, 18. Juni 2017
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Go all the way #4

Wasser – das grosse Thema, zumal in der Hitze des kroatischen Hochlands. Dort ist Ruth Wili unterwegs auf ihrer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Hier ihr vierter Tagebuchbericht.

13 Uhr. Wir haben noch ca. zwei Kilometer vor und, aber es ist zu warm, um durchzuziehen. Homer hat Pause vorgeschlagen und ich halte nach einem geeigneten Plätzchen Ausschau. Leider nicht direkt an der Gacka (einem der saubersten Flüsse Kroatiens, wie ich informiert werde, selbst im Sommer nicht über sieben Grad warm, da er aus Karsthöhlen kommt. Fast schwarz wirkt er, so tief und rein das Wasser), aber dafür in dichtem Schatten. Wir werden in Zukunft früher aufbrechen und um Mittag herum Schluss machen.

Wasser. Immer wieder Wasser. Wir waren auf dem Hügelzug im Rücken des Vinodols, und ich hatte subjektiv zu wenig, objektiv in jedem Fall knapp Wasser mit. Wir waren dabei, die ärgste Nachmittagshitze in der Natur zu verdösen, in der Hoffnung, die hier lebenden Wildpferde doch noch zu sehen, als ich, in Erwartung des langsam sinkenden Thermometers aufstehen wollte. Mir drehte es sich. Zu viel Sonne. Für mich hatte ich noch einen Liter Wasser dabei, für Homer einen halben. Sie würden, so glaubte ich, als wir uns gemütlich im Schatten einrichteten zum Pausieren, prima reichen für die verbleibenden sechs Kilometer zum nächsten Ort, wo ich heute Nacht zu bleiben gedachte. Aber die Pause von drei Stunden hätte selber noch einmal die Menge gefordert, der Hitze wegen. Hinsetzen. Klar denken!

Ich würde meine Flasche leeren müssen bis auf einen Notschluck, um überhaupt startklar zu werden und an den Punkt zu kommen, Wasser anzupeilen. Trinke ich in so einem Moment nicht, werde ich zunehmend langsamer, sturer und willenloser, bin sogar fähig, ich weiss es aus Erfahrung, an Wasser vorbeizugehen. Homers Wasser ist unantastbar. Aus Hygienegründen und weil er, wenn er braucht, locker drei Deziliter wegputzt. Er kanns fünf Mal verschmähen und beim sechsten Mal anbieten trinken wie ein Kalb. Diesmal will ich, dass er trinkt, da meine Flasche leer ist, können wir meinetwegen nicht endlos Kühlpausen einlegen. Also kommt ein Schluck verbleibendes Kokosöl rein. Da füllt der Liebhaber genüsslich den Magen!

Ich nutze die gefühlt durstfreien Minuten, um durchzugehen, wo heute keine Standardantworten angemessen sind. Sollte jemand uns mitnehmen wollen und mein Bauch sagt «ok», lautet die Antwort: «ja!». Bietet uns jemand Wasser an: «ja!». Und in einer halben Stunde nochmal hinfühlen, ob Stöppeln angesagt ist. Viele Autos kommen hier nicht vorbei. Einbuchen! Im übrigen: hier und jetzt in den Zustand gehen, dass wir bereits gut irgendwo an- und untergekommen sind und ich unsere Becher dankbar nachfülle, bis wir kühle, lachende Wasserbäuche haben. Harzt, aber klappt. Und nun einfach in diesem Bild bleiben und einfach noch da hingehen. Unser Weg kocht, so mein Gefühl immer wieder, führt ohne Wildpferde an einer gigantischen, illegalen (so hat man mir erklärt) Mülldeponie vorbei, über der kreischende Vögel kreisen. Mir macht das Angst. Gefühl von drohendem Unheil. Und nein, jetzt nicht aufs Wasserthema setzen, das sind zwei Paar Schuhe! Ich komm mir langsam auf die Schliche, wie gern mein Hirn Ängste mit fremden Themen füttert.

