Ein Raum zum Proben, zwei oder drei Wochen lang zur Verfügung gestellt, Licht- und Tontechnik vorhanden, für Essen und eine einfache Schlafmöglichkeit ist gesorgt, rundherum sind andere Kunstschaffende an der Arbeit, man trifft sich, tauscht sich aus, und am Ende gibt es eine öffentliche Aufführung mit Werkstattcharakter.
Tönt ideal. Ist es auch, sagt Stéphane Fratini von der St.Galler Cie Buffpapier. Von solchen «Residenzen» haben er und seine Mitspieler:innen mehrfach profitiert, unter anderem für das letzte grosse Projekt Apocalypso, uraufgeführt 2022 auch in St.Gallen und anderswo in der Schweiz. Die Residenzen waren wichtige Etappen auf dem Weg zum endgültigen Stück. Stattgefunden haben sie allerdings nicht hier. Die ideale Theaterwelt für freie Truppen liegt nicht in St.Gallen, sondern, im Fall von Buffpapier, in Spanien und in Frankreich.
Auch Gisa Frank weiss von Residenzangeboten anderswo, zum Beispiel im französischen Belfort, in Delémont im Jura, in Berlin usw. Die in Ausserrhoden lebende Tänzerin und Choreografin hat sich jahrelang für ein Werkhaus starkgemacht, das freischaffenden Tanz- und Theaterensembles Probe-, Aufführungs- und Austauschmöglichkeiten bieten sollte, und hat Häuser in diversen anderen Städten besucht. Immer wieder tauchten auch im Appenzellerland Objekte auf, die eventuell für eine solche Umnutzung in Frage zu kommen schienen. Die Gruppe Werkhaus AR besichtigte Objekte in Heiden, in Herisau, in Teufen, in Stein, das Projekt fand Eingang in das Ausserrhoder Kulturkonzept.
Nach 20 Jahren neue Hoffnung
Zum Greifen nah schien ein solches Haus schon zuvor in St.Gallen, als das Mummenschanz-Theater nach der Expo ’02 der Stadt als Geschenk angeboten wurde. Eine Volksabstimmung vereitelte das Projekt, «T-Haus» genannt, damals (hier mehr über die langjährigen, vergeblichen Bemühungen für ein Werkhaus).
Jetzt ist das «Haus für die Freien» wieder auf der Tagesordnung, dank des Provisoriums namens «Um!Bau», mit dem Konzert und Theater St.Gallen die drei Jahre der Renovation des Theatergebäudes überbrücken. Könnte der stattliche Holzbau auf dem Unteren Brühl vor der Tonhalle nach dem Ende der Renovation, also über Herbst ’23 hinaus, für weitere drei Jahre stehen bleiben und von den Freien genutzt werden?
Die Frage hat Stadtparlamentarier Peter Olibet aufgebracht, ein Podium im Januar zeigte das lebhafte Interesse der Szene am Gebäude und der designierte Theaterdirektor Jan Henric Bogen machte Mut: Falls eine Verlängerung möglich sei, könnte das Theater allenfalls ab 2024 auch in der Lokremise Platz freimachen für die Freien.
Die IG Kultur Ost hat Ende Januar bei Kanton und Stadt ein Gesuch um Verlängerung der Bewilligung für das Provisorium gestellt, aber die Chancen schienen gering: Für die Nachnutzung des Provisoriums stehe «aktuell eine andere Option im Vordergrund», allerdings sei noch nichts definitiv entschieden, teilte Regierungsrätin Laura Bucher der IG auf Nachfrage mit.
Auf Seiten der Stadt St.Gallen hält das Kulturkonzept 2020 als Massnahme unmissverständlich fest: «Ein professionell geführtes Haus bietet Arbeitsräume und Aufführungs-, Ausstellungs- und Koproduktionsräume für die freie Szene. Es funktioniert spartenübergreifend und ermöglicht Gastspiele auswärtiger Gruppen.»
Auf Seiten des Kantons bestätigt die Kulturförder-strategie 2020 bis 2027 unter Punkt 5.1.4, es sei «ein Manko an Räumen für die freie Szene und besonders den Tanz und das Theater in der Stadt St.Gallen festzustellen». Als «Handlungsfeld» definiert der Kanton daher: «In den nächsten Jahren ist gemeinsam mit der Stadt St.Gallen eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für das freie Theater, besonders in der Stadt St.Gallen, zu prüfen – für freie Theatergruppen der Ostschweiz ebenso wie im Austausch mit anderen Städten.»
