Das Tempo ist von der ersten Sekunde an hoch, das Schlagzeug peitscht nach vorne, die Gitarren übersteuern, der Bass drückt, die scheinbar müde, aber einnehmende Gesangsmelodie schraubt sich um die Riffs: Overdrive Amp Explosion brauchen keine lange Anlaufzeit, um sich nach sieben Jahren Pause zurückzumelden. Schon die ersten Takte von Why Aren’t You Scared?, dem Eröffnungsstück ihrer neuen Platte Free, ziehen einem den Ärmel rein in diesen heissen Motor, der mit einem Gemisch aus dichtem Post-Rock, Indie und Noise fährt. Am Donnerstag machen sie mit ihrem neusten Werk Halt in der St.Galler Grabenhalle.
Raus aus der Versenkung
Seit 20 Jahren sind Overdrive Amp Explosion unterwegs. 20 Jahre, in denen die Band aus Fribourg um den Sänger und Gitarristen Stephan Brülhart eine beeindruckende Metamorphose durchgemacht hat – personell, vor allem aber musikalisch. Bestand ihr 2005 veröffentlichtes Debüt Intervals noch (fast) ausschliesslich aus rein instrumentalen Stücken, kam auf dem Nachfolger Blanks von 2008 der Gesang hinzu – oder präziser: die Stimme. Sehr reduziert in Intensität und Textgehalt, dezent ins Klangbild gemischt, fast schon instrumental.
Danach dauerte es fast neun Jahre, bis die Band ihr drittes Album Bounds (2017) veröffentlichte – die Split-EP mit Easy Tiger von 2011 ausgenommen. Darauf machte das Quartett, mit neuem Gitarristen und Bassisten, einen grossen Schritt nach vorne. Neben «richtigem» Gesang gab es griffigeres Songwriting. Es schien, als würde das Quartett seinen Geheimtipp-Status ablegen. Doch ab 2019 wurde es ruhig um Overdrive Amp Explosion. Drei Jahre lang war die Gruppe inaktiv, bis sie im Sommer 2022 wiedermal ein Konzert spielte. Es war der Startschuss zum vierten Album Free, das am 22. November erscheint und im Fribourger Kulturzentrum Nouveau Monde getauft wird (aber schon in der Grabenhalle auf Vinyl erhältlich ist).
Ein Rausch, dem man verfällt
Free ist ihr bisher stärkstes, weil abwechslungsreichstes und im positiven Sinne erwachsenstes Werk. Man könnte auch sagen: Nun, mit 20, legen Overdrive Amp Explosion ihre Reifeprüfung ab. Die sieben Stücke sind vielschichtig, dynamisch, gespickt mit überraschenden Arrangements und subtilen Hooks. Die mal brachiale, mal fragile Musik entwickelt einen starken Sog, sei es durch instrumentale Ausbrüche wie im Schlussstück Pow Dock, variierende Tempi oder ausgeklügelt konstruierte Spannungsbögen, etwa in Revelations, wo sich diese Spannung in einer Eruption aus lauten Gitarren und donnernden Drums entlädt. Mit Der Weg raus findet sich erstmals ein deutschsprachiges Lied im Repertoire.
Vor allem hat Free eine unglaubliche Energie. Was wohl damit zu tun hat, dass Overdrive Amp Explosion das Album nicht in einem Studio aufgenommen haben, sondern quasi live im Nouveau Monde. Die Band spielt sich in einen Rausch, dem man auch als Hörer:in verfällt. Das hat auch mit dem neuen Gitarristen Thomas Jenny von der Fribourger Metal-Band The Burden Remains zu tun, der dem Sound eine neue Wucht gibt. Dazu trägt aber auch der immer leicht melancholische Gesang von Stephan Brülhart bei. Dieser hat in den vergangenen zehn Jahren mit seinem Soloprojekt Lonesome Station vier schöne Lo-Fi-Pop-Alben und -EPs veröffentlicht. Auch davon profitiert sein Gesang, der noch nie so präsent war.
Overdrive Amp Explosion: Free erscheint auf Vinyl und digital.
Live: 14. November, 20.30 Uhr, Grabenhalle St.Gallen; Support: Team Negroni.
Was der Musik von Overdrive Amp Explosion seit jeher die besondere Würze gibt, ist ihr Hang zu ungewöhnlichen Songstrukturen. Diese sind im Post-Rock an sich keine Seltenheit, zeigen sich bei den Fribourgern jedoch auch in den «klassisch» aufgebauten Stücken. Einige – und selbstredend nicht nur die instrumentalen – kommen manchmal ohne Refrain aus, andere mäandern zwischen scheinbar unfertigen Fragmenten. Am würzigsten ist es aber ohnehin, diese Band live zu erleben.
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