, 27. November 2021
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Remember to forget

Das Internet vergisst nicht. Weder die peinlichen Tweets von gestern Nacht noch die Netzwerke von korrupten Politiker:innen. Einige Vignetten darüber, wie Erinnern und Vergessen in der digitalen Welt auf den Kopf gestellt werden. von Florian Wüstholz

Dichter Rauch steigt in die Höhe. Eine mehrstöckige Lagerhalle brennt lichterloh. Im Inneren stehen Gestelle voll mit Computern, ordentlich verkabelt und normalerweise gut belüftet. Sie sorgen für ein reibungsloses Erlebnis im Netz. Das Feuer färbt die Wolke rot. Vom Fluss aus versucht ein Löschboot den Brand mehr oder weniger erfolgreich unter Kontrolle zu kriegen. Es ist Anfang März 2021. Und eines der grössten Datencenter Europas steht in Flammen.

Am nächsten Morgen offenbart sich das Ausmass der Verwüstung. 12’000 Server wurden durch den Brand zerstört. Das Gedächtnis des Internet wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Bereits in der Nacht gingen mehrere Millionen Websites vom Netz – darunter Banken, Nachrichtenseiten und staatliche Portale. Alle hatten ihre Daten beim Cloud-Anbieter OVH am Strassburger Rheinufer ausgelagert. Weil manche davon nicht redundant an weiteren Standorten gespeichert waren – um Kosten zu sparen –, sind sie nun für immer verloren.

Täglich vertrauen wir Bilder, Urkunden, Texte und Informationen der Cloud an. Befeuert durch die Hoffnung, sie für immer und überall verfügbar zu haben. Doch jede Cloud manifestiert sich im physischen, brennbaren Raum – und so löste sich eine Wolke in einer Feuersbrunst am Rhein in Luft auf.

Alles zerbröselt

Sich an etwas zu erinnern, ist verdammt schwierig. Von den unzähligen Erfahrungen, die wir täglich machen, halten wir nur die allerwichtigsten fest – und selbst diese bleiben nicht für immer im Gedächtnis. Sie wandeln sich, wachsen und schrumpfen, vermischen sich mit anderen, erschaffen neue.

Etwas zu vergessen, ist im Gegensatz dazu kinderleicht. Gerüche, Szenen, Melodien. Gefühle, Schmerzen, Küsse. All das ist flüchtig und volatil, zerbröselt und verändert sich im Gedächtnis. Selbst der Versuch, Erinnerungen mit Papier, Film und Tonband festzuhalten, bewahrt sie nicht für ewig. Mit jeder Kopie wird die Qualität schlechter – bis zur Unkenntlichkeit. Chemische Prozesse sorgen dafür, dass gelagertes Wissen irgendwann für immer verloren geht.

Der digitale Raum verhält sich genau umgekehrt. Erinnern ist einfach, vergessen beinahe unmöglich. Alles wird gespeichert, kopiert, analysiert und verknüpft. Verfügbarkeit ist alles. Die Daten, die wir Google und Facebook anvertrauen und die sie aus uns extrahieren, werden an mehreren Standorten auf der Welt gespeichert und auch dann noch aufbewahrt, wenn sie vordergründig gelöscht wurden. Auf Festplatten und Memorysticks sind Informationen nach dem Löschen noch als Schemen vorhanden, die wiederhergestellt werden können. Denn was, wenn wir es uns plötzlich anders überlegen? Wie wäre es, wenn «löschen» wirklich unwiderruflich wäre?

