Gegenstände, Kunsthandwerk oder Kunst aus Gold sind für einen klassischen Schatz unverzichtbar. Ob das nun reale Schätze sind, wie die Schatzkammern der Paläste und Kathedralen Europas, oder fiktive Schätze vom Silbersee bis zu den Märchen von 1001 Nacht. Schalen, Pokale, Lampen, Vasen, Ohrringe…
Im Thurgau hat es ein einziger Goldbecher geschafft, ein Schatz zu sein, ein «One-Cup-Treasure» sozusagen: Der Becher von Eschenz. Ein Becher, getrieben aus Waschgold. Gold also, das aus Flüssen herausgewaschen wird. Gut 4400 Jahre alt ist der Becher, und immer noch glänzend: Gold ist beständig, zerfällt nicht, oxidiert nicht. 1974 kam der Becher ins Archäologische Museum in Frauenfeld und bringt eine abenteuerliche Vorgeschichte mit. Die neuesten Erkenntnisse über ihn und seine Geschichte werden seit Ende Januar in einem neu gestalteten Raum gezeigt. Gelegenheit für einen Augenschein.
Nachtessen im Thurgauer Staatskeller
Gefunden wurde der Becher 1906 in Eschenz, drei Bahnminuten östlich von Stein am Rhein. Finder war ein Arbeiter, der bei der Erweiterung des dortigen Bahnhofs tätig war. «Gold – etwas Wertvolles», hat er vermutlich gedacht und steckte den Becher heimlich ein. Später verplapperte er sich, und der Vorarbeiter forderte ihn auf, den Becher abzugeben. Der Arbeiter machte das, gab allerdings nicht das Original ab, sondern eine Kopie aus Messing, die er hatte anfertigen lassen. Wo, wissen wir nicht, genauso wenig wie wir den Namen des Arbeiters wissen.
Bauarbeiten am Bahnhof Eschenz (Bild: pd/Amt für Denkmalpflege Thurgau)
Zur Messingkopie wissen wir mehr: Sie gelangte 1907 ins Landesmuseum Zürich, begleitet von einem Brief des Vorarbeiters. Dort realisierte man sofort: «Da stimmt etwas nicht.» So kam der Messingbecher in einer Schublade mit «Zweifelhaftem» – damals noch im wissenschaftlichen Fachjargon mit dem lateinischen «Dubiosa» angeschrieben.
Das Original tauchte erst 1974 wieder auf, in einem Zusammenhang, der aus einem Roman stammen könnte: Otto Schirmer (1909-1990), Landarzt in Eschenz, meldete sich im Archäologischen Museum in Frauenfeld. Er habe von seinem Vater, ebenfalls Landarzt in Eschenz, ein Erbstück, das er dem Museum schenken wolle: einen alten Goldbecher. Geld verlange er keines dafür. Eine Bedingung hätte er aber: ein Nachtessen mit dem gesamten Thurgauer Regierungsrat im Staatskeller in Frauenfeld. Wer würde da Nein sagen? So kam es zu diesem kuriosen Nachtessen: Fleischkäse und Kartoffelsalat, dazu ein Arenenberger, den Schirmer aus dem Goldbecher trank. Als Nachtisch gab es Kaffee und Basler Leckerli.
Verwendungszweck unbekannt
Der Goldbecher von Eschenz ist nicht nur archäologisch ein Topobjekt, nämlich eines der ältesten Goldgefässe der Welt. Er hat auch eine attraktive Geschichte. Wirklich glücklich sind die Archäolog:innen trotzdem nicht mit ihm. Details weiss man nämlich fast keine. Der Fundkontext, die Bauarbeiten beim Bahnhof Eschenz, wurden 1906 nicht dokumentiert, und die Knochen, die neben ihm lagen, wurden nicht aufbewahrt. Damit fehlt entscheidendes Material für die Datierung und Einordnung des Bechers.
Unbekannt ist auch der damalige Verwendungszweck: War der Goldbecher eine Grabbeigabe? Diente er als rituelles Trinkgefäss? Oder war er eine Opfergabe? Alle drei Möglichkeiten sind denkbar. Ein bisschen Klarheit brachten immerhin kunsthistorische Vergleiche mit einem archäologischen Fund in Pfyn vor fünf Jahren. So dürfte der Goldbecher von Eschenz etwa 4400 Jahre alt sein. Damit gehört er in die Zeit irgendwo zwischen dem Ende der Jungsteinzeit und dem Beginn der Bronzezeit. Aber eben: Mehr weiss man nicht.
Geissenkot und Töpfereien
Urs Leuzinger, umtriebiger Veteran der Thurgauer Kantonsarchäologie, nimmts mit Gelassenheit und Ironie. Dem Geissenkot der Pfahlbauersiedlung in Pfyn würden sich dank der materiellen Aussagekraft mehr Informationen entlocken lassen, meint er im Gespräch mit Saiten. Dafür entschädigte Eschenz die Archäolog:innen im Jahr 2000 mit einem weiteren Fund aus einem ganz anderen Lebensbereich: In Untereschenz entdeckte man drei gut erhaltene römische Brennöfen für Geschirr, dazu kamen zahlreiche Abfallgruben mit «Ausschussware».
Gefässe aus einer ganz anderen Liga von Objekten, und auf ihre Art nicht weniger spektakulär als der Goldbecher. Ohne den Goldbecher hätte das Leben in der damaligen Ostschweiz trotzdem funktioniert, ohne die Gebrauchskeramik kaum. Datiert sind diese Töpfereien ins späte erste Jahrhundert.
Eine ganz andere Wert-Frage stellt das Archäologische Museum seinen Besucher:innen derweil am Empfang: Hier gibts eine Umfrage zum Thema «Museumseintritt». Der ist im Museum für Natur und Archäologie für Einzelpersonen nämlich kostenlos, genau wie der ins benachbarte Historische Museum. Jetzt machen sich die Behörden aber Gedanken, ob das so bleiben soll – schliesslich müsse der Kanton sparen. Die Umfrage soll Anhaltspunkte dafür liefern, wie die Frage zu regeln ist. Was ist dem Kanton wichtiger, ein offenes Museum für alle oder Mehreinnahmen, die sicher überschaubar sein dürften? Und wie viel wert ist einem das Museum als Besucher:in?
«Der Goldbecher im neuen Glanz»: dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr sowie samstags bis sonntags von 13 bis 17 Uhr, Museum für Archäologie, Frauenfeld.
Sonderführung im neu gestalteten Goldbecher-Raum, Donnerstag, 19. März, 17.30 bis 18.30 Uhr, Museum für Archäologie, Frauenfeld.
Der Goldbecher im neugestalteten Raum (Bild: pd/Amt für Archäologie Thurgau)