Feminismus in Blau-Rosa

Freundlich wütend schreibt Anna Rosenwasser in ihrem Buch gegen Ungleichverhältnisse an. Und zeigt, wie sich gesellschaftliche Diskurse in persönliche Erfahrungen einschreiben. 

Die Autorin Anna Rosenwasser (Bild: Lea Reutimann)

Zu­ge­ge­ben, rich­tig neu ist das im April des Jah­res er­schie­ne­ne Buch von An­na Ro­sen­was­ser schon nicht mehr. Aber: Als Ein­stim­mung auf die Pri­de, die am 30. Au­gust statt­fin­det, liest die SP-Na­tio­nal­rä­tin, Au­torin und Ak­ti­vis­tin am 19. Au­gust in St.Gal­len aus be­sag­tem Buch – und das neh­men wir als An­lass, es zu be­spre­chen. Nicht weil wir müs­sen, son­dern weils halt eben rich­tig gut ist fürs Herz. 

Der Buch­um­schlag ist ro­sa, leicht po­rös, so­dass man beim An­fas­sen so­fort denkt «oh schön». In dun­kel­blau­er Schrift herz­för­mig ar­ran­giert der Ti­tel: Herz. Fe­mi­nis­ti­sche Stra­te­gien und que­e­re Hoff­nung. Das blau-ro­sa Farb­sche­ma zieht sich durchs ge­sam­te Buch, die et­was mehr als 200 Sei­ten sind mit blau­en Buch­sta­ben ge­füllt, her­vor­ge­ho­be­ne Pas­sa­gen in zart­ro­sa. Ge­glie­dert in the­ma­ti­sche Ka­pi­tel geht es um Se­xua­li­tät, Ge­walt und «s häs­sig sein», aber auch dar­um Raum ein­zu­neh­men und – trotz oder ge­ra­de we­gen al­lem – Hoff­nung zu ha­ben.

Nett ge­meint ist manch­mal pro­ble­ma­tisch

Für je­des Ka­pi­tel des Bu­ches nimmt An­na Ro­sen­was­sers ih­re ei­ge­ne Le­bens­welt als que­e­re Frau, Na­tio­nal­rä­tin und Au­torin als Aus­gangs­la­ge und macht so sicht­bar, wie tief ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren in per­sön­li­che Er­fah­run­gen ein­ge­schrie­ben sind. Da­mit folgt sie der que­er-fe­mi­nis­ti­schen The­se, dass das Pri­va­te doch po­li­tisch ist. 

Mehr zum Buch

An­na Ro­sen­was­ser, 1990, ist Au­torin, Na­tio­nal­rä­tin und Ak­ti­vis­tin. Beim Rot­punkt­ver­lag pu­bli­zier­te sie in Zu­sam­men­ar­beit mit Sai­ten 2023 das Ro­sa Buch, im Jahr 2025 er­schien mit Herz ihr zwei­tes Buch. Heu­te lebt sie in Zü­rich und sen­si­bi­li­siert zu quee­ren und po­li­ti­schen The­men.
 

An­na Ro­sen­was­ser: Herz. Fe­mi­nis­ti­sche Stra­te­gien und que­e­re Hoff­nung. Rot­punkt­ver­lag, Zü­rich 2025.

Es sind all­täg­li­che Er­leb­nis­se, von de­nen Ro­sen­was­ser aus der Ich-Per­spek­ti­ve er­zählt. Et­wa als ihr Gro­si auf ei­ner ge­mein­sa­men Zug­rei­se zum Ou­ting des Schwin­gers Cur­din Or­lik mein­te: «(…) das soll­te doch kei­ne Rol­le spie­len! Der muss sich doch nicht so öf­fent­lich outen!» Das Stich­wort da­bei ist «soll­te», denn es spielt näm­lich doch ei­ne Rol­le. 

In ei­ner leicht zu­gäng­li­chen Spra­che ver­mit­telt die Au­torin, was sol­che Äus­se­run­gen aus­blen­den: Näm­lich, dass die Ge­sell­schaft im Jahr 2025 nach wie vor he­te­ro­nor­ma­tiv und cis­ge­schlecht­lich ge­prägt ist. Und weil die­se Norm exis­tiert, ist das «nicht outen müs­sen» wei­ter­hin nur für Men­schen «selbst­ver­ständ­lich», die die­ser Norm ent­spre­chen. Zu­dem ist se­xu­el­le Ori­en­tie­rung und Ge­schlechts­iden­ti­tät auch heu­te noch mit Vor­ur­tei­len und struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung ver­bun­den. 

