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Goodbye EXREX und Danke!

Die von Saiten initiierte und betriebene Zwischennutzung im ehemaligen St.Galler Kino Rex ist Geschichte. Marc Jenny vom Saiten-Verlag über die Kraft des Machens, die Dynamik offener Räume und Modelle gegen das Renditedenken im urbanen Feld.
Von  Redaktion Saiten

Am Anfang war eine grosse Naivität. Oder Optimismus. Das ist die beschönigte Formulierung. Im Nachhinein passt sie glücklicherweise sehr gut. Wenn aber zu Beginn all die Problemchen und Herausforderungen bekannt gewesen wären, die mit der Zwischennutzung eines älteren Kinos einhergehen – es wäre vielleicht weise gewesen, nur von diesem Projekt zu träumen.

Bei uns war es andersrum. Wir hatten uns nie erträumt, was alles möglich sein wird im EXREX. Schon bei der Inbetriebnahme des Gebäudes, beim Erstellen des Sicherheitskonzepts und bei der Ingangsetzung der Heizung – immer tut sich eine Lösung auf. Immer kennt man jemanden, der oder die den passenden Stecker hat, die richtige Telefonnummer kennt oder weiss, wo der Gashahn ist. Nur durchs Machen entstehen Sachen. Das gilt natürlich auch für die Inhalte.

Saiten hat früh einen Aufruf an verschiedene Kulturtäterinnen und Veranstalter in und um St.Gallen gemacht. Dabei haben wir sowohl die Räume zur Nutzung angeboten als auch um Material gebeten. Auf einmal hatten wir Tontechnik, Bühnenelemente, Barmöbel, Lichtequipment und ein paar Menschen, die sich engagierten. All diese Erfahrungen machen Mut, um auch in Zukunft eine Idee mit einer gesunden Naivität anzugehen.

Erfreulich war auch, dass für fast alle Interessierten ein Platz gefunden wurde, sodass während elf Wochen über 30 Anlässe stattfinden konnten. Alle Veranstaltenden bezahlten einen tiefen Selbstkostenpreis als Miete. Dafür standen Ton- und Lichtequipment, Bar, Getränke und Kühlschränke zur Verfügung.

Gefragt sind Eigeninitiative und Selbstverantwortung

Die Palette reichte von Workshops mit Jugendlichen über Vorträge, Theater und Lesungen bis zu Konzerten, Partys und Versammlungen. Es wurden auch Transparente gemalt, gestreikt und geprobt. Das EXREX bot Freiräume an, die unkompliziert bespielt werden konnten.

Die Zwischennutzung war nicht nur Plattform, sondern auch Motor und Entstehungsort. Am allermeisten war sie jedoch Begegnungsort. Von Menschen. Und auch von Umständen. Zwischennutzungen sind Möglichkeitsräume und geben Impulse für Projekte, die sonst nie stattfinden würden. Sie verstärken die Eigeninitiative. Deshalb: Wann immer sich die Möglichkeit für eine Zwischennutzung ergibt – ergreift sie! Unbedingt und grundsätzlich!

Im EXREX wurde allen Nutzerinnen und Besuchern ein gesundes Mass an Selbstverantwortung für Gebäude und Equipment übertragen. Technik und Getränke waren frei zugänglich. Das wurde nicht missbraucht. Alle Mikrophone sind noch vorhanden, keine Harasse fehlen, alle Geräte funktionieren noch. Obwohl ganz viele unterschiedliche Menschen damit hantierten.

Bestehende Räume öffnen

Diese positiven Erfahrungen mit offenen Veranstaltungsräumen könnten auch für etablierte Veranstaltungsorte spannende Inputs geben. Theater, Kunstmuseum, Palace, Tonhalle oder in der Region z.B. Treppenhaus, Eisenwerk, Phönix, Chössi, Fabriggli, Alte Fabrik und und und… Wenn man die Türen öffnet und reinlässt, was da draussen wartet, ergeben sich spannende Synergien und das Haus wird automatisch lebendiger. Der Einbezug dieses Potentials führt zu neuen Bezugslinien, Erkenntnissen und letztlich auch zu einer Qualitätssteigerung des Kulturangebots.

