Der Wetterkontrast hätte nicht auffälliger sein können: Zuerst acht Tage Sonnenschein mit Rekordtemperaturen und am Wochenende zwei Tage kühler Regen mit Sturm und Blitzen. Obwohl am Donnerstagabend beim Festivalzentrum auf der Kreuzbleiche Blitz und Donner fast schon beängstigende Dimensionen angenommen hatten, hat der Wetterumschwung der Stimmung des Anlasses nicht geschadet. Es hatte sogar sein Gutes, da es zumindest während der Aufführungen in der Grabenhalle und der Lokremise nicht mehr so extrem heiss war.
Kontrastreich war auch das Programm der zehn Festivaltage. Die Bandbreite der insgesamt mehr als 70 Veranstaltungen war nicht nur bezüglich Emotionen und Eindrücken spannend, sondern auch inhaltlich fordernd; von dadaistischen Avantgarde-Performances über groteske komödiantische Darbietungen bis hin zu berührender tänzerischer Schönheit.
Spielerisch witzig und unterhaltsam war zum Beispiel die Herzblatt-Show der inklusiven Theatergruppe Heitere Fahne aus Bern. Dank deren Kuppel-Format haben an jenem Abend unterschiedlichste Menschen zusammengefunden. Bereits Stunden vor der Aufführung hat die Theatergruppe das Publikum in der Festival-Beiz Pauli auf der Kreuzbleiche dazu eingeladen, sich zu schminken und zu verkleiden oder sich Gedanken über die Liebe und Beziehungsformen zu machen.
Persönlich und eindrucksvoll
Abstrakt war die Performance des israelischen Künstlers Amnon Barri in der Grabenhalle inszeniert. Begleitet von seinem Landsmann, dem Musiker Amit Yamin, verarbeitet Barri im Stück Ras Burqa ein traumatisierendes Erlebnis aus seiner Kindheit. Während eines gemeinsamen Familienurlaubs am Roten Meer Mitte der 1980er-Jahre wurde seine Schwester bei einem Anschlag durch einen ägyptischen Soldaten ermoret. Fast 40 Jahre nach dem Attentat versucht sich der Künstler in einer Art Heilungsprozess vom ewigen Mitleid der Menschen und den traumatisierenden Erinnerungen zu lösen, indem er seine Geschichte stetig wiedererzählt.
Visuell und choreografisch stark war die Inszenierung Le Tir Sacré der französischen Tänzerin Marine Colard und ihrer belgischen Kollegin Esse Vanderbruggen in der Lokremise. Synchron und grösstenteils in völliger Symbiose setzten die beiden Tänzerinnen – begleitet von Original-Sportkommentaren aus dem Off – in übersteigerter Form olympische Sportarten und Gesten in Szene.
Zu Ende gegangen ist das zehntägige Festival am Samstagabend in der Lokremise mit dem Stück Paulsen und einer anschliessenden Party. Während des Festivals haben mehrere Künstler:innen zusammen performative Möglichkeiten ausprobiert und erarbeitet: Paulsen – bei dem die Schauspieler:innen beispielsweise Schimpansen imitierten oder ihr Hinterteil entblössten und den Zuschauer:innen entgegen streckten – war das Ergebnis eines zehntägigen kollaborativen Prozesses und kreativen Austauschs der beteiligten Künstler:innen.
Irritation und Überforderung
Nicht nur Paulsen, auch andere gezeigte Stücke wie L’homme n’existe pas des Cirque de Loin oder Labyrinth of Love von Roberto Guerra und Kristina Spitzley, die bewusst mit neuen Formen von Sexualität und Beziehung kokettieren, haben einige im Publikum offenbar überfordert. Mehrmals haben Personen während der Vorstellungen aufgrund von Nacktheit oder expliziten, animalischen Darstellungsformen den Saal verlassen.
Genauso darf es sein, genauso muss es sein. Darstellende Kunst darf und soll auch anecken, irritieren oder auch mal verstören. Verstörung regt zum Denken an, das Denken wiederum setzt einen Dialog in Gang und bringt letzlich Menschen zusammen. Das Paula-Interfestival der freien Szene ist genau deshalb ein erfrischender Kontrast zu den grösstenteils wenig aufregenden und sich oft wiederholenden Spielplänen der etablierten Tanz- und Theaterhäuser.
Bei Mosaik vom Zirkus Chnopf wird horizontal vertikal.
Die erste Ausgabe des Paula-Interfestivals ist gelungen, von der Atmosphäre genauso wie von den aufgeführten Stücken. Selbst die Macher:innen der Veranstaltung zeigen sich positiv überrascht und erfreut: Trotz der sommerlichen tagelangen Hitze haben im Schnitt täglich rund 250 Personen die jeweiligen Aufführungen in der Grabenhalle, der Lokremise und der Kreuzbleiche besucht, deutlich mehr als die Macher:innen erwartet haben.
2025 gibt es den zweiten Anlauf
Organisatorisch lassen sich Kritikpunkte nur spärlich finden und wenn, dann hängen sie wohl eher mit dem Setting der Spielorte oder den bewussten konzeptuellen Überlegungen der Regisseur:innen zusammen. Beispielsweise wurde mindestens eine Inszenierung ohne Mikrofone aufgeführt, wodurch die akustische Verständlichkeit gelitten hat. Eine Veranstaltung mit inklusivem Anspruch sollte solche kleine Hürden – im Hinblick auf Menschen mit einer Beeinträchtigung des Hörvermögens – möglichst vermeiden. Auch die teilweise Überschneidungen der einzelnen Aufführungen machten die Entscheidung, für welche Aufführung Tickets zu kaufen, nicht einfacher, auch wenn sich Überlappungen bei einem solch dichten Programm wohl nie ganz vermeiden lassen.
Nach der gelungenen Premiere 2023 macht Paula definitiv Lust auf mehr. Sollte wie geplant 2025 die zweite Ausgabe über die Bühne gehen, dürfte sich das Festival als eine längst fällige Bereicherung für die Ostschweiz und die freie Szene etablieren, insbesondere für die Kulturmetropole St.Gallen.
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