2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Toiletten. Dass Hygiene auf dem Stillen Örtchen auch in der Ostschweiz einst keine Selbstverständlichkeit war, hat der Thurgauer Archäologe Urs Leuzinger erforscht.
„Vom Busch bis zum Dusch-WC“ spannte Urs Leuzinger den Bogen im Museum für Archäologie Thurgau in Frauenfeld. Dass der Vortrag mit dem Welt-Toiletten-Tag der UNO zusammenfiel, war Zufall. Dessen tagespolitische Dringlichkeit kam aber trotzdem zu Ausdruck – die Vergangenheit des Klos hat es hierzulande aber auch in sich.
Pfahlbauer kannten keinen Umweltschutz
Erste Hinweise gibt es aus der Jungsteinzeit. Zur Einstimmung zeigte der Thurgauer Archäologe Albert Ankers Gemälde „Die Pfahlbauerin“ von 1873. Der Teint der jungen Frau mit ihrem Kind im Schoss ist rosig, kein Mückenstich, kein Dreckfleck auf dem Gewand und eine Frisur, als käme die Pfahlbauerin frisch vom Coiffeur. Diese Idyllik sei natürlich Fantasie des Malers, meinte Leuzinger – obwohl schon vor 5000 Jahren die jungsteinzeitlichen Siedler ihre Körper pflegten. Das bewiesen Funde von Rütchenkämmen in Arbon.
Aus Nahrungsresten liess sich ein Fischeintopfgericht mit Froschschenkeln rekonstruieren, das mit einer Weissen Trüffel abgeschmeckt worden ist: jungsteinzeitliche Haute-cuisine. Das Drumherum hingegen war unappetitlicher, wie organisches Material aus der Grabung Arbon-Bleiche 3 zeigt. Die „Kulturschicht“ – das archäologisch hochinteressante Abfalldurcheinander im luftsauerstoffversiegelten, wassergesättigten Bodensee-Sediment – zeigt, wie sorglos die Pfahlbauer punkto Umwelt waren. So förderte die Arboner Grabung ein Hundeskelett zu Tage, das als Kadaver einfach so vor der Haustüre liegen geblieben war. Im Dünnschliff unter dem Mikroskop erweist sich auch der Mist als fast zu 100 Prozent mit Fäkalien durchsetzt. Darin sind zahlreiche Eier von Darmparasiten abgelagert. Die Pfahlbauer wussten also, was Bauchschmerzen und Dünnpfiff sind.
Spülklosett Römer Art
Mit dem Einzug der Römer in die Ostschweiz machte die Hygiene einen Quantensprung: die wassergespülte Latrine war geboren. In Tasgetium (Eschenz TG) wurde eine solche Einrichtung aus Eiche ausgegraben (Bild oben). Ein hölzerner Kasten mit einem Lochbrett, der mit Wasser aus einem Kanal gespült wurde: Modell 77 nach Christus, wie die nähere Untersuchung ergab. Vespasian war damals Kaiser in Rom. Die notorisch leeren Staatskassen versuchte er mit einer Steuer auf öffentliche Toiletten zu füllen. Die Römer hielten wenig vom Stillen Örtchen; ungehemmt sass man miteinander auf dem antiken Lokus, liess die Geschäfte in die Kanalisation plumpsen, und jene anderen, die dem Erwerb dienten, wurden dabei business as usual erledigt. Gereinigt hat man sich mit einem Schwämmchen, das in einem Wasserkübel ausgedrückt wurde.
Im Mittelalter waren es vor allem die Klöster, die versuchten, den antiken Standard aufrecht zu erhalten. Auf den Dörfern wie in den Städten habe es diesbezüglich aber einen Kulturrückschritt gegeben, sagte Leuzinger. Entweder seien Nachthäfen gefüllt worden oder man suchte eine enge Gasse auf. Latrinenschächte in den Hinterhöfen von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Liegenschaften wurden regelmässig geleert und die Fäkalien als Dünger auf den Feldern verteilt. Ganz gefahrlos war das Klo-Wesen nicht: Im Kloster Rapperswil hat sich laut Leuzinger am 10. November anno 1561 ein tragischer Unfall ereignet. Eine zeitgenössische Zeichnung zeigt, wie ein Mönch auf dem Gang zur Latrine die Treppe hinunter stürzt und sich dabei das Genick bricht. Die Darstellung dokumentiert auch den Behälter mit Heu oder Stroh, mit dem sich der Verunfallte wohl den Hintern gesäubert hätte, hätte er überlebt.
Etwas desillusionierend war die Freilegung des Fäkalienstollens auf Schloss Arenenberg, wo Königin Hortense mit ihrem Sohn, dem späteren Franzosenkaiser Napoleon III. lebte. Was bei der Sanierung des Schlossparks 2004 zuerst für eine griechische Nymphengrotte gehalten worden war, entpuppte sich als Entsorgungsschacht der Schlosstoilette. Damit der kaiserliche Geruch gedämmt werden konnte, wurde eine stark duftende Zypresse vor das Entlüftungsloch gepflanzt.
2 Milliarden Menschen ohne Toilette
Im 20. Jahrhundert setzt laut Leuzinger ein eigentlicher Entwicklungsschub ein. Der Schweizer Toilettenbauer Emil Gebert konstruiert 1905 den ersten Toilettenspülkasten. In den 1950er Jahren folgen Aufputzspülkästen aus Kunststoff. 1957 wird in der Schweiz das Dusch-WC, der Closomat erfunden. Heute wirbt Geberit mit der Komplettanlage Geberit AquaClean 8000. Laut Prospekt reinigt deren „oszillierende Dusche mit einem satt-weichen, körperwarmen Duschstrahl“. – Zwischen dem neusten technischen Stand der Hygiene und der Realität liegen Welten, wenn man bedenkt, dass über zwei Milliarden Menschen bis heute keinen Zugang zu einer Toilette haben und dass durch das Fehlen rund 200 000 Kinder jährlich sterben.
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