«Kanton und Stadt erfüllen ihre Aufgabe nicht»
Am Podium Mitte Januar pflichtete auch Stadtpräsidentin Maria Pappa bei: Die Stadt steht in der Pflicht. Passiert ist aber, wie am selben Abend mehrfach beklagt wurde, noch nichts. Ann Katrin Cooper, Präsidentin der IG Kultur Ost und Betreiberin des kleinen Proberaums Pool im St.Galler Lachenquartier, wo die Diskussion stattfand, wird auf Nachfrage entsprechend deutlich: Ein solches Kulturhaus sei «gerade in Zeiten wie heute» dringend, es könne spartenübergreifend funktionieren, als Begegnungs- und Partizipationsort dienen, sinn- und gemeinschaftsstiftend wirken. Kurzum: «Eine kantonale und städtische Regierung, die das Potenzial eines Kulturhauses nicht erkennt oder ignoriert, hat etwas ganz Grundsätzliches nicht verstanden. Und erfüllt ihre Aufgaben nicht.»
Cooper nennt ihre Vision bewusst «Kulturhaus». Auch wenn die darstellenden Künste, Theater, Tanz und Performance im Vordergrund stünden, müsse ein solches Haus über Theater hinaus für möglichst viele Sparten und soziale Kreise gedacht sein. Kultur sei die treibende Kraft für viele gesellschaftlichen Prozesse. Damit diese in Gang kommen könnten, seien zwar Menschen entscheidend – aber ebenso ein Haus. Ein Haus biete Raum zum Arbeiten, verleihe der Szene Sichtbarkeit und bringe einheimische und auswärtige Companies in Kontakt. Zudem findet sie wichtig, über einen engen Kulturbegriff hinaus auch Leute, insbesondere migrantische, zu involvieren, «die bisher in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht vorkommen».
«Ein Haus ist einfach ein Tool»
Braucht es überhaupt ein Haus? Den Einwand kennen alle von Saiten Befragten: Die letzten Jahrzehnte in St.Gallen hätten doch gerade gezeigt, dass die freie Szene ihre Spielräume auch ohne fixes Haus finde und behaupte. Oder nicht?
Gisa Frank erinnert die Frage an die ewige Diskussion über Huhn und Ei. Sie selber hat sich mit Tanz und Performance in der Landschaft einen Namen geschaffen. Ihre Produktionen spielen draussen, «vom See bis zum Säntis», oder tourten, wie 2019 das Stück Gemischte Beine, bewegte Gefühle, durch diverse Dorfsäle. So inspirierend die Herausforderung, immer wieder neue Orte zu bespielen, auch sei: Ihre Art des Arbeitens sei auch aus dem Fehlen eines fixen Probe- und Aufführungsorts entstanden. «Es braucht ein Haus, um wahrgenommen zu werden.»
Auch die in Ausserrhoden und Vorarlberg domizilierte Gruppe Café fuerte hat sich auf Outdoor-Theater spezialisiert. Sie spielte schon auf der Ebenalp, auf dem Gäbris oder in einer Seilbahn, auf Dorfplätzen und vor einem Lastwagen. Oliver Kühns Theater Jetzt ist ein weiteres Beispiel für ortsspezifische Inszenierungen. Das Panorama Dance Theater von Ann Katrin Cooper und Tänzer Tobias Spori hat seinerseits schon fast überall in der Stadt gespielt, vom alten Volksbad bis zu einer Kletterhalle. Alles spannend, sagt sie, aber schwierig von den Produktionsbedingungen her. In der Kletterhalle etwa konnte nur nachts aufgebaut und geprobt werden, wenn die Halle geschlossen war. Hauptprobe um 1 Uhr nachts: «Das sind keine auf Dauer tauglichen Arbeitsbedingungen.»
Michael Fingers Cirque de Loin oder Stéphane Fratinis Cie Buffpapier spielen seit Jahren im Zelt. Für die Zirkus- oder Variété-inspirierte Ästhetik der Truppe sei das passend – für andere Stücke weicht Buffpapier in St.Gallen in die Grabenhalle aus. Wenn er sich für ein fixes Theaterhaus einsetze, dann weniger für sich selber als für jüngere Tanz- und Theaterleute, die allzu oft St.Gallen verlassen müssten, weil hier die Räume fehlten, sagt Fratini. «Wir müssen an die kommenden Generationen denken.» Und das heisse auch, dass Raum und Infrastruktur niederschwellig und kostengünstig zugänglich sein müssten.
derpool.ch paula-interfestival.ch buffpapier.ch frank-tanz.ch zukunftbahnhof.ch
«Ein Haus ist einfach ein Tool», sagt er – dieses Werkzeug soll möglichst allen Ensembles als Arbeitsplatz zur Verfügung stehen: «Die Zeit der Techniker:innen, die Arbeitsplätze für sich beanspruchen und sie für andere Interessenten undurchschaubar machen, muss vorbei sein, denn der Zeitgeist ist nicht mehr der des Eigentums, sondern des Teilens.» Ein Haus für die Freien, das Projekte fördert und Arbeitsprozesse ermöglicht, mit einer Infrastruktur als «Open Source»: Das würde viel Dynamik in die regionale Szene bringen und einen Domino-Effekt erzeugen, ist Fratini überzeugt.