Das entspricht auch einem zeitgemässen Kulturbegriff, der das Gemeinsame vermehrt in den Fokus rückt. Heutzutage ist Kultur kooperationsfähig und pflegt einen konstruktiven Umgang mit Widersprüchen. Damit reagiert sie auch auf ein gesellschaftliches Bedürfnis. Das geniale Einzelkämpfertum ist immer weniger gefragt. Das sieht man auch politisch, wo Trump und Konsorten nur noch eine eigenbrötlerische Klientel bedienen können. Impulse für eine offene Gesellschaft und Lösungsansätze für die Herausforderungen der Zukunft sind aus dieser Ecke keine zu erwarten.

So könnte man auch kulturpolitisch anders denken. Anstatt neue Räume und Häuser zu fordern, wäre es reizvoll, das bestehende Potential besser zu nutzen und punktuell zu ergänzen. Geteilte Ressourcen bringen viel mehr als das ängstliche Verteidigen von Pfründen und das Gärtlidenken. Räume, Equipment, Publikum, Gelder, Netzwerke – wäre das alles Open Source, die Dynamik wird eine ganz andere. Aber Achtung, hier geht es nicht um Optimierung – sondern um Kooperation. Was trotzdem weiterhin nötig ist: Eine gute, wirkungsvolle Kultur muss seriöser alimentiert werden!

Im EXREX wurde diese Offenheit unter anderem dann spürbar, wenn zwei Veranstaltungen mehr oder weniger zeitgleich stattfanden. Vor dem Haus und in den Räumen war das Publikum auf einmal bunt gemischt. Grenzen wie Jazzhörerin und Theaterbesucher, Organisatorin und Kunstschaffende lösten sich auf. Der Abend wurde durch die Anwesenden geprägt.

Modelle gegen das Renditedenken

Latent anwesend war aber auch die zeitlich beschränkte Nutzung. Schön, dass mit dieser «Jetzt-oder-nie-Stimmung» eine Normalität mit all ihren Herausforderungen verhindert wurde. Es war immer klar, dass irgendwann die Bagger kommen. Nun entsteht dort Gewerbe und Wohneigentum. Erinnern wir uns an die Situation beim Kugl, als Zuzüger den Club mit Lärmklagen in arge Bedrängnis brachten. Eine solche Dynamik wäre verheerend für Palace und Grabenhalle.

Die jetzige Besitzerin des Gebäudes, die Firma HRS, hat uns das Kino Rex für die Zwischennutzung unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Trotz diesem Engagement ist der Totalunternehmer eher bekannt für Renditemaximierung.

Man kann einer Firma jedoch nur bedingt den Vorwurf machen, möglichst gewinnbringend zu wirtschaften. Hingegen darf man einer Gesellschaft und ihren Politikern durchaus vorwerfen, dass sie der städtebaulichen Gentrifizierung und dem hochproblematischen omnipräsenten Renditedenken, das unseren Lebensraum immer mehr vereinnahmt, keinen Begrenzungsrahmen setzen.

Für solches Handeln brauchen wir aber immer auch Modelle, die dabei helfen, sich Alternativen vorzustellen. Genau ein solches alternatives Modell war das EXREX. Gelebte und lebendige Nichtrendite, die durch die Kraft der Kollaboration aufblühte. So gesehen war das auch ein nachhaltiges politisches Statement.

Politik und Gesellschaft sind angewiesen auf Menschen, die mit einer gesunden Portion Naivität etwas wagen, das auch mal scheitern darf. Das ist eine der Aufgaben von Kultur. Dass die Zwischennutzung nicht gescheitert ist, verdanken wir allen, die konstruktiv mitgewirkt haben und diesen Ort für ein paar Wochen zu dem nachhaltigen Begegnungsort gemacht haben, den wir so euphorisch in Erinnerung halten werden. Goodbye EXREX und Danke!

Marc Jenny ist Musiker und Saiten-Co-Verlagsleiter.

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