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«Ich habe ziemlich viel Übung im Sterben»

Im Interview spricht Gardi Hutter über das existenzielle Wesen des Clowns, Feminismus und ihre Sozialisierung im konservativen Rheintal. Am Paula Interfestival tritt sie letztmals als Hanna auf.

(Bild: Laurin Bleiker)

(Bild: Laurin Bleiker)

Sai­ten: Nach 44 Jah­ren und über 4000 Auf­trit­ten mit Han­na bist du auf Ab­schieds­tour­nee. Wie läufts?

Gar­di Hut­ter: Es ist der Wahn­sinn: Die Leu­te la­chen, wei­nen, re­agie­ren mit Stan­ding Ova­tions, strah­len­den Ge­sich­tern und vie­len po­si­ti­ven Rück­mel­dun­gen und vol­len Sälen. Gleich­zei­tig ist es ei­ne an­stren­gen­de Tour, sie ist um­fas­sen­der ge­wor­den als ge­plant. Ich spie­le zu viel, wes­halb ich auf den Stümpen bin. Den­noch ge­ben mir mei­ne Auf­trit­te viel En­er­gie. Des­halb fra­ge ich mich manch­mal: Will ich wirk­lich da­mit auf­hören?

Willst du?

Ich ha­be das Ge­fühl, mein Pu­bli­kum will es nicht. Es ist auch ein Ri­si­ko, mit et­was auf­zu­hören, das funk­tio­niert – das ist ge­gen al­le Re­geln. Aber ich fühle krea­ti­ve Not­wen­dig­keit, Ge­wicht ab­zu­wer­fen und Ma­te­ri­al los­zu­wer­den. Ich will nicht mehr mit der ro­ten Na­se auf­tre­ten. Was ich kei­nes­falls auf­ge­ben will, ist das lus­ti­ge Thea­ter. Bei mei­nem Pro­gramm sol­len al­le rein­kom­men. Ich will noch­mals et­was Neu­es ver­su­chen und wenn es gar nicht klappt, gibt es halt ein Han­na-Come­back.

War­um wol­len die Leu­te Han­na nicht los­las­sen?

Die Leu­te ge­hen als Han­na an die Fas­nacht und sie ist das Ob­jekt zahl­rei­cher Mas­ter­ar­bei­ten oder Auf­sätze. Ich den­ke, dass ich mit ih­rer Fi­gur et­was Al­tes auf­ge­grif­fen ha­be. Da ich in Altstätten auf­ge­wach­sen bin, wa­ren die dor­ti­ge Fas­nacht und die ka­tho­li­sche Mes­se für mei­ne Stücke grund­le­gend. In der Mes­se ver­sucht man ei­nen gu­ten Men­schen zu for­men, an der Fas­nacht lässt man al­les Wil­de raus. Ein Clown ver­körpert das al­les, er ver­bin­det das Sa­kra­le mit dem Pro­fa­nen, das Ar­chai­sche, das Po­li­ti­sche, das mensch­li­che Da­sein, die Gier, die Un­fähig­keit – al­les At­tri­bu­te, die exis­ten­zi­ell zum mensch­li­chen Da­sein da­zu­ge­hören. Der Clown stammt aus der ur­alten Tra­di­ti­on, dass sich ein­mal im Jahr das Tor zu den To­ten öff­net, die dann mit uns fes­ten und wie­der ge­hen. Fas­nacht, Sil­ves­ter und Hal­lo­ween ha­ben bis heu­te über­lebt. Früher war der Tod mehr Teil des Le­bens, heu­te geht man ins Hos­piz zum Ster­ben, das Me­men­to mo­ri wur­de aus­ra­tio­na­li­siert. Mit Han­na ha­be ich dem Tod Präsenz ge­ge­ben, ich bin über 4000-mal auf der Bühne ge­stor­ben, ich ha­be ziem­lich viel Übung im Ster­ben.

Des­halb nimmst du in dei­nem nächs­ten Stück Ab­schied vom Tod?

