, 24. Oktober 2014
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Zugang zur Bildung: Das ist entscheidend

Der Schweiz-Tunesier Amor Ben Hamida kam mit zwölf Jahren ins Kinderdorf Pestalozzi in Trogen. Der Schriftsteller erklärt, wie das seine Sicht auf die Welt prägte. Ein Interview über Bildung, Migration, Tunesien und die Schweiz.

Herr Ben Hamida, Sie sind im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen aufgewachsen – wie hat Sie dies beeinflusst?

Walter Robert Cortis Gedanke, Kinder und Menschen verfeindeter Nationen über Bildung und einen gemeinsamen Alltag zusammenbringen, hat mich sehr geprägt. Was er uns ermöglicht hat, trage ich wie die anderen Ehemaligen zurück in meine Heimat und engagiere mich heute für die Bildung von Kindern.

Das ursprüngliche Ziel des Pestalozzidorfes war, dass die Kinder nach der Ausbildung in ihre Heimat zurückkehren…

… leider haben das sehr wenige gemacht. Die Zeiten haben sich verändert,  heute weiss man: Es ist effizienter, das Geld an Ort und Stelle einzusetzen. Ganz ehrlich: Würde man heute Kinder aus Libanon, Tibet oder Algerien holen – sehr viele der Schweizer würden sich dagegen wehren und sagen «Wir haben eine Flut von Flüchtlingen, die zu uns kommen, und jetzt wollt ihr noch mehr holen!» Dies ist politisch wie gesellschaftlich nicht mehr tragbar. Die Zeit, wo man einfach in die Schweiz kommen, etwas lernen und wieder gehen konnte, ist vorbei.

War die Schweiz, die Sie als Jugendlicher kennenlernten, eine solidarischere Schweiz als heute?

Ja. Obwohl es auch da schon Leute gab, die die Ausländer rauswerfen wollten. Gewisse Ängste gab es bereits damals, aber nicht diesen Fremdenhass, der heute in einigen Parteien klares politisches  Programm ist. Ich lebe seit 45 Jahre in der Schweiz und habe – neben sehr wenigen schlechten Erfahrungen – sehr viel Gutes erlebt. Mich fasziniert die Einstellung vieler Schweizer und Schweizerinnen, die trotz Viersprachigkeit, unterschiedlicher Religionen und unterschiedlicher geschichtlicher Hintergründe miteinander leben können. In den arabischen Ländern haben wir eine Sprache, eine Religion und kommen dennoch nicht zurecht. Dieses Erfolgsrezept der Schweiz möchte ich in Tunesien vermitteln, auf einer gesellschaftlichen Ebene diskutieren und Schweizer Politikerinnen und Autoren für Diskussionen einladen. Auch dies habe ich im Pestalozzidorf gelernt: Sobald man miteinander spricht und einander versteht – und auch dazu braucht es Bildung und einen offenen Geist –, kann man sehr viel voneinander lernen.  

Ist dieses Bild der Schweiz nicht zu idealistisch? Es gibt ja hierzulande viele Menschen, welche trotz guter Bildung Angst und Ablehnung gegenüber allem Fremden haben.

Das stimmt, die Schweiz hat zwei Realitäten. Ich halte mich dennoch an die positiven Einstellungen: Einem Berner Bergbauer ist es egal, wenn er den Genfer Städter nicht versteht, trotzdem gibt es die Gemeinsamkeit Schweiz, La Suisse, da sind alle auf dem gleichen Nenner. Dies fehlt uns in der arabischen Welt: Wir einigen uns einzig darüber, das wir uns nicht einigen können.

Ich sehe in der Schweiz eine Toleranz innerhalb eines Grossteils der Gesellschaft, die viele von uns Arabern so nicht haben. Wir können nicht dulden, dass jemand anders denkt oder handelt. Dies ist ein gesellschaftliches Problem: Der Vater hat im allgemeinen das Sagen, und alle andern – auch Kinder, die einen Hochschulabschluss haben und deren Vater Analphabet ist – haben sich unterzuordnen. In habe den Eindruck, die meisten Schweizer und Schweizerinnen pflegen eine andere Diskussions- und Konfliktkultur. Generell schätze ich die Fähigkeit zum «typischen» Schweizer Kompromiss.

Der hin und wieder auch belächelt oder als feig interpretiert wird…

Ja, aber die Alternative ist eine ewige Uneinigkeit, so wie wir das im arabischen Raum heute pflegen. Wir diskutieren zwar miteinander, aber im Wissen, dass wir uns nicht einigen werden. So gehen wir auseinander, ohne uns geeinigt zu haben – aber zumindest können wir sagen, wir hätten es versucht. Im Gegensatz dazu sind manche Schweizer hartnäckig im Gespräch: Sie versuchen möglichst lange ihre Position zu halten, und wenn sie merken, dass beide Parteien zu verlieren haben, dann geben sie etwas nach. Das Gegenüber schätzt dies und weicht auch etwas zurück:  Diese Art des Dialogs möchte ich gerne auch in Tunesien mit Leuten aus der Schweiz anregen.

Welche Rolle spielt die Bildung im heutigen Tunesien?

Seit 1957 ist die Schule für Knaben und Mädchen obligatorisch. Die Universitäten sind heute voll, doch bedingt durch die wirtschaftliche Krise nach der Revolution verlassen nun laut dem Erziehungsministerium jährlich 100’000 Kinder im Jahr die Schule, da ihre Eltern das Geld für die Schulmaterialien nicht mehr aufbringen können. Wenn die Basis nicht mehr stimmt, wer rückt dann nach?

Gibt es eine Art Vakuum?

