Diese Geschichte beginnt am anderen Ende der Welt: In Togo, wo ich 2024 im Rahmen der Karp-Kamina-Residency zur deutschen Kolonialgeschichte forsche. Wir sitzen abends in einem unfassbar heissen Konferenzraum in Atakpamé und lauschen den verschiedenen Präsentationen der anwesenden Künstler:innen. Einer von ihnen, der Rumäne Stefan Balog, Mitte 50, in Metal-Shirt und Piratenkopftuch gekleidet, sticht mir sogleich ins Auge, weil er irgendwie aus dem Rahmen fällt. Stefan, das merkt man schnell, ist ein Macher: Kurator, Bildhauer, Maler und Sammler. Und Stefan erzählt da plötzlich von seinem Prison Art Project, einer Residency im Hochsicherheitsgefängnis seiner Heimatstadt Aiud in Transsilvanien, wo er seit Jahren kunstpädagogische Projekte mit den Insassen durchführt.
Meine eigene Kunst bewegt sich mit Vorliebe in Zwischenräumen, an den Rändern des Dokumentarischen und Absurden – die Vorstellung eines solchen Gefängnisprojekts zündet direkt: «Stefan, wenn du das irgendwann wieder durchziehst, dann ruf mich an.»
Eineinhalb Jahre später hat er mich angerufen.
Das Hochsicherheitsgefängnis von Aiud wurde erstmals im Jahre 1786 erwähnt. Es folgte ein Jahrhundert voll bewegter Geschichte: Im Vorlauf des Zweiten Weltkriegs bis ins Jahr 1943 wurden in Aiud erstmals politische Gefangene inhaftiert. Zunächst vor allem Kommunisten, später auch Mitglieder der faschistischen Bewegung Eiserne Garde, nachdem deren Rebellion gegen den ebenfalls faschistischen Hitler-Kollaborateur und Diktator Antonescu zerschlagen worden war.
Das «Allerheiligste» der Schreckensherrschaft
Berühmt wurde das Gefängnis indes für seine Rolle während der kommunistischen Herrschaft. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Jahr für Jahr tausende politische Gefangene nach Transsilvanien gebracht. Bis 1964 starben laut offiziellen Angaben 563 Menschen an Typhus, Kälte, Unterversorgung und den Folgen von Einzelhaft. Auch wenn sich die Haftbedingungen über die Jahrzehnte verbesserten, blieb das Gefängnis bis zur rumänischen Revolution 1989 ein Schreckenssymbol des kommunistischen Regimes. Ein Gefangener beschrieb es wie folgt: «Sein Ruf war gefestigt. Das Gefängnis aller Gefängnisse. Es wurde zu einem Symbol. Zum Allerheiligsten.»
Insgesamt acht internationale Künstler arbeiten im Sommer 2025 für zwei Wochen im Gefängnis von Aiud und leben in diesem Zeitraum in Zweierzellen. Ich teile meine mit dem Bildhauer Reto Steiner und das ist ein Segen, weil unser Verständnis von Kunst ein ähnliches ist. Während ich Interviews führe, mehr oder weniger heimlich filme, Tattoo-Motive entwerfe, schnitzt Reto unter anderem Skulpturen aus Seife. Die Zelle selbst ist karg, aber wir sind die ersten in diesem Neubau, entsprechend sauber wirkt alles noch. Die zehn Insassen, die mit uns gemeinsam Tag für Tag zu den Ateliers schlurfen und mit uns an einem Ausstellungsprojekt arbeiten, können von diesem Luxus nur träumen: Teilweise teilen sie ihr Leben mit 15 anderen verurteilten Verbrechern. Schon bald realisieren wir, dass wir es hier auch mit Schwerstverbrechern zu tun haben: mit Räubern, Mehrfachmördern und Menschenhändlern. Manche von ihnen haben mittlerweile mehr Zeit hinter Gittern verbracht als draussen.
Das Leben auf seine Essenz eingedampft
Wie Michael, Raven und Little Hands. Drei Männer, ungefähr so alt wie ich. Als Teenager haben sie, schwerst drogensüchtig, einen Dealer und dessen Freundin ermordet. Das brutale Verbrechen sorgte in ganz Rumänien für Schlagzeilen, erst Wochen später lese ich die Details und tatsächlich wird mir dabei schlecht. Vor allem mit Michael bin ich im ständigen Austausch, er ist über und über tätowiert, teils mit Nazisymbolen im Gesicht, und aufgepumpt wie ein Bodybuilder. Dieser Look diene vor allem zur Abschreckung. Michael ist hochintelligent und gemeinsam mit seinen Kindheitsfreunden befindet er sich auf einem langen Weg der Läuterung. Sie arbeiten, spielen Theater oder Schach und machen Sport. Alles in der Hoffnung, irgendwann rauszukommen.
Für mich persönlich war schon immer ein entscheidender Grundsatz: Bevor du über einen Menschen urteilst, rede erstmal mit ihm. In den meisten Fällen gibt es mehr Faktoren, die uns verbinden, als Solche, die uns trennen. Dieses Credo wurde bei diesem Projekt zunächst auf die Probe gestellt: Wie begegne ich Berufsverbrechern, die unvorstellbare Dinge getan haben? Geht das überhaupt? Doch natürlich geht es. Denn selbstverständlich sind auch die Insassen Menschen. Wie du und ich. Aber sie haben andere Leben gelebt, die in letzter Konsequenz in eine ganz andere Realität mündeten, geprägt von teils ungeheurer Schuld, gekoppelt an manchmal gerechte und manchmal ungerechte Strafen. Was aber die meisten Verurteilten verbindet, sind die kaputten Lebenswege: dysfunktionale Elternhäuser, Armut, Drogen, Gewalt, schon in Kindertagen. Teilweise haben diese Menschen nicht ein einziges Mal Wertschätzung oder Liebe empfunden oder erfahren. Während unserer Workshops wurde das teilweise überdeutlich, wenn diese gestandenen Männer auf simple Komplimente und kleine Gesten geradezu emotional reagierten. Das sind natürlich keine Ausreden für ihre Taten. Aber Fakten.
Im Gefängnis wird mit dem wertvollsten Gut überhaupt bezahlt: mit Zeit. Bis auf wenige Stunden Freigang und Sport täglich spielt sich alles in vier Wänden ab. Das Leben hier ist nicht nur unglaublich hart, sondern vor allem auch trist und eintönig. Es schrumpft auf ein Minimum. Auf die Essenz. Leben bedeutet hier überleben.
Am Ende eines langen Gesprächs erzählt mir Michael von einem wiederkehrenden Traum: «Irgendwo im Atlantischen Ozean gibt es eine Stelle, wo das Meer elf Kilometer tief ist. Eines Tages will ich dort hinfahren und in der schwärzesten Nacht ins Wasser springen. Dann leg ich mich zwischen die Wellen und in meinem Traum bin ich genau dort: zwischen dem Weltall über mir und dem Meer unter mir, zwischen Himmel und Hölle, wenn du so willst, endlich frei.»
Jeremias Heppeler, 1989, ist Künstler, Filmemacher und frischgebackener Saitenkolumnist. Am 19. Februar feiert sein Film niemals wirklich frei, der seine Zeit im Gefängnis von Aiud thematisiert und durch Lesung und Vortrag ergänzt wird, im Apollo Kreuzlingen seine Schweizer Premiere.