Das audiovisuelle Pleasure-Festival «Glitch» will St.Gallen auch mal etwas zutrauen und bringt ab Freitag ein breites Programm rund um Sexualität, Körper und Gender in die Grabenhalle und ins Palace – und fördert damit auch ethische Pornografie mit künstlerischem Anspruch.
Vor knapp zehn Jahren schlich sich eine kleine Störung in die gewohnten Abläufe des St.Galler Kulturalltags, ein Glitch in einem System, das weiblich gelesenen Körpern Entblössung und Sexualisierung nur dann zugesteht, wenn diese der Logik des Kapitalismus folgen. Also dann, wenn es darum geht, Unterwäsche, Parfüms oder Autos zu verkaufen – oder die Bedürfnisse von Männern zu befriedigen. Das Kulturmuseum St.Gallen (damals noch Historisches und Völkerkundemuseum) hatte 2014 für das Plakat zur Ausstellung über die mexikanische Fotografin und Revolutionärin Tina Modotti eine Aktfotografie gewählt, auf der Modotti selbst abgebildet ist. Die Stadt St.Gallen fand es jedoch nicht zulässig, eine nackte Frau auf diese Weise im öffentlichen Raum zu zeigen, und so musste das Motiv ausgetauscht werden.
Damals war ich gerade erst abgewandert, weg von der Ostschweiz in Richtung Emanzipation, auf der Suche nach Räumen und Zusammenhängen, in denen mein eigener Körper Platz finden und sich entfalten konnte, in denen ich überhaupt erst seiner Rätselhaftigkeit auf die Spur kommen konnte. Das letzte Drittel meiner Teenagerjahre hatte ich mit Dosenbier und selbstgedrehten Zigaretten vor der Grabenhalle verbracht, an Reggaekonzerten und Drum-’n‘-Bass-Partys, an Goas in irgendwelchen Wäldern, am grossen Open-air im Tobel und Holunderwein trinkend im Rümp an der Haldenstrasse.
Im Sommer dümpelte ich mit all den anderen bleichen Körpern in den Weieren, während die Stadt unten ausgestorben und die Luft träge war und es sich von der Kreuzbleiche bis zum Spisertor anfühlte wie in einer schwitzigen Arschritze. Pipilotti Rists Roter Platz begann bereits etwas zu verblassen, Kiko und Boro schrieben die Zeilen «Sie wird gfilmet wäred em Sex / mini Fründin isch ide Branche / doch so verdient sie ihres Geld / und chauft mir en Porsche».
Von queeren Räumen oder Communitys keine Spur, nur vereinzelte queere Körper in der Dürre kurz vor der dritten feministischen Welle, die sich andernorts bereits als queere und sexpositive Bewegung ankündigte. Zum Beispiel in Barcelona. Dort drehte die schwedische Regisseurin Erika Lust ihre ersten Pornos und entwickelte sich zur Pionierin der feministischen Pornografie, ein Genre, das bald auch in der Schweiz ankam. So wurde 2007 in Basel das queerfeministische Filmfestival «Luststreifen» gegründet und in Zürich 2012 die «Porny Days».
Rückkehr in die Ostschweiz
Mit Kiko und Boros Porno-Song und dem Tina-Modotti-Desaster im Kopf fahre ich nach Lichtensteig, um mich mit Claude Bühler, Morena Barra und Nicole Bühler zu treffen, dem Kern des Kollektivs, welches nun das erste queerfeministische, pleasurepositive Festival in St.Gallen organisiert.
Die drei wollen die Ostschweiz nicht als lustfeindliches Brachland abschreiben und St.Gallen auch mal was zutrauen. Schliesslich gibt es inzwischen mit dem «Libre» eine queere Bar, dieses Jahr fand die erste St. Galler Pride statt, die binärfaschistischen Hippies sind weitgehend aus der Alternativkultur verschwunden und die apolitischen biersaufenden Punks sind aktivistischen Queers gewichen. Der Drang zum Abwandern scheint etwas schwächer geworden zu sein, einzelne ziehen sogar zu, andere kehren zurück. So auch die Mehrzahl des Glitch-Kollektivs, von denen die meisten in der Ostschweiz aufgewachsen und irgendwann Richtung Zürich abgewandert sind. Glitch ist für manche von ihnen eine Art Rückkehr.