Ja. Wenn diese Dynamik anhält, werden in fünf Jahren eine halbe Million Jugendliche auf der Strasse stehen – es wird eine Phase geben, in der wir kurz in den Analphabetismus zurückfallen. Mit der Hilfsorganisation «swiss vision» (http://www.swissvision.org) versuchen wir dem entgegenzuwirken, indem wir etwa Schulmaterialien durch Schweizer Spenden in Tunesien finanzieren. Doch zur Zeit wird das Problem weder von der Politik noch in der tunesischen Gesellschaft ernst genommen, die Menschen denken bloss an heute. Und wer in Tunesien Bildung fördert, ist nicht nur gern gesehen: Bildung bedeutet Eigenständigkeit und Autonomie, was auf manche Gruppierungen bedrohlich wirkt. Doch gerade für die bevorstehenden Wahlen wäre Bildung sehr wichtig.

Sie kamen als Kind in die Schweiz, Ihre Brüder blieben in Tunesien zurück. Hat man erwartet, dass Sie als Erwachsener zurückkehren würden?

Ja. Bereits vor mir gingen Verwandte nach Wolfsburg in Deutschland, um bei VW zu arbeiten. In meiner Familie wurde, wie damals üblich, von ihnen erwartet, dass sie dort fünf bis sieben Jahre arbeiten, Geld verdienen und dann zurückkehren, ein Haus bauen, heiraten und da leben würden. Doch zwischenmenschliche Beziehungen machten diese Pläne oft zunichte – als ich mich in der Schweiz verliebte und heiratete, war das für meine Mutter eine Tragödie!

Heute hat sich das verändert…

Die Generationen vor mir hatten von ihren Familien den Druck, mit gefüllten Taschen zurückzukommen. Heute ist es umgekehrt: Geht jemand nach Europa, gibt man ihm den Rat: Bleib wo du bist, versuche zu heiraten, arbeite und schick uns Geld! Deshalb gibt es Fälle von 25-jährigen, die 60-jährige heiraten, nur damit sie nach Europa können. Die Migrationspolitik versucht dies zu verhindern; für einen Tunesier ist es nahezu unmöglich, ein Schengenvisum zu erhalten.

Ohne Schulbildung, ohne wirtschaftliche Aussichten oder die Möglichkeit, sich legal zu bewegen werden viele, vorwiegend junge Menschen, irgendwo an einem Strand rumlungern und Ausschau halten nach einem Boot, welches das Mittelmeer überquert. Sie sagen sich: Wir nehmen dieses Boot, gehen nach Lampedusa, dort schauen wir weiter.

All die Leichen, die an den Stränden angeschwemmt werden – das ist eine Tragödie. Die internationale Gemeinschaft sieht die Zusammenhänge nicht, wartet und jammert dann, wenn die Leichen am Strand angeschwemmt werden – auch in der Schweiz! Überall beklagt man sich über diese Katastrophe, obwohl sich heute bereits verhindern liesse, was in fünf Jahren geschehen wird.

Wie liesse sich dagegen ankämpfen?

Mit Investitionen in die Bildung und Unterstützung von Familien. Ohne wirtschaftliche Aussichten werden die jungen Leute von ihrer Familie regelrecht dazu gedrängt, nach Europa zu gehen. Wenn sie keinen Job finden im Dorf oder der nächsten Stadt, dann nehmen sie den Weg übers Meer, bloss weil jemand beispielsweise aus Frankreich eine SMS schrieb «ich habs geschafft, ich bin hier und arbeite.»

Dies wollen wir verhindern: Die Kinder und Jugendlichen müssen Zugang zu Bildung haben, zudem versuchen wir in kleinen gesellschaftlichen Strukturen den wirtschaftlichen Druck zu verringern, indem wir etwa einer Frau eine Nähmaschine geben, mit der sie ihre Angehörigen ernähren kann, oder einer Familie zu Hühnern und ein paar Schafen verhelfen. Dies sind kleine Taten, doch damit wollen wir verhindern, dass noch mehr Junge Menschen den Weg übers Meer Richtung Europa nehmen.

Im Oktober-Heft von Saiten erschien ein ausführlicher Report zum Kinderdorf Pestalozzi sowie ein Vorabdruck aus Ben Hamidas neuem Buch «Schnee in der Sahara».

Amor Ben Hamida ist Autor und Mit-Initiant des Vereins swissvision. Er arbeitete unter anderem mit dem DEZA und dem Amt für Migration.

 

 

5 Kommentare zu Zugang zur Bildung: Das ist entscheidend

  • Wir freuen uns auf jede Person, die uns beim Erreichen der humanitären Ziele unseres Vereins unterstützen möchte!
    Tunesien geht einen schwierigen Weg in die Demokratie. Es braucht unsere Hilfe…

    Auch die illegale Migration kann so eingedämmt werden!!!
    Amor Ben Hamida

  • Holderidoo sagt:

    Zum Mitschreiben: Es gibt weder illegale Migration noch illegale Menschen! Raus aus den Köpfen mit dieser Vorstellung, aber hopp!

  • Konrad sagt:

    Ja, natürlich gibt es keine illegalen, sprich ungesetzlichen Menschen (so wenig wie legale!), es gibts aber unzählige illegal in einem Land lebende Menschen, und zwar in den meisten Ländern auf der Erde, in den wohlhabenden der Ersten Welt verständlicherweise besonders viele!

  • Jonathan sagt:

    „aber hopp!“ geht eben (leider) nix. Manchmal ist das gut so, manchmal nicht. Wie lange kauen Kaugummis wie Rassimus, Homophobie, Antiziganismus etc. schon? Da wechselt man nur ab und zu die Geschmacksrichtung. Mühsame Aufklärungsarbeit, immer wieder, dran bleiben, hartnäckig aber tolerant anderen Meinungen gegenüber. Die Banane muss zuerst geschält werden, bevor man sie essen kann.

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