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Go all the way #3

Ruth Wili wandert von St.Gallen ans Schwarze Meer. Sie berichtet auf saiten.ch von ihrer Reise. Hier der dritte Tagebuch-Bericht, «unaufhaltsam gut unterwegs» in Slowenien und Kroatien.
Von  Gastbeitrag

Ich stinke. Schneller als ich die erste Flasche Wasser intus habe, sobald ich die Kleider anziehe. Die dreimonatige tägliche Handwäsche derselben hilft nur noch bedingt. Da wird wohl einiges bald mal zu ersetzen sein.

Slowenien. Wald, Hitze, kaum oder keine Schilder. Keine Wanderwege. Weiter Karst. Ein Loch von 20 Metern Durchmesser im Boden kann zum unüberwindbaren Hindernis werden, der Weg im hohen Gras der freien Fortsetzung überlassen. Plötzliches Dickicht. Und endlos Zecken. Eine Strasse, auf der Lastwagen von Triest nach Kroatien durch die Häuser rollen. Buchstäblich durch die Häuser. Tonnenweise. Kolonnenweise (Momentaufnahme um 20.30). Jeder Feldweg doppelt willkommen, Irrwege eingeschlossen! Kaum sind wir von der Strasse, gibt es nur grüne Hügel! Und das Wissen: hinter uns liegt Meer, und vor uns!

Die Kunst des richtigen Tenüs 

Nachdem ich mir zweimal die Arme verbrannt habe, habe ich Slowenien gestern geknackt. Ist mir ein säuberlich gefalteter, im Rucksack mitgetragener Selbstentwertungsanteil bewusst geworden. Ein weisses Outdoorhemd, das ich noch in Bozen (!) gekauft hatte für die damals schon anbrechenden Vorboten wärmerer Tage, habe ich, um es weiss zu halten, einfach nicht angezogen. Habe mir allen Ernstes lieber die Arme verbrannt.

Dabei hatte ich beim Kauf den Himmel hoch! Hatte ohne Abstriche gesucht, bis ich das Hemd hatte, das alle Kriterien erfüllte. 1. hell, gegen die Sonne. 2. robuste Outdoormaterialien, frau schwitzt beim Wandern. 3. UV…-Schutz enthaltend und langärmlig, ich verbrenn mich sehr rasch und verabscheue die Textur von Sonnencreme auf der Haut, benütze das notwendige Minimum. 4. ich selber mir darin gefallend, hiess, kein mich schimmelkäsig machendes Türkis, und nein, auch kein butchiges Karohemd. Weiss war das verbleibende. 5. mit zwei korrekt platzierten Brusttaschen, die die Frage nach BH oder nicht verzichtbar machen. Ich brauche keinen. Ich trage solche Dinger nicht gern. Auf meiner Reise schon gar nicht. Und nein, auch nicht aus Angst davor, so oder anders zu wirken im grossen Ausland.

Seit drei Tagen nun trage ich das Hemd. Es ist (die Rebellin in mir schreit «schwer», ich antworte «aber es ist») ersetzbar, nicht aber meine Haut. Die lange, federleichte Hose ihrerseits glücklicherweise geruchsfrei, dazu beige, auch wenn das Wasser braun rausrinnt beim Waschen. Die bleibt stets «sauber». Was sie aber wirklich kostbar macht, ist ein ca. fünf Zentimeter breiter Stoffstreifen, der an der Innenseite der Beine ohne Naht im Schritt von Knöchel zu Knöchel verläuft. Schnitttechnisch liegt in der Hose die grösstmögliche Liebeserklärung eines Modedesigners oder einer Modedesignerin. Diese hier ist eine. Mein Verdacht bei dieser Hose: weiblich, evtl. lesbisch, in jedem Fall aber frei von jeglicher Objekt-Perspektive auf Frauen. Dazu eine ästhetische Meisterin vom Fach. Die Hose «trägt nicht auf», die Bequemlichkeit ist unsichtbar eingebaut.

Klar ist, diese Hose wird nicht ersetzt, auch wenn sie langsam arg locker auf den Hüften sitzt und einige Kampfspuren mit Dornen und Harz aufweist. Nicht, solange kein ebenbürtiger Ersatz gefunden ist. Und der wird nicht leicht zu finden sein. Für Nicht-Wandernde: Eine Hose, die im Schritt zu körpernah sitzt, wird mit dem enggeschnallten Hüftgurt des Rucksacks rein durch die weibliche Körperform unweigerlich zur Tortur. Der Gurt rutscht hoch, zieht die Hose mit. Nicht für einen Wandertag gut, geschweige denn für Monate.

Das Land, das uns Kräfte raubt – und Geschenke macht

So also wandern wir. Slowenien mit Schwere und Druck beladen. Wegen Müdigkeit immer mal wieder kürzer auf die Strasse gezwungen, und geradegezogen: ein einziges Erlebnis, das nachhaltige Schwere-Wirkung zeigte: Wir, hundemüde, suchten seit 12 Kilometern nach einem Zimmer. Kozina, endlich! Hier musste was zu finden sein. Aber: Hunde nein, auch beim zweiten und dritten Ort, und diesmal mit dem Nein einhergehend ein solches Erstaunen, dass er bisher immer reindurfte, auch in Italien, und solche mitfühlende Ratlosigkeit, was ich denn nun täte, dass ich tatsächlich daran zu glauben anfange, wir würden unsere ganze Slowenienzeit nie irgendwo drinnen schlafen können! Und nie duschen. Und das. So. Wie ich rieche. Und bei all den Zecken. Und wilden Tieren, die uns beide nicht schlafen lassen und die Sprache nicht können.