St.Gallen sei also ready für ein Veranstaltungsformat, das sich explizit um Lust, Sex und Gender dreht, findet das Kollektiv. Das fanden auch die offiziellen Förderstellen der Stadt und des Kantons, welche Glitch finanziell unterstützen – ganz im Gegensatz zu den privaten Stiftungen. Denen schien das doch noch etwas zu avantgardistisch zu sein. Nun sind die anfallenden Kosten zwar gedeckt, doch muss das Festival noch mit viel Freiwilligenarbeit auskommen. Arbeit, die vor eineinhalb Jahren bei Claude Bühler und Morena Barra begonnen hat, danach ist Nicole Bühler hinzugekommen und inzwischen sind rund ein Dutzend in der Organisation und Produktion beteiligt, die kollektiv und hierarchiearm zusammenarbeiten. Zwar gebe es klare Rollen, aber die losen Strukturen seien flexibel genug, dass die einzelnen Aufgabenbereiche zur Mitgestaltung zugänglich blieben.
Drei Tage wird das audiovisuelle Festival für Pleasure in der Grabenhalle und im Palace dauern. Der Kern von Glitch ist ein breites Filmprogramm, das sich vermittelnd, spielerisch oder explizit pornografisch mit Sexualität, Körper und Gender befasst. Dazu gibt es Kunstinstallationen, Talks, Workshops und eine Party mit lyrischen und performativen Interventionen. Während dieser drei Tage will das Glitch ein temporärer Space für die eigenen Communitys sein und gleichzeitig über die Bubble hinaus niederschwellig Zugänge schaffen. Um diesen Spagat zu meistern, gibt es ein etwas kompliziertes Ticketsystem, mit dem man sich die Inhalte selbst zusammenstellen kann.
Glitch-Feminismus
Die Idee von Glitch ist eine politische, nicht nur in Bezug auf sexuellen Konsens und ethische Produktion von Pornografie, sondern auch in Bezug auf Konformität und Verweigerung. Mechanisch gesehen ist ein Glitch eine nicht vorhergesehene Funktion, ein Fehler in einem fix durchprogrammierten System.
Bild: Véronique Rebetez
Legacy Russel übertrug diese Definition im 2020 erschienenen Manifest «Glitch Feminism» auf queere Körper: In einer heteronormativen, genderbinären Welt sind queere Körper Glitches. Während dieses Nichtvorgesehensein auch eine schmerzhaft ausgrenzende Erfahrung sein kann, nutzt es der Glitch-Feminismus als befreiendes Moment. Durch die aktive Verweigerung der vorgeschriebenen Codes und Skripts lässt sich das herrschende System stören, oder wie es Russel formuliert: Die gewaltvolle soziokulturelle Maschine zum Glucksen, Schaudern, Seufzen und Stocken bringen.
Aus den erlernten Normen ausbrechen – oder sich vorsichtig aus ihnen heraustasten – hat neben der politischen auch eine lustvolle und bestärkende Dimension. Diese ist den Kurator:innen vom Glitch wichtig, was sich im Programm niederschlägt. Sei es durch das Zeigen und Feiern von unterschiedlichsten Formen von Sexualitäten, Körpern und Genderausdrücken, sei es durch das Demontieren von Mythen und Tabus wie zum Beispiel beim Westschweizer Dokumentarfilm La petite mort, in welchem fünf Frauen von ihrem sexuellen Erleben erzählen.
Glitch – audiovisuelles Festival für Pleasure: 22. bis 24. September, Grabenhalle und Palace St.Gallen.
Tickets & Infos: glitchfestival.ch
Allgemein sind auffallend viele Filme aus der Schweiz dabei, so auch eine Doku über das zurzeit wohl bekannteste Schweizer Porno-Kollektiv Oil Productions aus Lausanne. Und auch in der Ostschweiz gibt es Künstler:innen, die sich mit Pornografie beschäftigen: Luisa Zürcher und Morena Barra haben im Hinblick auf Glitch je einen Kurzfilm produziert. Das Festival ist also auch so etwas wie Porno-Förderung für die Ostschweiz. Oder wie es die Initiant:innen beim Gespräch mit einem Augenzwinkern formulieren: Aufwertung für St.Gallen.
In Zeiten eines faschistisch-konservativen Backlashs und unzähliger Angriffe auf queere und weibliche Körper und deren Selbstbestimmung und Unversehrtheit ist das Kultivieren von queerfeministischen Räumen aber nicht nur Aufwertung, sondern eine notwendige Form von Widerstand. Ob St.Gallen nun ready ist oder nicht, ist deshalb eigentlich auch etwas egal. Sowieso: Sollen die Hügel, Tobel und Rücken ruhig glucksen, schaudern, seufzen und stocken, gestört in ihrer langsam doch etwas überholten Normalität.
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