Mit dem St.Galler Tröckneturm beginnt unser Gespräch auf dem ehemaligen Saurer-Areal in Arbon, wo die fünf derzeitigen Residents wohnen. Stéphanie Baechler, in Amsterdam lebende Künstlerin, spielte mit der Idee, Stoffresten diverser ansässiger Textilunternehmen zu Bahnen zu verbinden und aussen an den Turm zu hängen. Von weitem hätten Pailletten und neuste Stoffbeschichtungen geglitzert.
Stephanie Baechlers Vision des Tröchneturms in St.Gallen. (Bilder: pd)
Die Inspiration lieferten historische Aufnahmen von Tröcknetürmen in Glarus. In ihrer Recherche zeigte sich, dass praktisch kein Bildmaterial aus dem Inneren des St.Galler Turms vorhanden ist. Für Baechler drängte es sich auf, den Turm wiederzubeleben und ein sichtbares Textil-Zeichen im öffentlichen Raum zu schaffen.
Funkelnder Tröckneturm
Mitgespielt hat auch eine persönliche Erfahrung: Die Künstlerin hat einen engen Bezug zu St.Gallen, mehrere Jahre war sie Textildesignerin bei der Jakob Schlaepfer AG. Schmunzelnd erzählt sie, wie sie edle Stoffe mitunter auf dem Firmenparkplatz getrocket hätten. Die Installation ist zurzeit nicht möglich, denn Schwalben bewohnen den Tröckneturm. Baechler hat ihre Idee aber noch nicht aufgegeben. Sie bleibt optimistisch, dass sie gemeinsam mit den Schwalben einen Weg finden wird, ihre bildstarke Installation zu einem späteren Zeitpunkt zu realisieren.
Das temporäre Werk wäre eine Bereicherung im erst kürzlich eröffneten Burgweier-Park: Es erzählt von Vergangenheit und Gegenwart der Textilbranche und bringt St.Gallen temporäre Kunst im öffentlichen Raum. Vorerst aber ist die Künstlerin bei TaDA-Partnerfirmen wie Saurer in Arbon, dem Folienspezialisten Lobra in Thal sowie in der Kunstgiesserei mit weiteren Arbeiten beschäftigt.
Bis zu ihrem Wegzug nach Holland im Jahr 2011 für einen Mode-Master war Stéphanie Baechler regelmässig zu Besuch in der Stickerei von Daniel Rüdlinger in Balgach, der eng mit Schlaepfer zusammenarbeitete. Sie hatte damals die Idee, alte Punchkarten, also Lochkarten, auf denen das Stickdesign hinterlegt ist, zu vergrössern. Durch die Distanz zu Amsterdam wurde das Projekt nicht weiterverfolgt. 2016 wurde Schlaepfer an Forster Rohner verkauft. Aufgrund der neuen Eigentümer gab Rüdiger die Produktion auf. Die Maschinen stehen aber nach wie vor in der Fabrik in Balgach, wo sich zwischennutzend ein Filmemacher niedergelassen hat.
Stephanie Baechler: The Fates Are Talking, Work in Progress@Saurer, Stickerei
Zu Beginn ihres Arbon-Aufenthalts hat Baechler den Kontakt wiederaufgenommen, mit Rüdlinger und weiteren Stickern Interviews geführt. Ebenso hat sie sich Notizen gemacht, als die zwölf Partnerfirmen und -Institutionen den TaDA-Residents Einblicke gaben in ihre Tätigkeitsfelder. Dieses Textmaterial hat die Künstlerin in einen aktuellen Dialog zwischen den Moiren, den drei Schicksalsgöttinnen, überführt.
Klotho, die in der griechischen Mythologie den Lebensfaden spinnt, spricht darin Sätze wie: «The machines are soo loud, are they not going too fast? We are going to lose precision.» Oder: «But we have to make the carpet for the Saudi Prince and continue weaving history.» Der Dialog liest sich als kritische Auseinandersetzung mit der heutigen, globalen Textilindustrie, wo in Unmengen oder für fragwürdige Auftraggeber produziert wird. Für Baechler aber stehen die menschlichen Schicksale im Fokus, «the tenderness of the workers» steht am Anfang des Texts. Sie zeigt auf, dass Textilproduktion letztlich immer Arbeit ist, die Menschen ausführen, und spricht sich aus für mehr Umsicht und Menschlichkeit.