Die Tücken der Internetarchive

Am 9. Oktober 2021 wird die 20-jährige Sarah-Lee Heinrich als Bundessprecherin der Grünen Jugend in Deutschland gewählt. Es dauert nicht lange, da werden problematische Äusserungen auf Twitter ausgegraben, die Heinrich vor Jahren veröffentlicht hatte. Heinrich verweist darauf, dass sie zu dem Zeitpunkt 13 oder 14 Jahre alt war. Ein Kind, das sich unbedacht im Internet bewegt und nicht nur Kluges von sich gibt. Es gibt nichts Normaleres. «Messt mich und kritisiert mich gerne an meinen Positionen und meiner politischen Arbeit», schreibt sie. «Ich werde mich jetzt nicht zu allem erklären, was ich mal so mit 14 gedacht und gesagt habe. Das verlange ich auch von niemandem.»

Dennoch folgen Anfeindungen und Morddrohungen – vermeintlich legitimiert durch pubertäre Handlungen in einer Welt, die nicht vergisst. Das Perfide: Heinrich hatte ihre eigenen Tweets bereits gelöscht, doch sie wurden vorsorglich mit Archivdiensten und Screenshots gespeichert, um sie im richtigen Moment gegen sie zu verwenden.

Denn im digitalen Raum ist fast alles archiviert. Dienste wie «Internet Archive» sorgen dafür, dass Informationen auf Websites gesammelt, geordnet und vor dem Vergessen geschützt werden. Eine nützliche Sache, aber eben eine mit Tücken. Denn jede und jeder kann eine Website speichern und für immer vor dem Verschwinden bewahren oder am Vergessenwerden hindern. Mit Screenshots lassen sich Genialitäten, Peinlichkeiten und Verbotenes genauso gut festhalten.

Nuancen gehen unter

Jeden Tag werden 350 Millionen Bilder auf Facebook geladen, 500 Millionen Tweets abgesetzt, 100 Millionen Posts auf Instagram gestellt und 720’000 Stunden Videos auf YouTube veröffentlicht. Für die Speicherung aller digitalen Daten gibt es über 7 Millionen Datencenter auf der ganzen Welt. Etwa 600 davon sind sogenannte «Hyperscale Data Centers»: Auf tausenden Quadratmetern stehen Server in Reih und Glied und halten unsere Datenspuren im Internet fest.

Das menschliche Genom speichert über 200 Gigabyte an Information – und wird ebenfalls hunderttausendfach sequenziert und in Datencentern gespeichert. Mit dem «Blue Brain Project» versuchen Forscher:innen an der École polytechnique fédérale in Lausanne (EPFL), das Gehirn einer Maus digital zu rekonstruieren.

Aber nicht jede Information lässt sich gleich gut oder überhaupt digital festhalten. Das Gefühl, gestreichelt zu werden oder die Wut über Ungerechtigkeit ist unbeständig und diffus. So ist die digitale Erinnerung eine verzerrte. Nuancen gehen unter, Schattenspiele werden mit Pinselstrichen aus 0 und 1 übertüncht.

Und doch sind Smartphones und andere Endgeräte längst Teil unseres Geistes und unserer Wahrnehmung der Welt. Sie gehören zum «hier» und nicht bloss zum «dort draussen». Wir blicken durch ihre Kameras und Bildschirme in die Welt hinein. Als «erweiterter Geist» speichern wir Informationen in Notizbüchern, Archiven, Fotoalben, Telefonbüchern und in den Geräten in der Hosentasche. Unsere Erinnerung ist mit dem Vorhandensein digital gespeicherter Information verwoben.

Die Wissenschaft streitet darüber, ob das digitale Gedächtnis dem altgedienten menschlichen Erinnerungsvermögen nützt oder schadet. Manche Experimente zeigen, dass Fotos unsere Erinnerung schwächen. Andere Untersuchungen deuten auf das Gegenteil hin: Durch den Akt des Fotografierens werde die visuelle Wahrnehmung besonders aktiviert – auf Kosten von Gehör oder Geruch.

Die leidige Frage, ob das gut oder schlecht ist, erübrigt sich. Letztlich prägt das digitale Erinnern unsere Lebenswelt und hat diese unwiderruflich verändert.