Slowenien, in meinem Kopf das Land, das uns die Kräfte raubt. Diese «Nein keine Hunde»-Begegnung; drei Männer, die alle im Kreis herum nicht die Chefs sind und daher nicht entscheiden dürfen, versorgen mich aber mit einem Grundstück, eingezäunt, zum Zelten! Und ungefragt mit Zeckenschutzmittel, das sehr krass ausschaut, und das ich, als ich mir das dritte Tier am Stück ablese, auch dankbar benütze, und am nächsten Tag auch noch mit Karten, als ich vorbeigehe, um zu danken. Mir «Parla bene di noi» mitgeben auf den Weg.

Eine Gastwirtin, die mir eine Crêpe bringt: «Gratis». Einfach so, und die Trinkgeld kaum annehmen will, (ja, wir haben drinnen geschlafen, auch wenn mein Hirn die Fehlprogrammierung schwer loslassen will), und die mir statt dem bestellten zwei riesige Sandwichs für Homer macht. Ein junger Kosoware, der mir, als ich Frühstück und Espresso bei ihm in der Bäckerei hole, einen Berliner einpackt. Er hatte mich kurz gefragt, woher ich komme. Und steckte ihn in den Sack mit einem Dank, wie viele Menschen aus Ex-Jugoslawien in der Schweiz aufgenommen worden seien und dort respektiert und geschätzt leben dürften. Ich hab einen Kloss im Hals ob seiner Wahl, zu danken, wo die Realität leider auch eine ganz andere ist.

Und dann Valter als Abschiedsgeschenk Sloweniens an uns. Wir mussten das letzte Stück zur kroatischen Grenze nun tatsächlich auf der Strasse gehen. Von Obrov bis Račice hatte uns immer noch irgendjemand einen Schleich-Wald-Wiesenweg angeben können. Und wir hatten jeden genommen und genossen. Einmal mit etwas leerem Schlucken: Da war ein ziemlich grosser Pfotenabdruck neben einer Pfütze und Homer schnupperte äusserst aufmerksam rum. Ich sang dann mal laut die nächste halbe Gehstunde. Račice nun. Keine durchgängigen Nebenwege mehr, auch keine Teilstücke. Strasse. Die Lastwagen. Und Hitze.

Ich beschloss, alle 20 Minuten 20 Minuten Pause im Schatten einzulegen für Homer. Allein das Kühlen braucht meinen treuen Freund. Und die Strasse ist auch noch dunkel. Das zogen wir so also durch. 20 Minuten sanfte, aber klare Führung, dann 20 Minuten Schatten und Gras, Wasser und Techniken zum Abstreifen des Stresses, um wieder neu und gekühlt auf die Strasse treten zu können. Und durfte erleben, dass Homer dreimal mit weich schwingender Rute zurückkehrte auf die Strasse! Absolut beglückend, diese Erfahrung. Heute waren wir wirklich «unaufhaltsam gut unterwegs», was als Motto über dieser Reise steht.

Die Freundlichkeit in Person

Valter also: Unmittelbar nach einer dieser Pausen gingen wir am rechten Strassenrand (da war mehr Ausweichspielraum, wobei auch Homer sonst links vorzieht, die Ungeheuer von hinten erschrecken weit mehr als die von vorn), und da stand er plötzlich links, leicht erhöht. Mit Gesichtsmaske. Und mit einem von diesen Stab-Gras-Mähern, das Gewucher an der Friedhofsmauer rasierend. Homer ist absolut wild auf frisch gemähtes Gras, könnte es kiloweise fressen, wir also d’accord: nichts wie rüber. Ich wollte keinen Versuch auslassen, vielleicht doch noch jemandem einen Waldweg für uns entlocken zu können. Grüsste, fragte, ob er Italienisch oder Englisch spreche. Englisch, und saugut. Er entschuldigte sich als erstes für sein grasverspritztes Aussehen (stimmt, ich trag ja das weisse Hemd!). Leider sei es tatsächlich bis Rupa nur diese Strasse. Ab da aber werde es gut für uns!

Wir plaudern einen Moment, haben, ich weiss gar nicht warum, zu lachen. Ob er Homer streicheln dürfe? Lieber einfach in Ruhe lassen. Homer schnuppert vorsichtig neugierig am Grasmenschen. Für gut befunden! Ob wir kühles Wasser wollten? Immer, ja gerne! Homer trinkt freudig vom Kalt, legt sich dann hin und schläft instant eine Runde im Schatten. Ich trinke ausgiebig und fülle unsere Flaschen neu. Valter hat heute frei und weil es ihm guttut, draussen zu sein und er gesehen hat, was für ein Urwald da an der Mauer wächst, mäht er heute einfach hier Gras. Und bietet uns kühles Wasser an. Nachher habe er noch Dinge zu erledigen im Garten. Welch eine sanfte, liebevolle Energie von diesem Menschen ausgeht! Glücksgefühl, ihn getroffen zu haben.

Brechen erfrischt und tief im Fluss wieder auf. Homer spürt ein Nest junger Schlängchen auf. Beide sehr fasziniert, aber durch die gefährlichen Lastwagen staunen wir nicht lange. Grenze. Die Zollbeamten müssen eine Fata Morgana sehen zwischen den Lastwagen. Aber meine ID belegt, wir sind real. Homers Pass wollen sie nicht sehen. Ziehe Slowenien gerade in mir, dann schreiten wir rüber. Um fünf zum Telefonieren abgemacht. Handyakku voll, muss und wird reichen. Alles andere offen. Weiter im 20-Minuten-Takt. 16.30 Uhr ein Schild: Sobe / Zimmer. WLAN. Wir können sogar skypen! Und bleiben, als es am nächsten Tag zwischen 96 und 100 Prozent von morgens bis abends regnet.

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor rund drei Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer. Auf saiten.ch berichtet sie von ihren Erfahrungen unterwegs.

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