Es sind zehn Jahre vergangen, seit wir im Fernsehen die überfüllten Schlauchboote sahen, die Menschen über das Ägäische Meer brachten. Zum ersten Mal erhielt das seit Jahrzehnten andauernde Elend an Europas Grenzen tägliche Medienaufmerksamkeit. Diejenigen, die die Überfahrt überlebten, setzten ihren Weg zu Fuss durch den Balkan in den Norden Europas fort. In den letzten Jahren wurden jedoch Grenzen geschlossen, Patrouillen verstärkt und Menschen auf der Flucht durch illegale Pushbacks zurückgedrängt.
Dadurch hat sich die Situation für Geflüchtete zunehmend verschärft: Sie müssen immer gefährlichere Fluchtrouten wählen und ihre Rechte werden systematisch missachtet. Laut UNHCR haben 2023 rund 380’000 Menschen irregulär die Grenzen zur EU überquert – so viele wie seit 2016 nicht mehr. Neuankömmlinge, welche die Hürden der unsicheren Fluchtwege überwinden, bleiben oft an den Aussengrenzen Europas hängen und versuchen dort ein neues Leben aufzubauen oder an Geld zu kommen, um ihre Reise fortzusetzen.
Ein selbstbestimmtes Leben in einer neuen Gesellschaft
Bewegt von den Schicksalen der Menschen, die gezwungen sind, ihr Heimatland zu verlassen, entschied ich mich im April 2022, nach Athen zu ziehen. Ich wollte mit diesen vulnerablen Gruppen zusammenarbeiten und nahm deshalb eine Stelle bei der Schweizer NGO Glocal Roots an. Glocal Roots ist mit fünf Projekten in der Schweiz und in Griechenland aktiv. Das Ziel aller Projekte ist es, Menschen mit Fluchthintergrund durch Netzwerke und die notwendigen Strukturen zu einem selbstbestimmten Leben in der neuen Gesellschaft zu verhelfen.
Das Zentrum für Frauen und Kinder mit Fluchthintergrund, in dem ich arbeite, stand bei meiner Ankunft kurz vor der Eröffnung. In den letzten zwei Jahren ist ein lebhafter und einladender Ort entstanden, an dem Frauen sicher sind und sich austauschen können. Hier haben sie die Möglichkeit, kurz durchzuatmen. Sie erhalten Beratung für die verschiedensten Anliegen. Neben Informationen gibt es auch Windeln, Binden, Kondome und Kleider. Viele unserer Besucherinnen sind alleinerziehend. Um ihnen ein wenig Zeit für sich zu geben, gibt es bei uns ein betreutes Spielzimmer, dort können die Kinder im geschützten Raum spielen und lernen. Partnerorganisationen im gleichen Haus bieten ausserdem rechtliche, medizinische und psychologische Unterstützung an. Es gibt Sprachkurse und täglich ein warmes Mittagessen.
Der Arbeitsalltag im Atelier von Glocal Roots in Athen.
Für mich ist das Herzstück des Frauenzentrums unser kreatives Atelier. In den letzten zwei Jahren konnten wir hier rund 25 Frauen beschäftigen, die für uns verschiedene Accessoires häkeln und nähen. Der Erlös aus dem Verkauf fliesst direkt zurück in die Löhne der Frauen und finanziert Teile des Zentrums.
Rund 80 Frauen und Kinder täglich
Fünf Jahre arbeitete ich als Sozialpädagogin in der Schweiz mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Was ich hier seit zwei Jahren in Athen erlebe, zeigt jedoch ein ganz anderes Ausmass an Not und Mangel. Den Familien fehlt es an allem. Viele unserer kleinen Besucher:innen sind auf der Flucht aufgewachsen und haben nie in einem stabilen, sicheren Umfeld gelebt. Ihnen wollen wir eine schöne Zeit bereiten.
Die Bedingungen für Frauen auf der Flucht sind wegen geschlechtsspezifischer Gewalt, wie zum Beispiel sexuellen Übergriffen in Kollektivunterkünften, besonders hart. Zudem sind die Frauen meist für die Kinderbetreuung verantwortlich, was eine Anstellung oft verunmöglicht. Die Nachfrage nach einem Ort der Sicherheit und Schwesterlichkeit ist gross und dementsprechend wächst unser Projekt stetig. Rund 80 Frauen und Kinder besuchen uns täglich, viele davon reisen aus den Flüchtlingscamps an, die teilweise über eine Stunde vom Zentrum entfernt liegen.
Ein Ort der Ruhe
Marie aus dem Kongo besucht uns mehrmals wöchentlich. Sie teilt einen Container im Camp mit neun fremden Personen. Die Hygienebedingungen sind prekär. Sie kommt zu uns, um zur Ruhe zu kommen, denn auf ihrem Etagenbett schläft sie aus Angst vor einem Übergriff kaum. Zudem kann sie hier nähen. Das ist ihre Passion und verschafft ihr einen freien Kopf.
Auch Noor und ihre drei Kinder aus Pakistan sind regelmässige Gäste. Bei ihrem ersten Besuch war sie perspektivlos und verzweifelt. Sie hatte gerade ihren Mann durch einen Herzinfarkt verloren. Ihr Asylantrag war zum zweiten Mal abgelehnt worden, womit sie jeglichen Anspruch auf staatliche Unterstützung verlor. Nach sieben langen Jahren des Wartens hat Noor endlich durch ein Härtefallgesuch eine Aufenthaltsbewilligung erhalten, die ihr Zugang zu legaler Arbeit ermöglicht. Aufgrund ihrer neuen Situation konnten wir eine Stelle im kreativen Team für sie schaffen, was ihre finanzielle und emotionale Stabilität förderte. Obwohl Noors Lage weiterhin sehr schwierig ist, hat sich ihr Zustand verbessert. Sie lächelt, scherzt mit den anderen Schneiderinnen und freut sich, dass ihre Kinder bei uns gut aufgehoben sind.
Es geht immer um die Menschen
Unser Schneiderinnen-Team besteht jeweils aus fünf bis sechs Frauen: Khatol, Florette, Arezoo, Leyla und Pascaline (Namen zum Teil geändert). Sie sind vor Krieg, Verfolgung, Menschenhandel oder sexueller Gewalt geflohen. Durch die Anstellung bei Glocal Roots haben sie nach den traumatischen Ereignissen eine gewisse Stabilität zurückgewonnen. Die finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht ihnen, wieder nach vorne zu schauen und ein einigermassen selbstbestimmtes Leben zu führen.
Das Schneiderinnenteam mit Giulietta Romano (Vierte von links).
Florette musste bei der Flucht ihre beiden Töchter in Kamerun zurücklassen. Sie legt jeden Monat etwas von ihrem Einkommen zur Seite, um eines Tages deren Flucht nach Europa zu finanzieren. Ihr Sohn Joram wird während ihrer Arbeitsstunden betreut, was sie sehr schätzt, da sie ohne diese Unterstützung keinen Job gefunden hätte. Sie liebt es, alten Kleidern ein neues Leben zu geben und ist stolz darauf, Teil dieses internationalen Teams zu sein.
Die immense Herausforderung der irregulären Migration kann einem wie ein Problem ohne Lösung erscheinen. Doch was mir bei der Arbeit mit Glocal Roots bewusst wird, ist, dass es nicht unbedingt um die Lösung des Gesamtproblems geht, sondern um Marie, Florette und Kathol. Wir versuchen sie dabei zu unterstützen, Lebensqualität und Würde zurückzugewinnen. Und dabei sind es sie, die uns lehren, was Stärke und Resilienz bedeuten.
Giulietta Romano, 1995, ist Sozialpädagogin aus St.Gallen. Vor zwei Jahren übernahm sie die Co-Leitung des Glocal Roots Zentrums für Frauen und Kinder mit Fluchthintergrund in Athen.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.