, 13. März 2020
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Der Vorhang fällt

Schluss mit Kultur: Der Bundesrat verbietet Veranstaltungen über 100 Personen schweizweit. Die Theater St.Gallen und Konstanz, der Circus Knie und zahllose andere sagen ihre Vorstellungen ab sofort bis Ende April ab. Auch das Wortlaut-Festival findet nicht statt. Grabenhalle, Palace, Bierhof und Kinok müssen umdisponieren.

Szene aus «Geschichten aus dem Wiener Wald», Mai 2018 am Theater St.Gallen.

Der Bundesrat hat nicht nur die Schliessung von Schulen und strenge Einreisebeschränkungen insbesondere aus Italien eingeführt (mehr dazu in der Medienmitteilung des Bundesrats), sondern auch das Regime für Veranstaltungen verlängert und weiter verschärft. Das heisst:

Öffentliche oder private Veranstaltungen mit 100 oder mehr Personen sind verboten, in Clubs, Bars und Restaurants sollen nicht mehr als 50 Personen verkehren – Personal inbegriffen.

Die Kantone können Ausnahmen gewähren, wenn ein überwiegendes öffentliches Interesse besteht, etwa für Generalversammlungen. In diesem Fall müssen verschiedene Massnahmen zum Schutz der Anwesenden ergriffen werden, insbesondere von besonders gefährdeten Personen. Veranstaltungen bis zu 100 Teilnehmende müssen dieselben Schutzmassnahmen vorsehen. Damit ist eine einheitliche Praxis in den Kantonen sichergestellt. Diese Massnahme gilt auch für Freizeitbetriebe wie Museen, Sportzentren, Schwimmbäder oder Skigebiete.

Die Folgen sind einschneidend – auch in der Ostschweiz.

Das Theater St.Gallen schliesst bis Ende April. «Wir nehmen die angeordneten Vorgaben mit grossem Bedauern, gleichzeitig aber mit vollem Verständnis zur Kenntnis und werden den Vorstellungsbetrieb im Theater, in der Lokremise und in der Tonhalle einstellen», heisst es in einer Medienmitteilung. «Konkret heisst das, dass ab sofort bis zum 30. April 2020 sämtliche Theatervorstellungen und Konzerte ausfallen. Bereits gebuchte Karten können umgetauscht oder gebührenfrei zurückgegeben werden.» Weitere Informationen dazu gibt es auf theatersg.ch.

Mediensprecher Beda Hanimann ergänzt: Wie es nach Ende April weitergeht, könne im Moment noch nicht gesagt werden. «Den Plan für ein Szenario, wie es nun eingetreten ist, kann man nicht einfach aus der Schublade herausziehen. Ebenso wenig kann man mit Erfahrungswerten operieren; es dürfte kaum einen Theaterschaffenden geben, der so etwas schon einmal erlebt hat.»

Der Circus Knie hat alle Vorstellungen bis Ende April ebenfalls abgesagt, gemäss der Vorschrift des Bundesrats. Die Tickets werden rückvergütet.

Abgesagt ist auch das Wortlaut Literaturfestival St.Gallen vom 26. bis 29. März. Rebecca C.Schnyder, Programmleiterin des Festivals, teilte dies «mit grossem Bedauern» mit. «Manchmal ist die richtige Entscheidung auch die schwierigste. Wir sehen uns nicht in der Lage die unterschiedlichen Risiken zu tragen und Herausforderungen zu stemmen, weder finanziell, gesundheitlich noch organisatorisch. Wir sind bestrebt, allen beteiligten und betroffenen Künstlerinnen und Künstlern, Moderatorinnen und Moderatoren, Fotografinnen und Fotografen wenigstens eine Entschädigung für den Gagenausfall anzubieten, und sind hierüber mit den Kulturförderstellen im Gespräch.»

Abgesagt: Das gilt auch für die Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde, die am 2. und 3. Mai hätte stattfinden sollen.

Das Theater Konstanz schliesst ebenfalls. Man habe «unter Berücksichtigung aller Empfehlungen der Gesundheitsämter und des Robert-Koch-Instituts überlegt, die Besucherzahlen der einzelnen Vorstellungen zu reduzieren, um einen Sicherheitsabstand zu wahren und um gleichzeitig den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten», heisst es in der Medienmitteilung. «Ab sofort werden jedoch alle drei Spielstätten des Theaters – Stadttheater, Spiegelhalle und Werkstatt – von der Stadt Konstanz geschlossen. Alle Vorstellungen müssen abgesagt und der Spielbetrieb eingestellt werden. Das Theater Konstanz wird voraussichtlich bis einschliesslich 19. April geschlossen bleiben.»

Das Theater bedauert die Schliessung ausserordentlich, heisst es in der Meidenmitteilung – «ist doch das Theater ein Ort des Austauschs und der Inspiration, sowie des Zuspruchs in schweren Zeiten.»

Heute hat auch das Vorarlberg Museum Bregenz die komplette Schliessung «bis auf Weiteres» bekanntgegeben.

