännchens die ganze Intensitätsklaviatur bespielen. So erstaunt es auch nicht, dass Küng sich die Hörer der Platte oft mit Joint im Mundwinkel vorstellt.

Playback Dreams mutet mal mehr, mal weniger experimentell an und ist mal mehr, mal weniger bis ins Detail ausgefeilt. Aber es ist immer Musik zum Zuhören. Und da die Band fast ohne Overdubs aufgenommen hat und im Konzert fast alles so wie auf dem Album umsetzen kann, werden auch die Live-Auftritte dem Publikum Aufmerksamkeit abverlangen. Wenn es diese Musik wirklich aufnehmen will.

Heilige Dreifaltigkeit

Besonders spannend ist das Hinhören bei jenen Stücken, in denen neue Synthie-Klänge und die gute alte Rockinstrumente-Dreifaltigkeit, bestehend aus Schlagzeug, Bass und Gitarre, ebenbürtig miteinander kombiniert werden. Das sind Master Blaster, die Singleauskopplung Soft Power und das letzte Stück Blaster Master, wo das Intro-Motiv zur Freude des Zuhörers wieder aufgenommen wird.

 

Hier entsteht Weite. Sowohl durch die Vielfalt der Klangfarben, der harmonischen und melodischen Motive als auch durch den Mix. Die einzelnen Instrumente sind räumlich verteilt und haben Platz. Diese Weite ist es, was man beim einen oder anderen Stück vermisst, wenn die Synthies zu dick auftragen und jeden Hohlraum zupflastern.

Playback Dreams ist ein gutes Album. Gewissen Imperfektionen zum Trotz. Hier sind Musiker am Werk, die tüfteln und experimentieren, die sich trauen, mit ungeraden Rhythmen, teilweise höchst radiountauglicher Songdauer oder meditativer Klangmalerei zu hantieren.

Kid Ikarus ist auch auf dem zweiten Album weit davon entfernt, irgendwelche Kommerz-Konzessionen zu machen. Und wenn dann auch noch auf einem hohen technischen Niveau musiziert wird, was bei Playback Dreams eindeutig der Fall ist, dann entfaltet solche Musik – gerade in der Schweiz, wo viele Bands unter der Pop-Knute stehen – eine heilsame Wirkung.

Ein Abend mit Ikarus Records & Red Brick Chapel: Freitag, 22. April, 21 Uhr, Grabenhalle St.Gallen, ikarusrecords.ch, redbrickchapel.ch

Kid Ikarus & Lord Kesseli and the Drums: Mittwoch, 4. Mai, 20 Uhr, Kraftfeld Winterthur

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