Freund­li­che Wut

Nach dem im­mer­glei­chen Mus­ter lei­tet Ro­sen­was­ser aus au­to­bio­gra­fi­schen An­ek­do­ten ei­ne que­er-fe­mi­nis­ti­sche Ge­sell­schafts­ana­ly­se ab. Die Ich-Per­spek­ti­ve macht die Ana­ly­se per­sön­lich und vor al­lem nah­bar. Ver­stärkt wird die­ser Ein­druck durch die Gleich­zei­tig­keit von «lie­be­voll und häs­sig» in der Ar­gu­men­ta­ti­on. Ge­nau für die­ses Lie­be­vol­le im Häs­si­gen, schreibt die Au­torin, wer­de sie oft ge­lobt. Denn sie sei nicht so «(…) wie die­se an­de­re Po­li­ti­ke­rin, die im­mer so wü­tend ist.» 

Da­von aus­ge­hend schlägt Ro­sen­was­ser den Bo­gen zum ge­sell­schaft­li­chen Um­gang mit weib­li­cher Wut: Die­se wird im pri­va­ten und öf­fent­li­chen Raum oft ab­ge­wer­tet oder sank­tio­niert, weil sie nicht der Norm ent­spricht. Dass «Fe­mi­nis­tin», als ver­meint­li­cher In­be­griff der wü­ten­den Frau, in man­chen Krei­sen ein Schimpf­wort ist, zeigt die Wirk­mäch­tig­keit des Nar­ra­tivs. 

Die­se Ab­wer­tung zeigt sich dann auch in der weib­li­chen So­zia­li­sa­ti­on: Die meis­ten Frau­en ler­nen früh, dass ih­re Wut un­er­wünscht ist. Auch Ro­sen­was­ser hat das ge­lernt und führt es auf ih­re So­zia­li­sa­ti­on zu­rück, dass sie freund­lich wü­tend ist. 

Hoff­nung und Herz

Doch in Herz geht es nicht nur dar­um, ver­ständ­lich und hu­mor­voll wü­tend zu sein. Be­son­ders in den letz­ten bei­den Ka­pi­teln wird das Buch zu ei­ner que­er-fe­mi­nis­ti­schen Rat­ge­be­rin, al­ler­dings oh­ne Zehn­punk­te­plan. Es­say­is­tisch zeigt Ro­sen­was­ser im Ka­pi­tel Raum ein­neh­men auf, dass das Recht Raum ein­zu­neh­men kein Pri­vi­leg der Mehr­heits­ge­sell­schaft sein darf. Um sich die­sen Raum an­zu­eig­nen, müs­se man ver­ste­hen, wel­che Struk­tu­ren dies ver­hin­dern oder er­leich­tern, und Stra­te­gien ent­wi­ckeln, die nicht den alt­be­kann­ten, männ­lich kon­no­tier­ten Mus­tern fol­gen – al­so nicht au­to­ri­tär, ex­klu­die­rend und em­pa­thie­los sind.

«Trotz­dem Raum ein­zu­neh­men», so die Au­torin, «fühlt sich an wie ei­ne fe­mi­nis­ti­sche Ra­che.» Im phi­lo­so­phisch an­ge­hauch­ten Schluss­ka­pi­tel Hof­fen ist ein Verb plä­diert Ro­sen­was­ser für ein neu­es, nicht bi­nä­res Prin­zip Hoff­nung: Man ha­be nicht Hoff­nung oder nicht, denn Hoff­nung sei «nie ein Zu­stand, son­dern im­mer ein Verb» und wer­de so zu ei­ner Hal­tung, die Wi­der­stand und Ver­än­de­rung erst mög­lich macht.

Und Hoff­nung ist es auch, was An­na Ro­sen­was­sers Buch ver­mit­telt – mit «so viel Wut wie nö­tig und so viel Lie­be wie mög­lich», wie es schon der Ein­band ver­spricht. Vor al­lem aber mit ganz viel Herz. 

Le­sung mit der Au­torin, 19. Au­gust, 20 Uhr, Of­fe­ne Kir­che St.Gal­len. Or­ga­ni­siert vom Ver­ein Pri­de St.Gal­len.
sai­ten.ch/ka­len­der

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