Rubel Vetsch, Veranstalter und Promoter (8 days a week), sagt: «Bei mir hagelt es seit Tagen nur noch von abgesagten Veranstaltungen. Waren es vor ein bis zwei Wochen noch grössere und grosse Veranstaltungen, kamen die letzten Tage auch Kleinstveranstaltungen dazu.»

Trotz Ungewissheit über das Wie-weiter: Ein positiver Aspekt sei, dass vielen erst jetzt bewusst werde, was alles an Berufen und Tätigkeiten an Kulturanlässen dran hänge, sagt Vetsch. «Plötzlich wird darüber geredet, was es heisst, keine Konzerte, keine Lesungen, keine Theater auf dem Land und in der Stadt besuchen zu können. Plötzlich wird davon geredet, dass der Bäcker, der Caterer, das Reinigungspersonal, der Elektriker deswegen kein oder ein massiv geringeres Einkommen hätte.» Es sei zu hoffen, dass diese Einsicht über die Coronakrise hinaus anhalte.

Palace, Grabenhalle, Bierhof und Kinok müssen umdisponieren

Auch die Partyszene müsse jetzt verstehen, dass sie im Moment etwas anderes tun muss als Party zu machen, sagte Bundesrat Berset an der heutigen Pressekonferenz. Was auch immer das heisst. Gemeint sind wohl Kulturbetriebe abseits des Mainstreams.

Die Grabenhalle hat grosses Verständnis für die beschlossenen Massnahmen und will nun ebenfalls ihren Teil dazu beitragen, wie Matthias Fässler von der Betriebsgruppe auf Anfrage sagt. «Die Massnahmen des Bundes sind wichtig. Wir zeigen uns selbstverständlich solidarisch, um ältere Menschen und andere Risikogruppen vor einer Ansteckung zu schützen.»

Alle Veranstaltungen sind vorläufig abgesagt, um etwas Zeit zu gewinnen. Nächste Woche entscheidet die Betriebsgruppe, wie es weitergeht und ob sie allenfalls die Halle öffnen will für kleine Veranstaltungen mit unter 50 Leuten – «weil die Halle auch ein sozialer Treffpunkt ist», wie Fässler betont, «diese Ebene dürfen wir nicht vergessen». Der finanzielle Schaden sei noch nicht abzuschätzen. «Es wird uns sicher treffen, aber wir finden hoffentlich einen Weg, um die Ausfälle abzufedern.»

Ähnlich beim Palace: Die geplanten Veranstaltungen bis Ende April können nicht wie geplant durchgeführt werden, sagt Fabian Mösch, Co-Programmverantwortlicher. «Wir werden versuchen, alle Konzerte in den Herbst zu verschieben – Partys und Erfreuliche Universitäten werden abgesagt. Was das genau für die Gültigkeit von Tickets oder eine allfällige Rückgabe bedeutet, werden wir schnellstmöglich rausfinden und kommunizieren.» Die Massnahmen des Bundes haben aber nicht nur Auswirkungen auf das Programm, sondern auch auf die freien Mitarbeitenden im Palace, darum versucht das Palace, allfällige Ausfälle zu überbrücken – «in welcher Form auch immer».

Sicher ist: Dieses Wochenende bleibt das Palace zu. Aber man überlegt sich Alternativen, damit das soziale Leben nicht komplett stillsteht, wie Mösch sagt. «Das Leben in den kommenden sechs Wochen kann ja nicht nur aus Netflix und Hamsterkäufen bestehen.»

Welche finanziellen Auswirkungen das für den Betrieb, die Mitarbeitenden, selbstständigen Technikerinnen und Kulturschaffenden hat, probiere man im Moment abzuschätzen. «Wir versuchen, die bestmöglichen Lösungen für alle Beteiligten zu finden, stehen jedoch vor einem finanziellen Loch. Das Palace steht nicht vor einem totalen Zusammenbruch und wir hoffen auf schnelle Gesundheit.»

Auch das St.Galler Fanlokal Bierhof hat Massnahemen ergriffen. Im Rahmen einer kurzfristig anberaumten Sitzung habe man diverse Sofortmassnahmen ergriffen, um den Anordnungen des Bundes Folge zu leisten, sagt Curdin Capol vom Betriebskollektiv. «Zudem sind wir aktuell daran, ergänzend zu den obligatorischen Massnahmen, beispielsweise unser Getränkeangebot anzupassen. So werden beispielsweise einzelne Mischgetränke nicht mehr angeboten und unser Sortiment an Flaschengetränken wird aus hygienetechnischen Überlegungen erweitert.»

Die getroffenen Massnahmen des Bundes haben den Bierhof gezwungen, Anlässe wie etwa die regelmässige Veranstaltungsreihe «Stadion trifft Stadt» bis auf weiteres zu pausieren. Für geplante Anlässe wie die Buch-Lesung mit den «Wochenendrebellen» sowie Konzerte und Fremdveranstaltungen ist das Kollektiv aktuell auf der Suche nach Ersatzdaten.

«Aufgrund der zahlreichen wegfallenden Veranstaltungen und des pausierten Spielbetriebs im nationalen und internationalen Fussball rechnen wir mit einem erheblichen finanziellen Schaden», sagt Capol. «Dank der ehrenamtlichen Arbeit unserer zahlreichen Helferinnen und Helfer können wir den regulären Barbetrieb jedoch bis auf Weiteres sicherstellen. Wir möchten mit den getroffenen Massnahmen den Bierhof für unsere Gäste soweit sinnvoll und angebracht normal geöffnet lassen und so ein kleines Stück Normalität in dieser turbulenten Zeit aufrechterhalten.»

Auch das Kinok in der Lokremise kann seinen Betrieb vorläufig noch aufrechterhalten. Feuerpolizeilich sei der Saal für 100 Personen abgenommen, erklärt Kinok-Chefin Sandra Meier. «Ab sofort werden wir aber jeden zweiten Platz freihalten, wie es auch in anderen Städten praktiziert wird.» Noch unklar ist, wie das April-Programm im Kinok aussehen wird. Die Premiere von Undine in Deutschland etwa sei soeben verschoben worden, darum wisse man noch nicht, ob die Schweizer Premiere am geplanten Datum stattfinden könne.

«Klar gibt es grosse finanzielle Einbussen, nicht nur für uns, sondern auch für die Filmschaffenden und die Verleiher», sagt Meier. «Leid tut es uns auch um die Filme, gerade auch um den Film Paths Of Life des Ostschweizer Regisseurs Thomas Lüchinger, der in der aktuellen Situation viel weniger Besucher habt.»

Die Forderungen der Branche

Der Bundesrat hat heute auch Stellung zur kritischen Situation der Kulturbranche genommen. «Für den Kulturbereich will der Bundesrat wie für den Sport zusätzliche Mittel bereitstellen», heisst es in der Mitteilung. «Das EDI erarbeitet im dringlichen Verfahren eine befristete Gesetzesvorlage für zusätzliche wirtschaftliche Massnahmen, die ergänzend zu anderen Instrumenten zur Abfederung von Härtefällen im Kulturbereich eingesetzt werden können. Damit will der Bundesrat verhindern, dass wiederkehrende kulturelle Anlässe in ihrer Existenz bedroht sind, und insbesondere selbständig erwerbende sowie freischaffende Kulturschaffende in Notsituationen unterstützen. Im Rahmen der Erarbeitung des Gesetzes soll auch geprüft werden, wie die Kantone alsZuständige für den Kulturbereich in die Finanzierung einbezogen werden können.»

Bereits am Donnerstag hatten sich Vertreterinnen der Branche mit dem Bundesamt für Kultur und der Stiftung Pro Helvetia getroffen. Im Nachgang äusserte sich der Dachverband Suisseculture «erfreut über den konstruktiven Austausch» und legte eine Reihe von Forderungen nach mit dem Ziel, «die vielfältige Schweizer Kulturlandschaft sowie ihre Orte, Veranstalter und Arbeitsplätze zu erhalten».

Dazu zählen temporäre Lösungen für die Arbeitslosenversicherung für Selbständigerwerbende und alle, bei denen die Kurzarbeit jetzt nicht greifen würde (z.B. Einzelunternehmer, Freischaffende, Geschäftsleitungen, Inhaber sowie Teilhaber). Weiter soll es Kompensationen für ausgefallene Veranstaltungen geben, eine Notfallkasse für Kulturschaffende und Betriebe, und die Fördergelder der Öffentlichen Hand müssten weiterfliessen, ebenso jene privater Stiftungen.

Die letzten zwei Wochen hätten erneut gezeigt, wie viele Arbeitnehmende im Kultur- und Veranstaltungsbereich in prekären und unterversicherten Arbeitsverhältnissen tätig seien. Der Anteil der Selbständigerwerbenden, Freischaffenden und Einzelunternehmern, die weder vom Instrument der Kurzarbeit erfasst werden können noch durch die Arbeitslosenversicherung abgesichert sind, sei ungleich höher als in den meisten anderen Branchen.

«Hier müssen kurzfristige Massnahmen getroffen werden, um eine nachhaltige Schädigung der Branche zu verhindern. Gleichzeitig müssen die Lehren aus den aktuellen Ereignissen gezogen werden, um mittelfristig notwendige Änderungen insbesondere im Bereich der Sozialversicherungen anzugehen», schreibt Suisseculture.

Kulturamt verspricht Kulanz

Katrin Meier, Leiterin des Amts für Kultur, bestätigt auf Anfrage, dass sehr viele Fragen ans Amt gerichtet würden und die Verunsicherung gross sei. St.Gallen sei im Kontakt mit den anderen Kantonen und den Branchenverbänden daran, eine Lösung zu finden, die kulant und unbürokratisch sein soll. Fördergelder und Projektbeiträge sollten wenn möglich gewährleistet werden, auch wenn Programme und Projekte nicht wie vorgesehen durchgeführt werden können.

Entscheide dazu seien aber noch nicht gefallen – entscheiden werde die Regierung im Rahmen ihrer Entschädigungslösungen für Sport, Tourismus, Kultur und andere betroffene Bereiche der Wirtschaft.

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