19.30. Ich knie unter der Dusche in der Badewanne. Schaudern, der Boiler ist noch nicht voll aufgeheizt. Danke den zwei Menschen, die uns mit den richtigen Worten liebevoll weiterreichten und uns schliesslich hierher führten. Drinnen, warm, kühl, wir werden gut ruhen!

Ich lerne dazu. Zwei Liter bereits intus vorm Aufbruch, fülle ich am nächsten Morgen dreieinhalb Liter in unsere Flaschen. Die Ortschaften, durch die wir kommen, sind weitgehend verlassen. Einkaufsmöglichkeiten gibt’s eh nicht. Sturmwind. Schwarzer Himmel. Diesmal unerwartet Wildpferde hinter einer Kurve! Mächtige, wunderschöne Tiere. Mit Fohlen, wir halten Distanz!

In Alan ein einzelner, alter Mann, drei Katzen, die Homer den Tarif durchgeben und sich dann bei mir einrollen. Der arme Tropf steht verloren da. Aber die selbstbewussten Tiere lehren ihn viel. Alan, so fühle ich, ist kein Ort zum Bleiben. Wir gehen also weiter. Diesmal noch weit mehr Wasser in den Flaschen, machen wir mit Blick aufs unruhige Meer Pause. Unter riesigen Windrädern. Die Sonne siegt und ich widme mich unter erneut brühender Hitze Sozialleben, das unerwartet eingebrochen ist. Fühle mich überfordert.

Wir trinken uns satt, ehe wir aufbrechen, und ich fange an, nach Übernachtungsmöglichkeiten zu suchen. Podbilo. Keine. Stattdessen eine Abdankung. Wir bleiben in Distanz stehen und lauschen der Blasmusik. Ich lasse sie mit Tränen auch für eigene Trauer spielen. Danke, das war sehr schön!

Krivi Put, so glaube ich. Ortsschilder sucht man hier vergeblich. Wir scheinen kein Glück zu haben. Luxusappartments, vor Blicken geschützt. Man sieht nur die Zufahrten. Oder kleine SelbstversorgerInnenhöfe. Eine Frau in einem Garten. Ich frage, ob wir Wasser nachfüllen dürfen auf die Nacht hin, und ob sie vielleicht etwas zum Übernachten wisse. Und lerne, Trinkwasser gibt’s nicht. Aber sie schenkt uns einen Liter gekauftes! Das ältere Ehepaar, das sie uns angibt, will uns nicht beherbergen. Wir sind müde und ich bin überzeugungsarm, peile Zelten an. Frage (mit Zeichnungen), ob wir einfach auf ihrem Areal übernachten dürften der wilden Tiere wegen. Die Platzzuweiseung ausserhalb ist ein in ein Ja verpacktes Nein und ich brauche, bis ichs kapiere. Baue das Zelt wieder ab. Draussen Schlafen ist hier mit Homer per se eine Herausforderung bei all den Tieren, vor allem Schakale kommen relativ nahe und liefern sich mit Homer wilde Konzerte. Ich kann nicht noch damit dealen, das Nein innerlich als Ja zu fühlen. Wenn ich mich selber nicht ruhig fühle, um in die Nacht zu gehen, können wir auch gleich durchwandern.

