Kategorie
Autor:innen
Jahr

Nebel im Sommer

Viel Dunkelheit und verschwommene Metal-Gitarren: Die zweite EP «Gifts» der St.Galler Band Hopes & Venom glänzt vor allem an ihren ruhigen Stellen. von David Nägeli
Von  Gastbeitrag
Bild: pd

Als Hopes & Venom im vergangenen Jahr das Openair St.Gallen eröffneten, donnerten gleichzeitig gleich die Gewitterwolken los. Wie hätte es anders sein können? Nicht nur weil Petrus anlässlich des Festivals gerne die Himmelsschleusen öffnet – sondern weil der melancholisch-düstere Post-/Alternative-Rock mit Metal- und Shoegaze-Elementen des St.Galler Duos die Sommersonne aller Wahrscheinlichkeit nach zum Teufel jagte.

Rund ein Jahr nach der prestigeträchtigen Eröffnung des Openairs und vier Jahre nach den ersten gemeinsamen Proben veröffentlichen Skiba Shapiro (Gitarre, Lead-Gesang) und Jorin Engel (Schlagzeug, Backing-Vocals) nun ihre zweite EP Gifts. Und sie hätten dafür keinen unpassenderen Moment wählen können. Zumindest was die Jahreszeit betrifft.

Als Gifts Anfang Juni erschien, wurde bereits ein rekordheisser Monat prognostiziert und bis spätnachts draussen gechillt. Die Musik des Duos verlangt hingegen beinahe schon dicke Nebelschwaden und vielleicht eine Prise Winterdepression. Oder umgekehrt: Die EP besitzt das Potenzial, dich zumindest für eine Weile in die Dunkelheit zu zerren, deren Existenz man während der Hitzemonate so gerne verdrängt. Und vielleicht auch vermisst.

Verwaschene, meterhohe Gitarren

Da wäre beispielsweise der Opener und zeitgleich stärkste Song der Platte: Oh Forlorn One. Die meisten (guten) Bands spielen live mindestens einen Track, der einen nach dem Konzert noch tagelang begleitet. Bei Hopes & Venom ist dies eben dieser Song – und somit natürlicherweise auch die erste Single der EP.

 

Oh Forlorn One demonstriert wunderbar, weshalb man sich die beiden anhören sollte: Hopes & Venom bauen mit Gitarren Berge oder füllen Seen. Wuchtige, meist Half-Time gespielte Drums geben den Beat an und darüber singt Shapiro – vor allem in den Refrains – charakterstarke und Hook-taugliche Melodien. Meistens mit nicht besonders fröhlichen Texten, wie: «Oh forlorn one / Soften your heart  / And let me guide you home / Though my step seems steady» – einem gelungenen Mantra für Menschen mit depressiven Freundinnen oder Freunden.

Von «Alien» zu Dachs

Markant klingen vor allem die Gitarren – auch live. Shapiro bedient ein hübsches Arsenal an Effektgeräten, um die Gitarren mit Echos auszuschmücken oder gegen Ende der EP auch mit kantigen Metal-Verzerrern zu bearbeiten. Bei Ripley, dem dritten der fünf Songs, wird bereits um einiges mehr abgedrückt, als zuvor. Der Song ist übrigens der gleichnamigen Hauptdarstellerin der kultigen Alien-Franchise gewidmet.

Der Handkuss bei Devotion fliegt derweil etwas weniger weit: Zumindest textlich ist der Song die Fortsetzung eines nicht releasten Dachs-Songs über einen Barpianisten. Bei diesem Duo wird aber nicht «büzlät», sondern – wie könnte es bei Hopes & Venom anders sein – hier mit einem ebenfalls markanten Refrain direkt zum Tod übergegangen.

15. Juli: Open’r’berg, Rorschacherberg
15. August: Winterthurer Musikfestwochen
23. August: Barfussbar
14. September: Weiern Openair Festival
28. Oktober: Bergmal Festival, Dynamo Zürich

Die letzten beiden Songs der EP klingen gleich um einiges härter. Zum überraschend langen Gitarrenriff von The Rest Is Silence schütteln Metalheads garantiert gern die Haare und bei Angel Face gibts einen hübsch-bösen Scream zu hören. Aber gerade bei den harten Riffs, vor allem bei den treibenden Drum-Beats am Ende von Angel Face, wünscht man sich stellenweise, dass auch das Schlagzeug etwas mehr nach Metal oder etwas mehr nach verregnetem Grossfestival klingen würde.

Ausgefeiltere Songs

Gifts beginnt mit dem gleichen Ton und einem ähnlichen Gitarrenklang wie der erste Song von Alpha | Omega, der ersten Veröffentlichung des Duos. Die Elemente, die damals bereits stark waren, sind hier nochmals etwas besser gelungen. Die härteren Songs gegen Ende der EP fühlen sich etwas weniger ausgereift an – im Live-Set der Band knallen sie aber gut.

Gifts ist ein starkes, düsteres Werk. Und wenn man es laut genug spielt, löst es vielleicht sogar einen anständigen Sturm aus. Selbst im Sommer hat ein bisschen Wind und Regen noch niemandem geschadet.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26