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Go all the way #1

Ruth Wili ist zu Fuss unterwegs von St.Gallen ans Schwarze Meer. Sie berichtet auf saiten.ch künftig regelmässig von ihrer Reise. Hier der erste Tagebuch-Bericht, samt der Erkenntnis: Innsbruck liegt auf dem Weg von Salzburg nach Georgien.
Von  Gastbeitrag

Wir sind seit rund zwei Monaten unterwegs zu Fuss ans Schwarze Meer. Erst nach Salzburg gewandert von St.Gallen aus. Dort hat das, was viel tiefer als aus Worten zu uns kommt, die innere Stimme, gemeldet, «hier nicht weiter. Zurück nach Innsbruck. Südlicher gehen. Mehr Wald, Berge, Hügel.»

Es wäre falsch, zu sagen, dass die Ansage nicht zu inneren Kämpfen führte. In Innsbruck trat denn auch mein treuer Begleiter in eine Scherbe, nur damit mein Verstand rebellieren konnte, was rauskomme, wenn ich meiner Intuition folge. Verbandschlachten. Innsbruck. Warum und wozu? Ich glaube, einfach um da zu sein, wo wir gerade sein sollten. Als ob das nicht genug wäre.

Innsbruck hatte eine Knacknuss für mich parat. Mein Selbstbild war das einer digitalen Null. Und zutiefst uninteressiert daran… Und ich brauchte ein potentes neues Handy oder Tablet. Mit dem Vorsatz «Menschen den Bauch löchrig fragen» zog ich los. Heute zu erledigen! Ohne Ausrede. Mein Begleiter leinenfrei und seidig mit dabei, eine Intensität an Verbindung, die ich nicht täglich in dem Mass zu halten fähig bin. Heute schon. Ich war grad dran, «selber gross zu sein». Er voll dabei! Auf einer kleinen Brücke ein Rabe mit was Essbarem im Schnabel. Homer, wie der Fuchs in der Fabel, unten. Schauend. Ich wie die Erzählerin dem Gesamten zuschauend. Und sehe ein Schild. Tiflisbrücke. Stimmt! In mir, der Weg von Salzburg ans Schwarze Meer führt über Innsbruck!

Als jeglicher Fluchtinstinkt ausgefühlt und ich mit neuer Technologie ausgerüstet, zogen wir los. Südwärts. Hoch zum Brenner. Erst in klebrig winzigen Etappen. Da war noch einiges am Ausrebellieren in mir. Seit Salzburg, und nicht zuletzt mit dem näherkommenden Süden und Frühling, und ausgerüstet mit einem wertvollen Goldstück der Coachin, die mir, kompromisslos dem angepeilten Wachstum verschrieben, über alle Widerstände und Rumpelkammern half, diese Reise in mir wachsen zu lassen, und dann auch wirklich in den doch sehr gross wirkenden Schuh zu schlüpfen, war ich nun reservationsfrei unterwegs. Wir würden nicht verlorengehen und wir würden unterkommen. Gut unterkommen.

Wir kamen unter und plötzlich auch in ungekanntem Mass voran! Es zog uns förmlich hoch. Das Leben versorgte uns gut und mit allem Notwendigen. Pfote heilte auch gut, wenn auch langsam.

Der Brenner selber wurde zu einem Irrlauf. Ich folgte nun weitgehend der Intuition. Wanderwegsignale halbtauglich, da sie hier über viel Asphalt führten. Ein Graus für die Pfoten, trotz regelmässiger liebevoller Pedicure. Brenner also. Und wegen Steinschlag nicht einmal der Wanderweg begehbar. Nix Berge, Zivilisationswirrwarr vom Ärgsten. Mich flog kurz an: Klar verkümmert unsere Intuition, wir können hierin nur bestehen, wenn wir sie zu Gunsten von Schilderlesen abgeben. Und darauf hoffen, dass niemand das Schild woandershin richtet, ehe wir darauf zu achten gezwungen werden… gnadenlos. Als würde sich alles nur um den Menschen drehen auf diesem Planeten.

Endlich und sehr erleichtert übers Ärgste weg, eine Wiese. Ich kann mein geliebtes Tier sausen lassen, noch ist nichts da, was er stören würde. Beeindruckend, mit welcher Entschlossenheit er den Zivilisationsstress rausrast und dann zu mir liegt. Mittagessen! Jetzt! Von Herzen gern!