Im nächs­ten Stück in­ter­es­siert mich die Ge­burt. Sie steht am an­de­ren En­de und stellt die grund­le­gen­de Fra­ge, wie aus Nichts et­was ent­ste­hen kann. Auf die wich­tigs­ten Fra­gen un­se­res Le­bens ha­ben wir nach wie vor kei­ne Ant­wor­ten. Wir wis­sen zwar je­den Tag, was wir zu tun ha­ben und was es zu er­le­di­gen gilt. Wir be­schäfti­gen uns da­mit, was uns stört und ver­brin­gen un­se­re Zeit in ei­nem so­zia­len Netz, das an­stren­gend ist. Wie in ei­nem Amei­sen­hau­fen wim­meln wir her­um. Da­bei ist un­ser Pla­net­li Er­de win­zig und im Ver­gleich zu all den Mil­li­ar­den Pla­ne­ten um uns her­um un­wich­tig. Und wir sind ständig von ir­gend­wel­chen Ap­pa­ra­ten ab­ge­lenkt. Das Thea­ter ist da­bei ei­ner der letz­ten ana­lo­gen Or­te. Hier ist man im ab­so­lu­ten Jetzt. Und Clown­stücke ver­körpern da­bei die gros­sen Dra­men: Es geht um Ka­ta­stro­phen, ums Schei­tern. Im Pri­va­ten will nie­mand ein Clown sein. Ich aber ma­che mich frei­wil­lig lächer­lich. In acht mei­ner neun Stücke bin ich am En­de tot. Dann geht ein Seuf­zer durchs Pu­bli­kum. Zu­vor wur­de ei­ne Stun­de ge­lacht, was ei­ner in­ne­ren Mas­sa­ge gleich­kommt. Denn La­chen ist ei­ne kul­tu­rel­le Er­fin­dung, im Ge­gen­satz zum Wei­nen, was ei­ne «na­türli­che» Re­ak­ti­on ist. In­so­fern ist über et­was zu la­chen die in­tel­li­gen­te­re Re­ak­ti­on, als über et­was zu wei­nen.

Wie weit bist du mit dem neu­en Stück?

Ich ar­bei­te seit zwei Jah­ren dar­an. Es wird re­du­zier­ter. Ak­tu­ell bin ich im­mer mit Tech­ni­ker:in­nen und Equip­ment mit dem Bus un­ter­wegs. Ich lie­be es, mei­ne al­ten Stücke zu spie­len – es fühlt sich an, wie mit gut ein­ge­lau­fe­nen Berg­schu­hen zu wan­dern. Aber ich freue mich auch dar­auf, in Zu­kunft mit dem Zug un­ter­wegs zu sein. Am Pau­la In­ter­fes­ti­val die­sen Som­mer in St.Gal­len wer­de ich in der ers­ten Wo­che mei­ne vier al­ten Stücke zei­gen und in der Wo­che dar­auf mein neu­es Pro­gramm. Es wird al­so gleich­zei­tig Der­nière und Haupt­pro­be.

Wie kommts zur Zu­sam­men­ar­beit mit dem Pau­la In­ter­fes­ti­val?

Ich ha­be lan­ge mit dem Thea­ter St.Gal­len ver­han­delt, wo ich oft ge­spielt ha­be. Zwar ist der al­te Di­rek­tor kürz­lich ge­gan­gen, aber es ha­ben auch un­ter der neu­en Lei­tung meh­re­re Ge­spräche statt­ge­fun­den, doch mit­ten in den Ver­hand­lun­gen hat mei­ne Agen­tur ein­fach kei­ne Ant­wort mehr er­hal­ten. Am Te­le­fon war nie­mand ver­fügbar. Das emp­fin­de ich als re­spekt­los. Na­türlich sind sie zu nichts ver­pflich­tet, aber ei­ner ein­hei­mi­schen Künst­le­rin, die mehr­mals das Haus ge­füllt hat, nicht zu ant­wor­ten, fühlt sich für mich schäbig an. Und so woll­te ich bei mei­ner Ab­schieds­tour­nee St.Gal­len aus­las­sen. Dann kam der An­ruf vom Pau­la In­ter­fes­ti­val mit der Fra­ge, ob ich bei ih­nen spie­le, und ich ha­be mich sehr ge­freut. Auch weil am In­ter­fes­ti­val vie­le jünge­re Leu­te im Pu­bli­kum sit­zen, die bei mei­nen Auf­trit­ten im eta­blier­ten Thea­ter eher in der Un­ter­zahl sind. Thea­ter ist in Eu­ro­pa nicht «der Ort» für Jun­ge, in Bra­si­li­en ist mein Pu­bli­kum 20 bis 30 Jah­re jünger. Wenn die Jünge­ren mei­ne Stücke se­hen, sind sie über­rascht und ha­ben den Plausch. Und auch ich brau­che die Auf­trit­te in klei­ne­ren Häusern – sie bie­ten ein Netz­werk, das gut­tut.

Wel­che Rol­le hat das Rhein­tal in dei­nem Wer­de­gang ge­spielt?

