, 1. Mai 2016
keine Kommentare

Paranoia in Istanbul

Die Türkei als Polizeistaat, in dem Paranoia und Spitzelei herrschen: Der Film Abluka – Der Wahn malt ein düsteres Bild einer vielleicht nicht allzu fernen Zukunft.

Kadir arbeitet als Polizeispitzel - und lässt sich bald selber von der Paranoia des Systems anstecken. (Bild: Trigon Film)

Kadir arbeitet als Polizeispitzel. (Bild: Trigon Film)

Kadir wühlt stundenlang im Müll, den die Bewohner des Millionenmolochs Istanbul weggeworfen haben. Er sortiert Abfälle, trägt Gegenstände in komplizierte Listen ein. Gezwungen zum völlig sinnlosen Tun wird er vom Geheimdienstler Hamza, der sich aus Bombenteilen im Müll Hinweise auf Terroristen erhofft.

Doch Kadir ist zunehmend von seiner eigenen Paranoia angetrieben. Diese frisst sich in alle menschlichen Beziehungen und Gedanken. Vor diesem Hintergrund erzählt der türkische Regisseur Emin Alper in seinem Film Abluka – Der Wahn die Geschichte zweier Brüder. Diese begegnen sich nach einer jahrelangen Trennung in einer alptraumhaften Version von Istanbul wieder, misstrauen sich, verlieren einander wieder.

Hunde abknallen

Da ist eben Kadir, der zu Beginn des Films nach 20 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird – unter der Bedingung, als Polizeispitzel zu arbeiten. Zurück im Alltag besucht er seinen jüngeren Bruder Ahmet, der gerade von Frau und Kindern verlassen worden ist. Die beiden Brüder kennen sich kaum, weil Ahmet ein Kind war, als Kadir ins Gefängnis kam.

Verbunden sind die beiden durch die Absurdität ihrer Jobs: Kadir wühlt ergebnislos im Müll seiner Nachbarn, Ahmet knallt für die Stadtverwaltung streunende Hunde ab.

Bei beiden Aufgaben ist klar: Zu bewältigen sind sie ob der schieren Menge von Abfall und Strassenkötern eh nicht. Und mehr Sicherheit – wie es sowohl die Polizei als auch die Hundejäger behaupten – bringen sie auch nicht. Es sind Sisyphos-Aufgaben, geschaffen aus dem Grund, die Brüder zu beschäftigen und paranoid zu halten.

 

Ahmet arbeitet als Hundejäger in Istanbul. (Bild: Trigon Film)

Ahmet arbeitet als Hundejäger in Istanbul. Der Job macht ihm aber je länger je mehr zu schaffen. (Bild: Trigon Film)

Die Regierung des Polizeistaates schürt die Angst auch medial fleissig: Wenn Ahmet am Feierabend auf seiner Couch sitzt, flimmern im Fernsehen Bilder von «terroristischen Angriffen» über den Schirm. Panzer und LKWs voller Soldaten rasseln durch die Nacht, Explosionen erschüttern die Stadt, doch was wirklich passiert, wird nie klar. Die Filmbilder aus dem stets nebligen, meist dunklen Slums von Istanbul tragen zum rätselhaften bis unguten Gefühl bei, das Abluka – der Wahn prägt.

Der Trailer zum Film – seltsamerweise nur ohne Untertitel zu finden. Aber: Türkisch ist eine schöne Sprache.

 

Regisseur Emin Alper hat die Idee zu seinem jüngsten Werk seit bald 15 Jahren gewälzt. Der Stoff habe aber an Relevanz gewonnen durch das «sture Festhalten der Politik in der Türkei an alten Mitteln», wie er sagt. Tatsächlich geben die jüngsten und rücksichtslosen Aktionen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen Pressefreiheit und gegen freie Meinungsäusserung dem Film eine unheimliche Aktualität. 2015 gewann er den Spezialpreis der Jury am internationalen Filmfestival Venedig.

Alper wirft seinen Blick aber über sein Heimatland hinaus: Die «Wellen von Aufständen, Revolutionen und Gewalt», die die Welt in den letzten Jahren mit zuverlässiger Schrecklichkeit erschüttert haben, passten zu seinem Thema.

Strudel der Angst

Die Fassade der Gewalt bekommt im Film aber Risse: Ahmet ist beim Erschiessen der Hunde nicht mehr so treffsicher wie früher. Aus einem Impuls nimmt er einen verletzten Streuner bei sich zuhause auf und pflegt ihn. Er versteckt den Hund vor den Behörden zuhause, verkriecht sich bald völlig in seiner stets abgedunkelten Wohnung. Sein Bruder Kadir poltert immer wieder gegen Ahmets Tür, die verschlossen bleibt.

Beide Brüder entfernen sich so innerlich und äusserlich voneinander und versinken in einem Strudel von Angst und Wahnvorstellungen: Ahmet träumt von Polizeirazzien und hat Angst wegen seines Hundes. Kadir glaubt derweil, sein Bruder werde von Terroristen festgehalten und öffne deshalb die Tür nicht. Nach einigen Tagen schaltet er schliesslich seinen Auftraggeber, den Geheimdienst-Offizier Hamza ein…

Premiere am Montag, 2. Mai, um 20.30 Uhr im Kinok St.Gallen.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!