Vom steinzeitlichen Feuerstein bis zum spätmittelalterlichen Lederschuh: Der Kanton St.Gallen hat erstmals eine professionelle archäologische Ausstellung. Am Donnerstag wurde sie eröffnet.
Das Prunkstück ist ein Streitobjekt: In einer Vitrine sind steinere Zeugen der Frühzeit des Klosters St.Gallen zu sehen. Sie waren bis jetzt der Öffentlichkeit nicht zugänglich, sondern Teil jenes Grabungsguts, das der umstrittene Archäologe Hans Rudolf Sennhauser in den Sechzigerjahren bei der Renovation des Klosters ans Tageslicht befördert hat – und seither in seiner Privatsammlung in Zurzach hortet.
Für alle anderen Objekte, die jetzt in der neuen Dauerausstellung «Faszination Archäologie» zu sehen sind, ist der Eigentümer jedoch klar: der Kanton St.Gallen. Dessen Kulturchef Martin Klöti lobte die Eröffnung im Keller des Historischen und Völkerkundemuseums als «denkwürdigen Tag» nach rund zwölf Jahren Planungsarbeit. Der Kanton finanziert die Ausstellung und den Betrieb, die Stadt zahlt die Renovation des Museums, die Trägerstiftung gibt das Kellergeschoss dafür her: Rund 400 Quadratmeter, fast viermal soviel wie früher, stehen der Archäologie hier unten zur Verfügung.
Dieses «Joint Venture» (Stiftungspräsident Arno Noger) der drei Körperschaften war bei der Eröffnung denn auch Anlass für allseitiges Danken und «Schulterklopfen» (so ebenfalls Noger). Museumsdirektor Daniel Studer nahm den humorigen Ton auf und beorderte die dreiköpfige «FDP-Phalanx» Noger-Klöti-Scheitlin, eskortiert von sechs abenteuerlich kostümierten römischen Legionären, in den Keller, wo sie das rote Band zur neuen Sammlungspräsentation durchschnitt (Bild: Melissa Jetzer).
Drei Institutionen, ein renommiertes Ausstellungsbüro (Holzer Kobler Architekten) und ein langer Planungsprozess: Das weckt entsprechend hohe Erwartungen. Ob sie erfüllt sind, davon kann sich das Publikum am Wochenende bei freiem Eintritt ein erstes Bild verschaffen.
Vielfältig sind jedenfalls die museumspädagogischen Angebote: Ein Labor lädt zu archäologischen Experimenten, es gibt Arbeitsplätze für Recherchen und eine Kletterinstallation für die Kleinsten. Und die Werkzeuge der Archäologen, Spitzhacke, Schaufel und «Beseli», kann man in die Hand nehmen.
Die übrige Präsentation ist konventionell, mit Vitrinen und erklärenden Tafeln. Im Zentrum: der rund 30 Meter lange «Zeitstrahl», ein Modell der Siedlungs- und Verkehrsgeschichte der Ostschweiz, 50‘000 Jahre von der Steinzeit bis zur Gegenwart.
Sorgfältig und etwas spröd: Wie das Modell sind auch die Räume zu den Detailthemen gestaltet. Faszination stellt sich dann aber doch ein, beim genaueren Studium – Funde wie jene aus Alt-Weesen, dem 1388 nach der Schlacht von Näfels abgefackelten Dorf, aus den Römergrabungen von Kempraten (im Titelbild eine dort gefundene Fluch-Tafel) oder dem St.Galler Klosterviertel dürften dazu beitragen, was sich Kantonsarchäologe Martin Schindler an der Eröffnung erhoffte: dass die Bevölkerung für die Schätze sensibilisiert wird, die sich unter ihrem Boden befinden und deren Schutz mit dem Siedlungs- und Baudruck immer mehr unter Druck gerät.
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