Ein Ehepaar, das in der Stadt wohnt, hier nur noch anbaut, erlaubt uns, in seinem Garten zu nächtigen! Nicht halb so geschützt wie oben, aber ich fühle: Dasein dürfen in einem vollen Ja ist unvergleichlich wertvoller als «Schutz». Sie hinterlassen uns noch einen Eimer Zisternenwasser für Homer. Kurzentschlossen lasse ich wetterbedingt das Zelt weg und wir rollen uns unter dem Vordach ein. «Schlafen», während auf der Wiese nebenan Tiere äsen kommen. Sind ziemlich gerädert, als es dämmert. Wir müssen als erstes Wasser finden. Gegen den Notfall fülle ich den Eimerinhalt in unsere Flaschen, tropfe Micropur rein. Hoffentlich müssen wir das nicht trinken. Die Handys sind innert weniger Minuten tot, als ich mich orientieren will. Trotz Stromsparmodus. Wir gehen ohne Orientierung. Und mich überkommt unerwartet, als wäre ich von etwas befreit, Ruhe und Frieden. Als wären wir zuunterst in einem Eimer. Fester Boden. Alle Farben sehr intensiv. Klare, frühe Luft. Samtene Hügel, alles dicht grün. Ich schicke zwei Bitten in die Welt. Kaffee und Bett mit Dusche heute, bitte.

Kaffee kommt. Kurz vor Mittag, so schätze ich. Eine Frau winkt uns von der Strasse weg rein. Kocht mir Kaffee, stellt uns im Anschluss Frühstück hin. Ich bringe ihr am nächsten Tag Kaffee vorbei, den mir Diana überlassen hat. Das mit dem Duschen wartet noch drei Tage. Diana beherbergt uns spontan und ich arbeite dafür eine Runde mit auf dem Hof. 32 Strassenhunde, zwei Esel, 14 Ziegen und eine für mich unüberblickbare Menge Katzen. Alle mit Wasser aus der Zisterne versorgt. Von Hand zu den Bottichen geschleppt. Für uns erst gefiltert. Das Wasser für die Klospülung ist in Eimern gesammeltes, gebrauchtes, das nun wirklich für nichts anderes mehr taugt. Duschen im Sommer maximal alle drei Tage erlaubt. Besser alle vier. Ich trimme einen Pfad in der steilen Doline. Durch brusthohe Kerbeln. Karre Mist. Füttere die wilde Bande. Rappelvolle Tage.

Und als ich am ersten Abend, nachdem wir von dort weg sind, einfach selbstverständlich eine Dusche zur Verfügung habe, bleibt sie bis 20.30 unbenutzt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Mass halten kann. Denn ich gehe nicht davon aus, dass sich auf zwölf Kilometern Wasserknappheit auflöst, nur weil mir niemand hier den Wassersparkreislauf erklärt, ehe ich das Bad gezeigt erhalte.

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor rund vier Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer. Auf saiten.ch berichtet sie von ihren Erfahrungen unterwegs.

3 Kommentare zu Go all the way #4

  • Biendli sagt:

    Liebe Ruth du erlebt viel auf deiner Reise zu Fuss danke für deine Zeilen,es ist sehr interessant dir zuzuhören besser gesagt zu lesen häbs guet u pass auf euch auf glg.

  • Martina sagt:

    Wenn ich deine Schilderungen lese, liebe Ruth, wird mir wieder einmal sehr bewusst, wie unangemessen selbstverständlich wir hier in der Schweiz mit Wasser umgehen. Zu deinem Mut, dich jeden Tag auf die Suche nach dem Elementarsten zu machen – Wasser und einem sicheren Ort zum Schlafen – gratuliere ich dir! Ich habe ja schon Angst, einen Hungerast zu erleben, wenn ich einmal mehr als einen halben Tag in unbekannter Umgebung unterwegs bin… Und ohne die landesübliche Sprache brauchst du noch einmal Mut, um auf die Menschen zuzugehen, denen du begegnest und von denen du etwas brauchst. Es ist spannend, dich so begleiten zu dürfen – danke, dass du uns daran teilhaben lässt!

  • Franziska Löpfe sagt:

    Ich danke dir für deine Schilderungen. Ja, Wasser ist ein brennendes Thema und wird es immer mehr. Dein Mut bringt dir unschätzbare Erlebnisse. ich grüsse dich und wünsche dir alles Gute.
    Franzisa

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