Behinderte Menschen haben Sex. Darüber wird geschrieben und geredet, eine grosse Sache ist das kaum mehr. Doch was ist, wenn eine behinderte Frauen schwanger wird? Wie weit darf sie über sich selbst bestimmen?
Heikle Fragen, bei denen die öffentliche Diskussion meistens verstummt. Hier setzt das sehenswerte, neue Werk der in Zürich lebenden Regisseurin Stina Werenfels (Nachbeben) an: In Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern erzählt sie die Geschichte der 18-jährigen, geistig behinderten Dora (Victoria Schulz), die behütet bei ihren Eltern lebt. Eines Tages beschliesst ihre Mutter Kristin (Jenny Schily), Doras beruhigende Medikamente abzusetzen, um sie aus ihrem Dämmerzustand zu befreien.
Ratlosigkeit, Verwirrung, Verdrängung
Doras Sexualität blüht mit voller Kraft auf. Sie wird über Nacht zur jungen Frau, die sich selbst entdeckt. Dabei bewahrt sie aber kindliche Züge, ist offen und schamlos in ihrer Entwicklung. Das ist noch harmlos, als Dora vor ihrer Mutter in der Badewanne masturbiert – wird aber heikel, als sie sich einem zwielichtigen Mann (Lars Eidinger) annähert.
Anfangs weist dieser Dora zurück. Als sie ihn jedoch verfolgt, kommt es in einer öffentlichen Toilette zum Sex nahe an einem Übergriff – was Dora in ihrer Unerfahrenheit aber kaum zu berühren scheint. Ihre Mutter erfährt davon und reagiert mit Entsetzen. Trotzdem trifft sich Dora weiter mit dem Mann, der von ihrer ungehemmten Sinnlichkeit und Lebensfreude angezogen ist. Zwischen den beiden entsteht ein Verhältnis, schliesslich wird Dora schwanger.
Stina Werenfels zeigt, was das Thema Behinderung und Fortpflanzung bei Eltern und Behörden auslöst: Ratlosigkeit, Verwirrung und Verdrängung. Zwar gesteht das Erwachsenenschutzgesetz Behinderten ein weit reichendes Recht auf Selbstbestimmung ein, in der Praxis muss aber jedes Mal neu verhandelt werden, was das genau einschliesst.
Offenbar war der Filmstoff auch staatlichen Gremien zu radikal. Stina Werenfels hatte den Film in Bern und Zürich mehrfach vergeblich zur Finanzierung eingereicht. «So sah ich mich gezwungen, die ganze Produktion nach Deutschland zu verlegen», sagt sie. Der Film, der auf einem Theaterstück des Schweizer Buchpreisträgers Lukas Bärfuss basiert, spielt nun grösstenteils in Berlin und nur ganz kurz in Zürich.
Der Trailer zum Film:
Herausragende Darstellerin
Die Figuren im Film treiben einsam dahin: Doras Vater Felix (Urs Jucker) kann im Mutter-Tochter-Konflikt nicht vermitteln. Das ungeborene Kind lässt die Mutter mehr oder weniger mit Doras Einverständnis abtreiben. Doch dieser Eingriff trifft Mutter Kristin härter als Dora, versucht diese doch seit Jahren erfolglos mit Felix, ein zweites Kind zu bekommen.
Kurz darauf wird Dora zum zweiten Mal schwanger und wird von ihren Eltern in ein Heim gebracht. Dort ist sie einsam und zunehmend verwirrt über ihren Körper, der sich in der Schwangerschaft verändert.
Währenddessen zeigt Peter, der Vater des ungeborenen Kindes, seine hässliche Seite: Schnoddrig lehnt er gegenüber Felix jegliche Verantwortung ab und spannt Dora für Sexspiele mit einem fremden Mann ein.
Die Regisseurin versteht ihren mutigen Film auch als Kritik am «Gebot von Effizienz und Perfektion, das uns zusehends durchdringt», wie sie sagt. Die mit dem neuen Erwachsenenschutzgesetz von 2013 erweiterte Selbstbestimmung Behinderter müsse sich die Gesellschaft etwas kosten lassen. «Und da der ökonomische Druck gerade im sozialen Bereich massiv zunimmt, werden gerne Kosten und Verantwortung auf die Familie abgeschoben.»
Der Film zeichnet ein Porträt einer solchen Familie, getragen auch von der erstaunlichen Leistung der Dora-Darstellerin Victoria Schulz, die in Berlin auf der Strasse entdeckt und sich vor zwei Jahren ohne formelle Schauspielausbildung aber mit viel Theater- und Kurzfilmerfahrung auf das Wagnis dieser Rolle einliess. Viele Schauspielerinnen waren laut Stina Werenfels beim Lesen des Drehbuchs «an eine innere Schwelle gestossen» und hatten abgelehnt.
Stina Werenfels hat einen verdichteten, eindringlichen und sehr körperlichen Film realisiert, der einigen vielleicht zu nahe tritt – und es genau deshalb wert ist, gesehen zu werden.
Premiere im Kinok ist am Donnerstag, 19.2., um 19.15 Uhr. Nach der Vorstellung vom Donnerstag, 26.2., diskutiert Regisseurin Stina Werenfels mit Filmjournalistin Bettina Spoerri.
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung