«Die Mitte der Welt ist in einem kleinen Dorf in der Ajoie.» Mit diesem Satz beginnt die erste Erzählung in Blumen ohne Gewähr. Was vorerst wie ein Fehler erscheint – wie soll die Mitte der Welt sich in einem Dorf befinden, sie müsste sie doch vielmehr sein –, entpuppt sich einige Zeilen später als bewusst gesetzt: «Du bist die Mitte der Welt», sagt eine Filmemacherin zum undefinierten «Du». Sie selbst aber sei am Rand, «am besten nirgends. Nur du bist sichtbar, aufgenommen durch das Objektiv.»
Diese Beobachtung scheint Programm zu sein im ersten Buch des Schaffhauser Schriftstellers Niels Zubler, der auch Mitherausgeber des literarischen Jahreshefts «Mauerläufer» ist. Abwegige Figuren an abwegigen Orten tauchen darin auf: Zum Beispiel der namenlose Rückkehrer, der damals die Jugendunruhen in seiner Schweizer Heimat verpasste und nun in Kanada lebt; oder Linda im US-amerikanischen Nirgendwo, die sich um den wortkargen Vater und ihren passiv-aggressiven Bruder kümmert, der Karibus jagt.
Die Figuren im ersten und längsten Teil mit dem Titel Ohne Gewähr werden vom erwähnten Objektiv fokussiert, es wird herangezoomt – und manchmal scheint Zubler den Auslöser zu drücken. Kein Film, nichts Plot-Getriebenes entsteht dabei, sondern eine Fotografie, die für sich steht: als Teil eines grösseren Ganzen.
Leerstellen und Sprünge in der Zeit
Es sind diese bruchstückartigen, kantigen Geschichten, welche die Atmosphäre des Bandes ausmachen. Das Nicht-Abgerundete, die Leerstellen, und auch die Sprünge in der Zeit. Zublers Übergänge sind teilweise abrupt und unkonventionell. So gelangt die Leserin in der Geschichte Die Collage auf wenigen Seiten vom alternden Protagonisten, der sich selbst im Spiegel betrachtet, zu Gorbatschow, weiter zu einer frühen Moskau-Erinnerung und zurück in den Moment vor dem Spiegel. Dieses gewagte Springen macht man gerne mit, denn es öffnet Räume, stellt tieferliegende Fragen.
Manchmal gelingt es Zubler, auf schöne Weise Traumbilder heraufzubeschwören. In anderen Passagen hätte man den Geschichten etwas mehr Raffinesse gewünscht, sprachliche Präzision und Zeit, sich zu entfalten. Einige wirken eher wie ein Entwurf für etwas Grösseres. Vor allem im zweiten Teil Blumen lässt sich dieser Eindruck nicht leugnen. Zwar entfaltet sich die Handlung anhand von Blumennamen auf interessante Weise, doch bleibt die Geschichte in ihrer Idee verhaftet. Die Verstrickungen wirken gesucht, Bezüge fehlen, auch der doppelte Boden, als beispielsweise von «Geistern» die Rede ist, die sich durch eine Stadt bewegen.
Ob das daran liegt, dass das Buch nicht professionell lektoriert wurde? Blumen ohne Gewähr ist in der vom Autor selbst gegründeten «Edition ensemble» erschienen. Diese rief der 67-Jährige ins Leben, kurz nachdem er 2025 den ersten Preis des Kurzgeschichtenwettbewerbs des Internationalen Bodensee-Clubs (IBC) erhalten hatte. Natürlich haben es Erzählungen in einem ohnehin angespannten Buchmarkt nicht leicht, sie gelten als kaum verkaufbar – doch ein Lektorat gehört zu einer der wichtigsten Aufgaben eines Verlags. Dort werden Texte nochmals abgeklopft, Dialoge geschliffen, Überflüssiges gestrichen.
Das Beste zum Schluss
Ganz hinten, quasi als krönenden Abschluss des Bandes, hat Niels Zubler seine vom IBC prämierte Geschichte Bestien hinzugefügt. Hier sind sie wieder, die seltsam-schrägen Figuren, die Zubler zu erschaffen vermag. Die Kurzgeschichte lässt sich kaum zusammenfassen; nur so viel: Es geht um Krieg und Frieden, um einen Zauberer und eine Rabin (keinen Raben!), und einer der letzten Sätze lautet: «Ich bin eine Bestie.»
Vielleicht ist diese Bestie am Ende «die Mitte der Welt» – oder vielleicht auch nur ein Spiegelbild, das uns kurz anblinzelt? Die Geschichte führt jedenfalls zurück in jene Zwischenräume, in denen Zublers Texte am stärksten sind: surreal, brüchig, tastend. Der Band schliesst, wie er beginnt: offen, suchend. Und alles bleibt ohne Gewähr.
Niels Zubler: Blumen ohne Gewähr. Edition ensemble, Schaffhausen 2025.