Die Sache mit dem neuen Virus ist eine mittlere Katastrophe, klar. Gerade auch volkswirtschaftlich. «Die Wirtschaft» wird massiv länger brauchen, um sich davon zu erholen als unsere Körper. Unzählige Branchen sind betroffen, teilweise existenziell. Anders die Medien, die natürlich von der Situation profitieren und dankbar auf der Viruswelle reiten. Aber das ist eine andere Geschichte.
Bei allem verständlichen Frustpotenzial dieser Tage – es gibt auch ein paar willkommene Seiten an dieser «besonderen Lage». Beginnen wir mit dem Naheliegenden: mehr freie Abende, sprich mehr Zeit für uns! In normalen Zeiten seckeln wir von einem Anlass zum nächsten; von der Chorprobe zum Geschäftsessen, vom Judotraining zur Vernissage, vom Familientürk zur Fraktionssitzung, vom Russischkurs ans nächste Konzert.
Jetzt nicht mehr. All die Absagen und Vorsichtsmassnahmen bringen eine ganz neue Qualität in unsere Freizeit. Wir müssen keine Ausreden mehr erfinden, wenn wir einfach keinen Bock haben auf das grosse Geburtstagsfest dieser entfernten Bekannten, müssen uns nicht mehr schämen, dass Netflix der bessere Lover ist, müssen nicht mehr französisch duschen, weil die Zeit zwischen Arbeit und Jass-Runde zu knapp war.
Stattdessen könnten wir jetzt all die Bücher lesen, die seit Monaten nur fürs Image auf unseren Nachttischen liegen. Wir könnten endlich einmal die Fenster putzen, die Socken sortieren, den Lotussitz üben oder einen Liebesbrief schreiben. Jetzt hätten wir die Zeit für uns, die wir in normalen Zeiten manchmal so schmerzlich vermissen. Wir könnten ernsthaft Selbstfürsorge betreiben. Geniessen wir also diese Abende ohne Verpflichtung, das Leben wird noch schnell genug wieder stressig und überladen.
Zweitens der öV. So viel Platz hatten wir noch selten ohne Klassenwechsel. Darüber freuen sich nicht nur Menschen mit misanthropischen oder neurotischen Tendenzen. Und da der Bund empfiehlt, nicht mehr zu Stosszeiten zu pendeln, können wir auch getrost ein paar Stunden zu spät einstempeln.
Oder gar nicht – womit wir bei Punkt drei sind: Schwänzen, Krankfeiern, Blaumachen! Warum auch nicht, schliesslich haben wir alle mal einen schlechten Tag oder einfach nur einen Kater. In normalen Zeiten hindert uns das nicht daran, trotzdem zur Arbeit zu gehen, aus Pflichtgefühl oder aus Angst um den Job.
Grundsätzlich ist auch nichts auszusetzen an diesem protestantischen Arbeitsethos, aber hey: Nicht zuletzt auf diesem fusst die ausbeuterische Lohnarbeit. Das schlechte Gewissen sollten die Chefs haben und nicht wir, wenn wir uns mal zwei Tage abmelden, obwohl wir in Wahrheit gar keinen Pfnüsel haben.
Tocotronic, die Alleswisser, wussten das schon 2007:
Ganz so einfach ist es aber natürlich nicht mit dem Blaumachen und Abkapseln, denn auch das Virus kreiert eine Art Zweiklassengesellschaft: Hier wir «Privilegierten», die es nicht so dringend braucht, da die Heldinnen und Helden im Gesundheitswesen, die es momentan ganz dringend braucht.
Sie alle leisten jeden Tag grossartige Arbeit. Hoffentlich bekommen sie jetzt endlich die Anerkennung, die sie verdient haben. Genug Zeit, um ihnen zu applaudieren haben wir ja jetzt.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.