Ich, das Forschungsobjekt

«Das Recht auf Vergessen kann begriffen werden als die Möglichkeit, über die eigenen digitalen Spuren und das eigene Online-Leben zu bestimmen», schreibt der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB). «Wir sind uns nicht immer bewusst, wie unsere Daten heute und in Zukunft genutzt werden oder wie diese gar miteinander verknüpft werden können.»

Wer zum Beispiel einen E-Scooter von Voi oder Tier mietet, willigt gleichzeitig ein, dass die eigenen Bewegungs- und Nutzungsdaten zu Forschungs- oder Vermarktungszwecken genutzt und an Dritte verkauft werden können. Sie dürfen auch an Versicherungen, Stadtplaner:innen, Gerichte und Regierungsbehörden weitergegeben werden. Nur gelöscht werden sie im Normalfall nicht.

«Immer leistungsstärkere Suchmaschinen und Analysetools mit beinahe unbeschränkten Speicherkapazitäten führen dazu, dass das Vergessen im Sinn einer vollständigen und endgültigen Löschung oft illusorisch wird», schreibt der EDÖB weiter. Daten, die im Internet landen, bleiben in der Regel dort. Sie können kopiert, verlinkt und archiviert werden. Meist behalten Dienste auch dann noch eine Kopie, wenn die Nutzer:innen ihre eigenen Daten vermeintlich gelöscht haben.

Im Strom des Digitalen verlieren wir schnell die Kontrolle über unsere Daten und damit über einen Teil unseres Lebens. So verlieren wir auch den Überblick darüber, was noch erinnert und was schon vergessen ist.

Unbeschwert in die Zukunft

Natürlich ist es einfach, das Schlechte in dieser Tendenz zu sehen. Die Datafizierung des menschlichen Lebens und die Ökonomisierung all unserer digitalen Interaktionen ist kein Grund zur Freude.

Im Buch Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten von 2009 plädiert der österreichische Rechtswissenschaftler Viktor Mayer-Schönberg für eine Wiedereinführung der Kapazität des Vergessens. Das Vergessen ist für ihn kein Manko. Es ist essenzieller Teil des Menschlichen und des Gesellschaftlichen. Denn es ermöglicht Entscheidungen, die unbeschwert von der Vergangenheit gefällt werden. Und es erlaubt Neuanfänge und zweite Chancen.

Menschen sind ständig im Wandel. Wir ändern unsere Meinungen und Geschmäcker. Die ständige Selbstsuche und -findung ist Teil unseres Lebens. Das Vergessen gehört dazu und bedingt es – all die peinlichen Frisuren und Kleider, unbedachten Aussagen und törichten Handlungen werden von Lethe mitgeschwemmt. Das öffnet den Raum für Mut und Weiterentwicklung und macht den Weg frei für Versuch und Irrtum. Das perfekte digitale Gedächtnis engt diese Räume ein. Denn die Irrtümer der Vergangenheit sind eine Lektion, aus der wir lernen, die wir aber nicht für immer aufbewahren müssen.

Auch in der Aussenwahrnehmung ist der Fokus auf das perfekte, digital erinnerte Ich ein Trugschluss. Durch die eingefrorene Vergangenheit sitzen wir der Illusion auf, dass eine Person sich immer noch durch vergangene Elemente definiert. Das digitale Gedächtnis verfälscht also die Wahrnehmung der anderen.

Mayer-Schönberg plädiert nun dafür, gewisse elektronisch gespeicherte Daten mit einem einprogrammierten Ablaufdatum zu versehen. Ist dieses erreicht, werden sie automatisch gelöscht. Bereits heute gibt es in manchen Chatprogrammen die Funktion, Nachrichten nach Sekunden, Tagen oder Monaten automatisch zu löschen. Aber welche Daten sollen wir dem Vergessen überlassen? Und welche müssen davor bewahrt werden?

Florian Wüstholz, 1988, ist freier Journalist, schreibt über Digitalpolitik und dokumentiert Klimaveränderungen.

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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