Arbeiten für die textile Zukunft
Die einen sticken, stricken, knüpfen, weben. Die anderen trennen auf, zerschneiden, ziehen Fäden und lassen ausfransen. Gemeinsam ist allen TaDa-Residents die innovative Arbeit an textilen Themen zusammen mit Firmen und Institutionen aus der Ostschweiz. Jetzt feiert die TaDa – Textile and Design Alliance ihren fünften Geburtstag mit einer grossen Ausstellung im Werk2 in Arbon.
Bei Laura Deschl geht es um sensorische Textilien (Bild: pd/Ladina Bischof)
Die Textilindustrie hat sich zu einem der problematischsten Wirtschaftszweige entwickelt. Die Schlagzeilen reissen nicht ab. Die Menge des Konsums, die Transportwege, die Rohstoffgewinnung, die Arbeitsbedingungen, die zerstörerischen Auswirkungen eines globalisierten Systems auf lokale Handwerksbetriebe, die kaum vorhandene Kreislaufwirtschaft, die Belastung der Böden mit giftigen, langlebigen Chemikalien, die Abfallberge – die Liste der negativen Auswirkungen des schnellen, unreflektierten, überbordenden Konsums ist lang.
Die Initiativen für ein Umdenken muten im Vergleich dazu klein und lokal an. Doch ihre Bedeutung ist gross, sie zeigen, dass es auch anders geht, gehen muss. Das gilt sowohl für die kleine Schneiderei, die sich irgendwo auf der Welt gegen die Übermacht der Marken stemmt, als auch für Künstlerinnen und Künstler, welche die katastrophalen Folgen von Fast Fashion in eindrucksvolle Bilder übersetzen.
Einen anderen, sehr produktiven Ansatz hat die Textile and Design Alliance in der Ostschweiz gewählt. Seit fünf Jahren bringt sie unter dem freudig-aktiven Kürzel TaDA das internationale kreative Schaffen mit der traditionsreichen Textilproduktion der Ostschweiz zusammen. Was dabei herauskommt, zeigt jetzt eine eindrucksvolle Schau im Werk2 in Arbon.
Dieser Ort passt besonders gut, wurden doch hier vor Jahrzehnten von der Firma Saurer Webmaschinen hergestellt und in grossen Stückzahlen exportiert. Heute ist in dieser Halle noch immer die Textildruckerei Arbon tätig. Sie ist die letzte Schweizer Handsiebdruckerei, produziert auf höchstem Qualitätsniveau und ist eine der Partnerfirmen von TaDA. Dass nun also für anderthalb Monate im zweiten Hallenteil die TaDa-Ausstellung einzieht, ist eine sehr gute Fügung. So sieht es auch Marianne Burki, die das Residenzprogramm seit seiner Gründung leitet: «Als im Frühjahr klar wurde, dass das Werk2 für eine Ausstellung zur Verfügung steht, haben wir zugesagt. So eine Halle kommt nicht jeden Tag auf einen zu. Aber es wurde eine sportliche Angelegenheit.»
Arbeit des in Genf lebenden Künstlers Jamal Nxedlana (Bild: pd/Ladina Bischof)
Das liegt einerseits an der weit über den Globus verstreuten Herkunft der Residents – von Indien bis in die USA, von der Schweiz bis Südafrika, von Finnland bis Libanon – und andererseits an der grossen Vielfalt der Arbeiten. Die einen nähen Glasperlen zwischen Stofflagen, die anderen arbeiten mit Bioplastik, die nächsten mit Rosshaar, wieder andere kreieren Tonfrequenzen, die sich auf Moiré-Effekte beziehen.
Jährlich kommen sechs nationale und internationale Residents aus den Bereichen Design, Kunst, Fotografie oder Architektur für einen dreimonatigen Arbeitsaufenthalt nach Arbon. Und sie erhalten hier eine direkte Anbindung an die Praxis – sie können Maschinen, Labore und Produkte der regionalen Textilunternehmen, der Forschungsanstalt EMPA und die Sammlungen des Textilmuseums nutzen. So kommt eine inhaltliche und formale Bandbreite zustande, die von produktionstauglichen Prototypen reicht bis hin zu einzigartigen künstlerischen Installationen.
Die Arbeit knit collar von marce norbert hörler (Bild: pd/Ladina Bischof)
Laura Deschl aus Deutschland hat beispielsweise eine textilbasierte Sensorik in ein Kleidungsstück integriert, die der kontinuierlichen Atemüberwachung dient. Es gibt seine medizinische Funktion kaum zu erkennen und vermittelt ein gutes Traggefühl. Bi Rongrong aus China untersuchte Stoffstrukturen aus verschiedenen Kulturen sowie die Brücken zwischen dem globalen Süden und Norden – sie fand überraschende Gemeinsamkeiten. marce norbert hörler aus Appenzell Innerrhoden und Berlin liess sich von kunstvollen Kragen aus der Stickereisammlung des Textilmuseums St.Gallen zu Chokern und Seidenschals inspirieren, die als sinnliches Orientierungsmittel funktionieren.
Der in Genf lebende Südafrikaner Jamal Nxedlana erforscht Secondhand-Textilien als Träger von Erinnerung und kultureller Bedeutung. Ein Ausgangspunkt war der Dunusa-Markt in Johannesburg, Afrikas grösster Gebrauchtkleidermarkt. Besonders interessieren ihn Gebrauchsspuren wie Flecken und Falten. Er verwandelt sie in Muster, die von Reparatur, Wiederverwendung und kollektiver Erinnerung erzählen.
Von den insgesamt 33 TaDa-Residents sind in der Ausstellung mehr als zwei Drittel dabei. Marianne Burki hat deren Arbeiten, Prototypen und Prozesse chronologisch geordnet. Dass diese Abfolge dennoch lebendig und vielseitig wirkt, liegt einerseits an den gezeigten Stücken und andererseits an der Präsentation selbst: «Wir haben nichts neu gebaut, sondern genutzt, was da war.»
Die Firmen haben Geräte, Container, Garderoben und Tablare beigesteuert. So vereinen sich pragmatische Infrastrukturen mit kreativem Schwung und improvisierte Displays mit gestalterischer Perfektion. Damit transportiert «TaDA: Together» perfekt die Botschaft des ganzen Programms: Durch die Verbindung von Kreativen aus aller Welt mit lokalen Textilunternehmen und -institutionen entstehen neue Impulse für Kunst, Industrie und Gesellschaft.
«TaDA: Together»: bis 26. Oktober, freitags 16 bis 19 Uhr, samstags und sonntags 14 bis 18 Uhr, Werk 2, Arbon.
Kunst in Wil
Mit der Ausstellung «Tra cielo e pelle» ist die Kunsthalle Wil aus der Sommerpause zurück. Die Arbeiten von Fabio Melone erkunden das Verhältnis zwischen dem menschlichen Körper und allem Unsichtbaren und Überirdischen. Eine Beziehung, die der Künstler aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.
Kunstwerk im Textilmuseum
Ein Quilt, verpackt in Gepäckstücken: Seit dem 4. Juli wirft ein Künstler:innenkollektiv in der Lounge des Textilmuseums St.Gallen Fragen zu den kolonialen Verflechtungen der Bodenseeregion auf.
Kunst der Alten Fabrik
Ein nervtötendes Lied, das immer wieder ungefragt in den Ohren erklingt. Ein Ohrwurm, der sich in die Gehörgänge frisst. Genau diesem Phänomen widmet sich das italienische Künstlerduo Polisonum in seiner Ausstellung in Rapperswil-Jona.
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.