Ein trojanisches Pferd namens Paula
Solche Effekte erhofft sich auch Rebecca C. Schnyder. Die Autorin und Kulturveranstalterin ist zusammen mit dem Theatermann Michael Finger die treibende Kraft hinter einem neuen Festival für Theater, Tanz, Zirkus und Performance, das diesen August erstmals in St.Gallen stattfindet. «Paula Interfestival» bringt zwei Wochen lang hiesige und auswärtige Produktionen in die Lokremise, in die Grabenhalle und in ein Zelt auf der Kreuzbleiche.
«Paula entstand, um die Lücke an Auftrittsmöglichkeiten wenigstens ein bisschen zu schliessen», sagt Schnyder. «Wenn schon kein Haus, dann halt ein Festival.» In der Lokremise schmiegt sich Paula selber in eine Lücke: das schmale Zeitfenster im Sommer zwischen dem Kinok-Openairprogramm und dem Spielzeitstart des Theaters St.Gallen, das seine Probendisposition zugunsten von Paula leicht angepasst habe. In der Lok sehe sich das Festival als «trojanisches Pferd» ohne kriegerische Absicht, sagt Schnyder: «Wir nehmen uns unseren Platz – aber nicht kämpferisch, sondern liebevoll.»
Auch wenn die «Freien» ihre Kreativität und Flexibilität überall einbringen könnten: «Es braucht ein Haus, einen Verankerungspunkt, um Sichtbarkeit und Zusammengehörigkeitsgefühl zu etablieren.» Dafür stehe Paula ein, mit seinem öffentlichen Programm und daneben einem «Inside Festival», das von Trainings bis zu Partys die freie Szene zusammenbringen soll. Dass diese Szene vielfältig und lebendig ist, steht für Schnyder ausser Frage: Rund 60 Namen umfasst eine unvollständige Liste von Köpfen und Ensembles, welche die Paula-Initiant:innen zusammengetragen haben.
Die Langzeitperspektive umschreibt Rebecca C. Schnyder so: «Ein subventioniertes und kuratiertes Haus für die Künste, mit Infrastruktur zum Produzieren und für Aufführungen, das Ensembles fördert und fordert, sie auf ihrem künstlerischen Weg stärkt und identitätsstiftend ist für die freie Tanz- und Theaterszene.» Wie ein solches Haus zu finanzieren ist, steht auf einem anderen Blatt. Sie sieht die öffentliche Hand in der Pflicht. «Die Frage nach dem Geld ist natürlich relevant, aber sie zu beantworten ist Aufgabe der Politik.»
Glücklicher Thurgau
Die freie Tanz- und Theaterszene im Thurgau kennt vergleichbare Raumprobleme wie in St.Gallen nicht. Der Grund: Es fehlt ein eigenes Kantonstheater, das Ressourcen binden würde – der Thurgau unterstützt die Theater in St.Gallen und Konstanz mit Beiträgen.
Entsprechend mehr Mittel sind für die freie Szene vorhanden, und es haben sich gleich mehrere Probe- und Aufführungsorte etabliert: das Phönix-Theater in Steckborn, 1981 gegründet und auf Tanz spezialisiert, das Theaterhaus Thurgau in Weinfelden, 2008 gebaut und mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendtheater, das vielfältige Eisenwerk Frauenfeld und, mit zehn Jahren die jüngste Institution, das Werkstatttheater Gleis 5 in Frauenfeld. Theater wird aber auch an diversen anderen Orten gespielt, vom Schloss Hagenwil bis zum See-Burgtheater in Kreuzlingen.
Dann halt in Lichtensteig?
Gisa Frank umschreibt ihre Vision ähnlich: Ein «kulturelles Kraftwerk» soll das ersehnte Haus sein, Arbeitsort, Treffpunkt, Bar und Bühne, von Künstler:innen wie von der Kreativwirtschaft genutzt und getragen. Für sie könnte ein solches Werkhaus auch auf dem Land stehen – Theaterbühnen seien zwar in der Stadt am richtigen Ort, wo auch das Publikum ist, aber zum Erarbeiten und Produzieren würde sie für einen ländlichen Standort plädieren.
Vielleicht ist dieser Ort schon gefunden: Lichtensteig. Dort kündigt sich nicht nur mit der Umnutzung der Fabrik am Stadtufer für Wohnen, Arbeiten und Kultur Grosses an, sondern auch mit der Planung «Zukunft Bahnhof». Das Areal um den Bahnhof und das Chössitheater wird gegenwärtig entwickelt und lädt explizit Leute mit Ideen zu Residenzen ein. Der Vorteil: Das Städtli im Toggenburg hat leerstehende Liegenschaften. Und es hat mit Mathias Müller einen Stadtpräsidenten, der voll auf die Karte Kultur setzt.
In der Stadt St.Gallen hingegen sei bisher kein politischer Wille spürbar, ein Wie-auch-immer-Kulturhaus in die Gänge zu bringen, sagt Ann Katrin Cooper. Dabei sei das Bedürfnis längst ausgewiesen, die Akteur:innen seien parat – jetzt müsse es endlich nicht mehr um das «Ob» und das «Wer» gehen, sondern um Inhalte: um das «Wo» und das «Was».
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
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