Ich bin in den 1960er-Jah­ren auf­ge­wach­sen, da­mals war die Welt ei­ne an­de­re. Es war Frau­en ver­bo­ten, Ho­sen zu tra­gen, es gab ein Kon­ku­bi­nats­ver­bot, es gab kein Frau­en­stimm­recht, al­les war streng, ri­gi­de und kon­trol­liert. Die­se Welt bot Mädchen kei­ne Möglich­kei­ten. Des­halb ha­be ich auch ein­ge­wil­ligt, dass ei­ne Bio­gra­fie über mich ver­fasst wird. Die Jun­gen heu­te können sich nicht vor­stel­len, wie das war. Die Bil­dung für Frau­en wur­de sys­te­ma­tisch ein­ge­schränkt, die ein­zi­ge Op­ti­on war Mut­ter und Haus­frau. Das ha­be ich noch er­lebt, es ist noch kein Jahr­hun­dert her.

Du lebst seit lan­gem im Tes­sin. Hast du Be­zug zur al­ten Hei­mat?

Mein Bru­der lebt hier, und im­mer, wenn ich in der Ost­schweiz bin, fällt mir auf, dass es hier vie­le Ori­gi­na­le gibt. Früher wur­den sie «Spin­ner» ge­nannt, aber es sind oft fas­zi­nie­ren­de Per­so­nen, die nicht ein­fach ko­pie­ren, son­dern tol­le Sa­chen aus dem ei­ge­nen Sud kre­ieren – und sich kei­nen Deut um die Mei­nung an­de­rer kümmern. Heu­te könn­te ich auch wie­der hier le­ben.

Wel­che Rol­le spielt der Fe­mi­nis­mus in dei­ner Kunst?

Ei­ne ko­mi­sche Frau auf die Bühne zu stel­len, war für mich ein zu­tiefst fe­mi­nis­ti­scher Akt. Denn es gab früher kei­ne weib­li­chen Clowns. Oder man hat sie nicht ge­se­hen, viel­leicht ha­ben Frau­en in Männer­klei­dern Clowns ge­spielt oder sie wur­den in die Psych­ia­trie ge­steckt, weil Frau­en nicht ko­misch sein sol­len. Ko­mik ist ag­gres­siv und ent­lar­vend – das pass­te nicht zu den «weib­li­chen Tu­gen­den». Frau­en wein­ten still in ih­rer Kam­mer und Männer tran­ken in der Beiz und strit­ten. Das Dik­tat, was weib­lich ist und was nicht, hat sich ve­rändert. Ein Jour­na­list hat einst über mich ge­schrie­ben, wenn ei­ne Frau auf der Bühne schwit­ze, sei sie wie ein Tier. Mei­nen Schweiss fand er «un­ap­pe­tit­lich», er hat ihn er­schreckt. Manch­mal ver­lies­sen auch Zu­schau­er em­pört den Saal, das kann man sich heu­te nicht mehr vor­stel­len. Früher ha­be ich wohl ag­gres­si­ver ge­spielt, heu­te ist mehr die Ver­lie­rer­sei­te wich­tig, wir ha­ben uns al­le ent­spannt. Den­noch hal­ten sich ge­wis­se Frau­en- und Männer­bil­der zäh. Aber ich freue mich über mein au­to­no­mes Le­ben und schätze die Frei­hei­ten, die kei­ne Ge­ne­ra­ti­on von Frau­en vor mir hat­te.

 

Gar­di Hut­ter, 1953, ist in Altstätten auf­ge­wach­sen, hat sich an der Schau­spiel Aka­de­mie Zürich (heu­te ZHdK) aus­ge­bil­det und im Cen­tro di Ri­cer­ca per il Tea­t­ro Mila­no ih­ren ei­ge­nen Clown­stil ent­wi­ckelt. Seit 1981 hat sie neun Clown-Thea­ter­stücke pro­du­ziert und in über 35 Ländern auf­ge­führt. Die zwei­fa­che Mut­ter hat in der Schweiz und im Aus­land über 20 Kunst­prei­se er­hal­ten. Aus­ser­dem sind von ihr drei Kin­der­bücher und ei­ne Bio­gra­fie er­schie­nen.

Gar­di Hut­ters Han­na-Der­nièren am Pau­la In­ter­fes­ti­val: 13. Au­gust (Die tap­fe­re Han­na), 14. Au­gust (So
ein Käse), 15. Au­gust (Die Souf­fleu­se), 16. Au­gust (Die Schnei­de­rin), je­weils im Saal 1 der Lok­re­mi­se St.Gal­len.

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