Seither gehts der Intuition nach. Mir kommt manchmal vor, sie sei wie unsichtbare Tentakel, die die Welt um uns abtasten und dann gebündelt den Impuls geben: hier lang!

Zum ersten Mal (im Leben) allein wild campiert, die Intuition hat vom Bau des Brennerbasistunnels nichts mitgekriegt, zielgerichtet zur einzigen Unterkunft geführt, nur dass die halt auf Jahre der Baustelle verschrieben ist. Also ist nun die Hürde «wild Campieren» auch genommen und erlebt, dass wir nicht dadurch so verlottert ausschauen, dass wir anschliessend nirgendwo mehr jemals unterkämen. Ein lustiges Panikszenario, aber ohne Wohnung – ich hab auch diese aufgegeben für diese Reise – tatsächlich in seiner Absurdität kurz bedrohlich.

In Mühlbach, bei einem Espresso und sehr glücklich darüber nach der Zeltnacht, Blick ins Pustertal. Da würden wir nun weitergehen Richtung Bruneck. Südlicher, das hatten wir eingelöst, und nun wieder zielgerichtet ostwärts. Schaue da rein und es kommt ein klares «Nein. Das ist dunkel, da gehen wir nicht lang. Südwärts. Weiter südwärts.» Ich nehme die Ansagen mittlerweile an. Wir mussten erst zurück, dann gings südwärts weiter dem inneren Kompass nach. Er führte in beglückende Wälder. Und die folgenden Tage durch Kastanienhaine, Schluchten, Wiesen, zu Erdpyramiden, durch täglich anderen Wald. Stets am westlich gelegenen Hang runter nach Süden.

Bozen. «Station. Erst einmal bleiben.» Wir tuns. Erholen uns, akklimatisieren uns. Es ist warm! Die Ansage wird kommen, wo es weitergeht. Zwei Berge sind mir nun mehrere Tage ins Auge gestochen. Spüre, das Schwarze Meer ist näher gerückt. Ich hab den Verdacht, dass es bald weitergeht!

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor rund zwei Monaten ist sie aufgebrochen zu einer mehrmonatigen Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer. Auf saiten.ch berichtet sie regelmässig von ihren Erfahrungen unterwegs.

Jetzt mitreden: 6 Kommentare
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Erard Nadine,  

Ma chère Ruth,

Toutes mes félicitations encore une fois ! A vous voir tous les 2 sur la photo, vous êtes vraiment sur le bon chemin.
Prends tout ce qu'il t'arrive dans ce voyage avec bonheur et curiosité. Sois attentive à la direction physique, morale et spirituelle que ça t'indique.
Je t'envoie tout plein d'amour et de lumière depuis le Bénin.

Martina Kories Wili,  

Ruthliebe, dein achtsamer Bericht erinnert mich sehr eine Dokumentation, auf die Benno und ich vor einiger Zeit sitiessen: über Wander-Wölfe und ihre erstaunlich langen Wege, bevorzugt durch Wälder und über Höhen, die Zivilisation nur durchstosssend, wenn es sich nicht vermeiden lässt, lieber einmal mehr zurück als zu nah heran. Ich glaube fest an dich und deine Intuition - wir sind in Gedanken bei dir! Martina

Evelyne Bader,  

Liebe Ruth und Homer

Was für ein spannender Bericht, interresant auf der ganzen Linie, wir alle hier vom New Gracelandteam fibern mit und wünschen Euch beiden alles Gute auf der langen Reise an's schwarze Meer.

Toi toi toi

Evelyne und Team in Waltenschwil

Stecher monica,  

Liebe ruth welche freude, von euch zu hören - und noch grösere freude, dass es euch gutgeht! Viel an euch gefacht - nach wie vor mit "gezogenem hut". Weiter alles gute und schöne für euch beide! Luagat eu guat und ganz herzlicha gruass monica mit auka

Biendli,  

Liebs Greenpisli IG wünsche dir ganz viel Kraft ,flessige Füsse,gute Kontakte,und aus wo du dir wünscht danke Tag für Tag an dich

Ute Winkler,  

Liebe Ruth, danke fürs Mitnehmen auf diese wunderbare, wilde, tiefe, pure, transformierende Reise und fürs Eintauchendürfen in deine Erlebnisse. Weiterhin eine wundervolle Reise :)! Liebe Grüße Ute

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