Zugegeben, richtig neu ist das im April des Jahres erschienene Buch von Anna Rosenwasser schon nicht mehr. Aber: Als Einstimmung auf die Pride, die am 30. August stattfindet, liest die SP-Nationalrätin, Autorin und Aktivistin am 19. August in St.Gallen aus besagtem Buch – und das nehmen wir als Anlass, es zu besprechen. Nicht weil wir müssen, sondern weils halt eben richtig gut ist fürs Herz.
Der Buchumschlag ist rosa, leicht porös, sodass man beim Anfassen sofort denkt «oh schön». In dunkelblauer Schrift herzförmig arrangiert der Titel: Herz. Feministische Strategien und queere Hoffnung. Das blau-rosa Farbschema zieht sich durchs gesamte Buch, die etwas mehr als 200 Seiten sind mit blauen Buchstaben gefüllt, hervorgehobene Passagen in zartrosa. Gegliedert in thematische Kapitel geht es um Sexualität, Gewalt und «s hässig sein», aber auch darum Raum einzunehmen und – trotz oder gerade wegen allem – Hoffnung zu haben.
Nett gemeint ist manchmal problematisch
Für jedes Kapitel des Buches nimmt Anna Rosenwassers ihre eigene Lebenswelt als queere Frau, Nationalrätin und Autorin als Ausgangslage und macht so sichtbar, wie tief gesellschaftliche Strukturen in persönliche Erfahrungen eingeschrieben sind. Damit folgt sie der queer-feministischen These, dass das Private doch politisch ist.
Es sind alltägliche Erlebnisse, von denen Rosenwasser aus der Ich-Perspektive erzählt. Etwa als ihr Grosi auf einer gemeinsamen Zugreise zum Outing des Schwingers Curdin Orlik meinte: «(…) das sollte doch keine Rolle spielen! Der muss sich doch nicht so öffentlich outen!» Das Stichwort dabei ist «sollte», denn es spielt nämlich doch eine Rolle.
In einer leicht zugänglichen Sprache vermittelt die Autorin, was solche Äusserungen ausblenden: Nämlich, dass die Gesellschaft im Jahr 2025 nach wie vor heteronormativ und cisgeschlechtlich geprägt ist. Und weil diese Norm existiert, ist das «nicht outen müssen» weiterhin nur für Menschen «selbstverständlich», die dieser Norm entsprechen. Zudem ist sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität auch heute noch mit Vorurteilen und struktureller Diskriminierung verbunden.
Freundliche Wut
Nach dem immergleichen Muster leitet Rosenwasser aus autobiografischen Anekdoten eine queer-feministische Gesellschaftsanalyse ab. Die Ich-Perspektive macht die Analyse persönlich und vor allem nahbar. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Gleichzeitigkeit von «liebevoll und hässig» in der Argumentation. Genau für dieses Liebevolle im Hässigen, schreibt die Autorin, werde sie oft gelobt. Denn sie sei nicht so «(…) wie diese andere Politikerin, die immer so wütend ist.»
Davon ausgehend schlägt Rosenwasser den Bogen zum gesellschaftlichen Umgang mit weiblicher Wut: Diese wird im privaten und öffentlichen Raum oft abgewertet oder sanktioniert, weil sie nicht der Norm entspricht. Dass «Feministin», als vermeintlicher Inbegriff der wütenden Frau, in manchen Kreisen ein Schimpfwort ist, zeigt die Wirkmächtigkeit des Narrativs.
Diese Abwertung zeigt sich dann auch in der weiblichen Sozialisation: Die meisten Frauen lernen früh, dass ihre Wut unerwünscht ist. Auch Rosenwasser hat das gelernt und führt es auf ihre Sozialisation zurück, dass sie freundlich wütend ist.
Hoffnung und Herz
Doch in Herz geht es nicht nur darum, verständlich und humorvoll wütend zu sein. Besonders in den letzten beiden Kapiteln wird das Buch zu einer queer-feministischen Ratgeberin, allerdings ohne Zehnpunkteplan. Essayistisch zeigt Rosenwasser im Kapitel Raum einnehmen auf, dass das Recht Raum einzunehmen kein Privileg der Mehrheitsgesellschaft sein darf. Um sich diesen Raum anzueignen, müsse man verstehen, welche Strukturen dies verhindern oder erleichtern, und Strategien entwickeln, die nicht den altbekannten, männlich konnotierten Mustern folgen – also nicht autoritär, exkludierend und empathielos sind.
«Trotzdem Raum einzunehmen», so die Autorin, «fühlt sich an wie eine feministische Rache.» Im philosophisch angehauchten Schlusskapitel Hoffen ist ein Verb plädiert Rosenwasser für ein neues, nicht binäres Prinzip Hoffnung: Man habe nicht Hoffnung oder nicht, denn Hoffnung sei «nie ein Zustand, sondern immer ein Verb» und werde so zu einer Haltung, die Widerstand und Veränderung erst möglich macht.
Und Hoffnung ist es auch, was Anna Rosenwassers Buch vermittelt – mit «so viel Wut wie nötig und so viel Liebe wie möglich», wie es schon der Einband verspricht. Vor allem aber mit ganz viel Herz.
Lesung mit der Autorin, 19. August, 20 Uhr, Offene Kirche St.Gallen. Organisiert vom Verein Pride St.Gallen.
saiten.ch/kalender