Das Atelier in der Produktionsstätte
Stéphanie Baechler, die europaweit schon einige Residencies absolviert hat, bezeichnet TaDA als ihre Traum-Residency – sie kommt mit einer Fülle an Handwerkstechniken in Kontakt. Während der Residency lernte Baechler selbst punchen und ist gegenwärtig bei Saurer ihren Dialog am Sticken. Gleichzeitig entstehen in der Kunstgiesserei Rahmen aus Aluminium in Form von abstrakten Sprechblasen, auf welche die Künstlerin den Dialog spannen wird.
TaDA ist eine gemeinsame Initiative der Kantone St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Thurgau. Das Förderprojekt bringt zweimal jährlich hochstehendes Kulturschaffen in die Ostschweiz, trägt zur Sichtbarkeit der innovativen Textilfirmen bei, verknüpft die beiden miteinander und tritt mit der Gesellschaft in Austausch. Im Dezember hätten die Residents ihre entstandenen Arbeiten in der Kunsthalle Arbon gezeigt, was nun Pandemie-bedingt verschoben wird.
Erste Einblicke in die Prozesse der letzten Monate gibt es heute Freitag, 4. Dezember online von 10 bis 17 Uhr.
tada-residency.ch
Programmleiterin Marianne Burki hebt, angesprochen auf das Einzigartige von TaDA, Ähnliches hervor wie Baechler: «TaDA ist eine Produktions- und Forschungsresidenz, die Kulturschaffende aus allen Disziplinen in einen ganz konkreten Produktionszusammenhang bringt.» Die internationalen Residents hätten einen klaren Fokus auf dem Textilen und Design im Sinne von Gestaltgebung und sie würden gesellschaftlich relevante Themen verhandeln.
Burki betont den engen Austausch mit Textilfirmen der Region, darunter sind die Plattstichweberei Brubo in Speicher oder Tisca in Bühler, die smarte Teppichböden produziert. Die Partnerfirmen stellen Wissen und Maschinen zur Verfügung, im Gegenzug erhalten sie durch die Residents neue Perspektiven auf ihre Tätigkeiten. «Im Machen entsteht ein Dialog zwischen zwei unterschiedlichen Fachleuten – und Fragen tun sich auf. Neue Lösungen werden überprüft, was auch kleine Schritte, die zu etwas Anderem, vielleicht Unerwartetem führen, ermöglicht», beschreibt Burki die Motivation der Unternehmungen.
Silberfäden aus der EMPA
Die Vorarlberger Kunstschaffenden Selina Reiterer und Oliver Maklott haben sich die EMPA als Partner ausgesucht. Das Forschungsinstitut sticht international mit seiner Grundlagenforschung zu smarten Materialien hervor – und gab dem Duo den Anstoss, sich für die Residency zu bewerben. Reiterer & Maklott befassen sich mit optischen und klanglichen Phänomenen und sind stets auf der Suche nach leitfähigen Materialien, die im künstlerischen Kontext verwendet werden können. In der EMPA experimentieren sie mit Plasmacoating, einem Prozess, bei dem ein Gewebe im Vakuum mit einer Schicht eines anderen Materials versehen wird. In ihrem Fall sind es zwei ultradünne Stoffbahnen in schwarz und weiss des Präzisionsgewebe-Herstellers Sefar in Thal, die mit Silber beschichtet werden.
Selina Reiterer und Oliver Maklott: Work in Progress@Empa, Silberbeschichtung.
Basierend auf Schablonen, welche die Lobra für das Duo zugeschnitten hat, werden wellenartige Säulen auf das Textil aufgetragen. Die schimmernden Silberfäden reagieren auf Berührung, zentral ist dabei die elektrische Leitfähigkeit des Silbers. Die Installation ist so programmiert, dass Berührungen artifizielle Klänge auslösen. Wenn die letzten Produktionsschritte klappen wie geplant, sollte die gesamte Technik in Handweberei verschwinden und ein magisches Kunstwerk entstehen – oder sicher eines, das man nicht gleich durchschaut.
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