Allein das kürzlich veröffentlichte Video zu Fade (animiert von Tim Bürge) wäre schon einen Text wert gewesen: Stellt euch den vielfach prämierten Film Gravity (Alfonso Cuarón, 2013) vor – aber viel kürzer, spannend und mit besserem Soundtrack.
Ein verzogener Vergleich, mag sein, trotzdem: Der inoffizielle und noch zu erfindende Saiten-Oscar für das (vorläufig) «gylste Video 2016» geht hiermit an Lord Kesseli & The Drums. Olé!
Kommenden Samstag taufen Lord Kesseli (Dominik Kesseli) & The Drums (Michael Gallusser) aus St.Gallen – unter anderem bekannt von Stahlberger – im Palace ihre gleichnamige EP. Sie sei «verlangsamte elektronische Clubmusik, oder anders gesagt: synthetische Science Fiction mit analoger Wut im Bauch», schreibt Irascible. Das trifft es ziemlich gut! Jedenfalls lässt es sich toll driften dazu.
Zum Zmorge, zum Zmittag, zum Znacht
Zugegeben, als gebürtiges «Rap-Kind» wurds mir nicht grad aus Prinzip warm ums Herz bei dieser EP, trotzdem hat sies mir angetan, schon beim ersten Hören. So waren Lord Kesseli & The Drums schliesslich die ganze Woche über immer wieder in meinem Ohr; morgens beim grantligen Kafigipfel, mittags beim Chillen auf dem Kinderfestplatz oder abends auf dem Weg Richtung Feierabendbier.
EP-Taufe: Samstag, 5. März, 21 Uhr, Palace St.Gallen. Support: Lou Ees, Emilie Zoé und DJ Bitte nicht nach Hause schicken.
Irgendwie passt Lord Kesseli & The Drums zu allen möglichen Lebenslagen. Auch weil sie, im Gegensatz zu vielen anderen Veröffentlichungen der jüngeren Zeit, weniger auf glattpolierte Sounds und gefällige Dramaturgien setzt, sondern auf ordentlich Pathos, Ungewissheit, Hall und brüchige Töne – und davon kanns eh nie genug geben. Jedenfalls wissen die beiden St.Galler definitiv, wie man Geschichten gut erzählt.
Arnold, der Opener, zum Beispiel ist zutiefst romantisch. Irgendwie. Eine Mischung aus dunklen Beats und hellen Vocals, sakralem Hall und dreckigen Gitarren, die – nach einem wundervoll-ausserirdischen «Bass-Solo» – im letzten Teil zu einer wuchtigen Ansage werden. Siri wiederum, die zweite Nummer, zeichnet sich durch einen nachdenklichen Text und synkopisch verstimmte Pads aus.
MDMA und Punkrock, das funktioniert
Meine Lieblingsnummer, neben dem driftigen Fade natürlich, ist MDMA. Nicht etwa wegen dem verheissungsvollen Titel, sondern weil die Nummer so schön getrieben ist, so flehend, so ehrlich und so erfrischend kurz. Abgesehen davon behaupte ich schon länger: MDMA und Punkrock, ja, das funktioniert.
Sollen bald im Video zu Kids vertreten sein: Die zwei «Ministranten» der Gurus Kesseli und Gallusser (Bild: Elias Raschle)
Kid, Nummer sechs und somit die letzte, schliesst wieder den Bogen zum Anfang. Oder besser gesagt: vereint das ganze Spektrum von Lord Kesseli & The Drums auf satten neun Minuten. Es ist ein Track voller Sehnsucht, stellenweise verloren, fragil und gleichzeitig auch wieder hart, wild und zerfurcht.
Wichtig auch hier: das Sakrale. Dieses Element ist vermutlich das auffälligste und durchgängigste der ganzen EP – und es passt hervorragend zu Lord Kesselis «Guru-Look».
Dominik Kesseli und Michael Gallusser: Lord Kesseli & The Drums, EP, Ikarus Records, ab 4. März erhältlich.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
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